Abt. 1260 Familienarchiv Abraham Frank erschlossen

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Israelitische Familienchronik
Israelitische Familienchronik (Abt. 1260 Nr. 29)

Mit der Erschließung von Abt. 1260 Familienarchiv Abraham Frank wurden der Öffentlichkeit zahlreiche Unterlagen, Fotografien und Briefe zur Geschichte jüdischer Familien in Hessen zugänglich gemacht.
Der im Jahr 2016 verstorbene Genealoge Abraham Frank forschte intensiv zur Geschichte seiner Vorfahren und ihren Verwandten, den Familien Frank und Adler aus Flacht bzw. Frauenstein und Schierstein, der aus Wesel am Rhein stammenden Familie Spier (später Gießen und Zwesten) sowie der Familie Eschenheimer-Nachmann aus Bad Camberg. Die nun verzeichneten Dokumente bieten ein eindrückliches Bild vom Alltag deutsch-jüdischer Familien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Nationalsozialismus.

Besonders prachtvoll ist die „Israelitische Familienchronik“, die der Lehrer Simon (Süs) Spier und Amalie Wilmersdoerfer zu ihrer Verlobung erhalten hatten. In ihr konnten alle wichtigen Familiendaten eingetragen werden, angefangen mit einem „Stammbaum“ über Verlobung und Hochzeit zu den Geburten der Kinder bis hin zu Todesfällen.

Stammbaum von Simon Spier
Stammbaum von Simon Spier

Stammbaum von Simon Spier, geb. 1864. Eine spätere Hand ergänzte weitere Daten, darunter die Todesdaten: Simons Schwester Käthchen starb am 12.08.1943 im Konzentrationslager Theresienstadt (Eintrag unten rechts).

Verlobungsanzeige Spier
Verlobungsanzeige von Simon Spier und Amalie Wilmersdoerfer

Simon Spier und Amalie Wilmersdoerfer gaben am 3. September 1891 ihre Heirat in verschiedenen Zeitungen bekannt; Auschnitte davon wurden in die Familienchronik eingeklebt. Die Heirat erfolgte ein Jahr später.

Hochzeitsmenü Spier
Hochzeitsmenü von Simon und Amalie Spier, 1891

Hochzeitsmenü von Simon Spier und Amalie Wilmersdoerfer, 1891. Es gab Victoria-Suppe, Karpfen, Roastbeef, Grüne Zunge... und eine große Auswahl an Desserts: Macaronen-Pudding mit Weincréme, Torte, einen „Mandelberg“ und „Figur-Eis“.

Geburtsanzeige von Betty Spier
Geburtsanzeige von Betty Spier

Ein Jahr nach der Hochzeit wurde die erste Tochter geboren, Betty. Der handschriftliche Geburtseintrag in der Familienchronik wird von der aus der Zeitungs ausgeschnittenen Geburtsanzeige gekrönt; darunter steht ein vermutlich vom Vater geschriebener Segenswunsch in Hebräisch, der durch die schöne Kalligraphie eine besondere Note erhält. Wie üblich erhielt Betty noch einen traditionellen Namen: Breinchen bat Elieser [Tochter des Elieser]. Ein Vergleich mit dem Stammbaum zeigt, dass die Spiers bei der Namenswahl auf Vorfahren und Verwandte zurückgriffen - eine zeitgenössische Tradition, die von Juden und Christen gleichermaßen gepflegt wurde. Elieser war der hebräische Name von Simon Spier, der in der Familie als Vatersname tradiert war.

Sterbeeintrag von Amalie Spier
Sterbeeintrag von Amalie Spier

Amalie Spier starb 1924, mit nur 59 Jahren. Mit Ausnahme ihrer Tochter Ilse, die zeitlebens ledig blieb, waren ihre Töchter bereits verheiratet; Betty war ihrerseits schon Mutter. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelangen dem Ehemann Simon (gest. 1951) und den Töchtern mit ihren Familien noch rechtzeitig die Emigration nach Palästina bzw. ins heutige Israel, wo noch zahlreiche Nachfahren von Simon und Amalie Spier leben. Die Familienchronik wurde vermutlich von Leo (Yehuda) und Betty Frank zusammen mit zahlreichen Erinnerungsstücken mit in die neue Heimat genommen und schließlich von ihrem Sohn Abraham Frank als Nachlass dem Hessischen Hauptstaatsarchiv übereignet.
Dorothee A.E. Sattler

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