30 Jahre Wiedervereinigung

Umbruchszeit im Spiegel der Presse

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Artikel aus der Fuldaer Zeitung vom 14. Juli 1989
An der Grenze: Pappsoldaten und eine gescheiterte Flucht. (Artikel aus der Fuldaer Zeitung vom 14. Juli 1989)

Im Oktober wird der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert. Für die ereignisvolle Zeit zwischen 1988 und 1990 verwahrt das Staatsarchiv Marburg ein spannendes Zeitdokument, das einer wissenschaftlichen Würdigung noch bedarf: HStAM 602/2 Hauptzollamt Fulda, Nr. 12 enthält die Presseberichte und Pressearbeit des Hauptzollamtes Fulda aus diesem Zeitraum, die eine vielseitige Bandbreite der Themen mit Zoll- und Grenzbezug dokumentieren. Dabei wurden vor allem Zeitungsausschnitte, aber auch die Presseberichte und -mitteilungen des Zollamtes Fulda gesammelt.

Während 1988 noch die Routine der Zöllner am Zonenrandgebiet die Berichte bestimmen, werden auch die Leistungen der Zöllner beim Preis-Schießen (Hünfelder Zeitung 160, vom 13. Juli 1988) oder der Zollhunde in einem vielseitigen Wettbewerb mit Nasenarbeit, Fährtenarbeit und Schutzdienst (HNA 216 vom 16. September 1988) erwähnt. Noch am 10. Dezember 1988 meldete die Fuldaer Zeitung: „Kein Grenzübergang im Kreis Fulda geplant“. Dieser war im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs zur DDR vom Kreisausschuss gefordert worden. Am 14. Juli 1989 berichtete die Fuldaer Zeitung von den Beobachtungen des Bundesgrenzschutzes und des Zolls an der DDR-Grenze aus dem Monat Juni, in dem die Grenzschützer beobachteten, dass der mobile Beobachtungsstand in Obersuhl lediglich mit zwei Pappsoldaten besetzt war, was bei ihnen ein Schmunzeln hervorrief. Im Dezember 1989 war dann die besondere Stimmung der Wendezeit auch spürbar: „neuer Stellenwert für Osthessen“ titelte die Fuldaer Zeitung und zitiert weiter den Fuldaer Landrat Kramer: „Wir waren Randlage und sind jetzt Mitte.“

Wie sehr der Austausch im ehemaligen Zonenrandgebiet funktionierte, zeigt sich kurze Zeit später: „Deutsch-deutsche Weihnachten“ informierte am 27. Dezember vom gegenseitigen Transfer-Verkehr, bei dem die DDR-Zollbeamten Probleme hatten, da viele Bundesbürger ohne gültigen Reisepass einreisen wollten, während die Bundesdeutschen Zollbeamten nicht viel zu tun hatten. Mit dem Fortschreiten der Wiedervereinigung kam aber auch Ernüchterung. Durch das Wegfallen der Ausweis- und Zollkontrollen wurde im Sommer 1990 das Grenzschutzamt Braunschweig aufgelöst, zu dem auch die osthessischen Zöllner gehörten. Zwar wurden ihnen zum Ausgleich unbesetzte Stellen beispielsweise am Frankfurter Flughafen angeboten, aber die Perspektive, den Wohnort wechseln zu müssen und höhere Ausgaben etwa für Miete zu haben, führte zur Aussage: „Stimmung bei Zöllnern auf Nullpunkt“ (HNA, 27. Juni 1990). Tatsächlich pendelten in der Folge einige Zollbeamte nach Frankfurt, wo sie neue Herausforderungen fanden.

Die behördliche Dokumentation der wechselvollen Zeitgeschichte an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen vor 30 Jahren bietet somit einen Ansatz für zukünftige Forschung unter sozial- und wirtschaftshistorischen, aber auch mentalitätsgeschichtlichen Aspekten, die in dieser Art möglicherweise nicht zu erwarten war.
Eva Bender, Marburg

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