Abschaffung der Schulferien im Sommer

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Alphabettafel
Buchstabentafel "zur Verbesserung des deutschen Schulwesens", erstellt von Generalsuperintendent Dr. Lange, 1747-1748 (HHStAW Abt. 131 Nr. XI c 5)

„Die Abschaffung der Schulferien im Sommer im gemeinschaftlichen Amte Nassau“ - so lautet der Titel einer nur zwei Blatt umfassenden Akte im Hessischen Hauptstaatsarchiv (HHStAW Abt. 351 Nr. 587). Die heutzutage befremdlich anmutende Forderung, die nicht nur bei Schulkindern für Empörung sorgen würde, wird jedoch bei näherer Betrachtung des geschichtlichen Hintergrunds verständlich.

Die Regenten des 18. Jahrhunderts hatten erkannt, dass sich eine allgemeine Verbesserung des Staatswesens, und zwar sowohl in wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Hinsicht, nur mit einer besseren Bildung der gesamten Bevölkerung erreichen ließ. Die Einführung eines geregelten Schulunterrichts stieß jedoch auf zahlreiche Hindernisse, von denen sich finanzielle Probleme noch am einfachsten beheben ließen. Vielfach fehlte es an qualifiziertem Lehrpersonal, an passenden Örtlichkeiten, an geeignetem Unterrichtsmaterial - und oftmals auch am Willen der Beteiligten. Die Notwendigkeit schulischer Bildung war noch nicht in alle Bevölkerungsschichten vorgedrungen und wurde insbesondere dann skeptisch betrachtet, wenn die zu beschulenden Kinder als Arbeitskraft benötigt wurden. Pfarrer und Geistliche, die mancherorts bislang für eine Grundbildung gesorgt hatten, waren nur selten bereit, ihre Lehrkompetenz an auswärtige Lehrer abzutreten, und standen einem „religionsneutralen“ Schulunterricht kritisch gegenüber. Hinzu kamen rein verwaltungstechnische Probleme, für die das „gemeinschaftliche Amt Nassau“ ein besonderes Beispiel bietet: Die dreizehn Dörfer des Amtes unterstanden vier Herren unterschiedlicher Konfessionen (Nassau-Oranien, Nassau-Usingen, Nassau-Weilburg und Hessen-Kassel), deren Zustimmung bei allen wichtigen Angelegenheiten erforderlich war.

Die meisten Schulen, die während des 18. Jahrhunderts auf dem Land eingerichtet wurden, waren sogenannte „Winterschulen“, da Kinder und Lehrer im Sommer ihre Zeit für die Feldarbeit brauchten. So musste auch der Nassau-Usinger Amtmann Kobbe im Jahr 1776 der Regierung in Wiesbaden berichten, dass in den Dörfern des Amtes zwischen Ostern und dem Michaelis-Tag kein Schulunterricht stattfinde. Je nach Ostertermin umfasste dies den Zeitraum zwischen 22. März bzw. 25. April und dem 29. September, also rund ein halbes Jahr. Kobbe regte an, die Schuldiener dazu anzuweisen, „auch in denen Sommer-Monaten wenigstens eine Stunde vormittags und eine Stunde am Nachmittag information zu geben.“ Die Begründung lieferte er gleich mit: „...indem jederman einleuchten muß, daß dasjenige, was die Kinder im Winter erlernen, von solchen auch im Sommer wieder verschwizet [vergessen] werden müsse“.

Die flächendeckende Einführung von Elementarschulen (Grundschulen) zog sich noch mehrere Jahrzehnte hin und wurde erst im Herzogtum Nassau realisiert, dann jedoch erstaunlich modern: In den seit 1817 bestehenden sogenannten „Nassauischen Simultanschulen“ wurden Kinder unabhängig von Geschlecht und Religion gemeinsam unterrichtet.
Die Sommerferien in Hessen dauern dieses Jahr vom 25. Juni bis zum 3. August.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden