Vor 70 Jahren: Gründung des "Büros für Frauenfragen" in Wiesbaden

Hety Schmitt-Maaß

Hety Schmitt-Maaß
Hety Schmitt-Maaß als Seminarleiterin im Jahr 1955 (Foto von der Homepage des BüroF)

Am 1. Oktober 1950 wurde in Wiesbaden das „Büro für Frauenfragen“ gegründet. Der Vorläufer des „Büros für staatsbürgerliche Frauenarbeit e.V.“ (buero-frauenarbeit.de/) hatte die Aufgabe, als frauenspezifische Bildungseinrichtung das Interesse für Politik und öffentliches Leben zu wecken, um auf allen Ebenen Frauen stärker in politische Prozesse einzubinden.

Die Gründung ging maßgeblich auf die Initiative von Betsy Knapp zurück, die viele Jahre für die „League of Women Voters“ in Washington gearbeitet hatte und 1949 vom High Commissioner for Germany als Spezialistin für Frauenfragen in Deutschland eingesetzt worden war. Nach dem Vorbild der „Service Bureaus for Womens Organizations“ unterstützte sie mit Geldern des Marshall-Plans Frauenorganisationen. So wurde das von der Deutschen Antje Lemke-Bultmann geleitete Büro für Frauenfragen in den ersten Jahren von amerikanischer Seite finanziert; am 23. Februar 1953 kam es in deutsche Trägerschaft und wurde – unterstützt von der Hessischen Landesregierung – unter dem Namen „Büro für staatsbürgerliche Frauenarbeit“ als eingetragener Verein neu eingerichtet. Neben den Bildungsangeboten stellte sich das BüroF, wie es heute abgekürzt genannt wird, als Serviceeinrichtung in den Dienst aller hessischen Frauen und Frauenorganisationen. Zusammengeschlossen ist es heute mit dem Landesfrauenrat. Damit stehen 46 Frauenverbände aus ganz Hessen hinter dem Büro. Kein anderes Bundesland hat eine vergleichbare Institution.

Eine wichtige Persönlichkeit in der Gründungsgeschichte des Büros für Frauenfragen ist Hety Schmitt-Maaß, die Assistentin Betsy Knapps. Die Tochter des Wiesbadener Stadtrates und Leiters der Volkshochschule Johannes Maaß engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die SPD und wurde 1948 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ihre Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und ihre breite Rezeption von Literatur zum Holocaust zeigte sich unter anderem in einer intensiven Korrespondenz mit dem Auschwitz-Überlebenden Primo Levi, dessen Roman „Ist das ein Mensch?“ 1947 erschienen war. Der Briefwechsel begann 1966 und endete mit ihrem Tod 1983. Ihr Nachlass, der die Korrespondenz mit Levi enthält, wird seit 2006 im Stadtarchiv Wiesbaden aufbewahrt (vgl. dazu ausführlich den Beitrag von Cornelia Röhlke in den Archivnachrichten aus Hessen 2007/2, S. 44-46, Direktlink).

Das Foto zeigt Hety Schmitt-Maaß 1955 als Seminarleiterin. Das breitgefächerte Bildungsangebot ist auch heute noch ein Schwerpunkt der Arbeit des Büros; das Jahresprogramm, für das sich alle interessierten hessischen Frauen anmelden können, bietet sowohl Seminare zur Altersvorsorge oder selbstbewusstem Auftreten als auch Exkursionen zum Hessischen Landtag, zum Satellitenkontrollzentrum oder zur Kaffeerösterei (Link zum Programm 2020). Es sollte eifrig genutzt werden, stellt das BüroF doch eine einzigartige Einrichtung in Deutschland dar!

Die Überlieferung des Büros für staatsbürgerliche Frauenarbeit ist im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Abt. 2034 zu finden (Link zum Archivinformationssystem Arcinsys); eine Nutzung ist mit Genehmigung des Eigentümers möglich.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

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