Adelskultur aus erster Hand

Korrespondenz zwischen Prinz Wasa und Prinz Karl von Hessen in Darmstadt

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Freundschaftsbild
So fest wie Felsenmauern / Soll unsere Freundschaft dauern. - Freundschaftsbild aus der Korrespondenzserie

Prinz Wasa? Das Knäckebrot dieser Marke ist bekannt. Und auch die 1672 erloschene schwedische Königsdynastie hat noch einen Namen. Aber dem Prinzen Gustav Wasa (1799–1877) aus dem 19. Jahrhundert kommt eine solche Popularität nicht zu. Bei handelte es sich um den Sohn des 1809 abgesetzten Schwedenkönigs Gustav IV. Adolf (von Holstein-Gottorp), der – wie sein Vater – ins Exil gehen musste. Da er sich nicht Prinz von Schweden nennen durfte, wählte er seinen Namen nach der ehemaligen Königsdynastie. Er trat in die österreichische Armee ein, heiratete Prinzessin Luise Amelie von Baden und pflegte ein besonders enges Verhältnis zu Erzherzogin Sophie, der Mutter Kaiser Franz Josephs von Österreich, was zu einigen Gerüchten Anlass bot. Letztlich aber gab es keine zentrale Aufgabe in seinem Leben, so dass er als einer der immer zahlreicher werdenden abgesetzten Vertreter an europäischen Höfen sein Auskommen finden musste. Als Teil des europäischen Adelsnetzwerks war er bestens verknüpft, und er bietet sich daher als Forschungsobjekt der neuen Adelsforschung unter einer kultur- und politikgeschichtlichen Perspektive bestens an.

Dem kommt ein überaus reicher Fundus an Briefen an Prinz Karl von Hessen (1809–1877) entgegen, die sich im Staatsarchiv Darmstadt überliefert haben. Karl, ein nachgeborener Sohn des Großherzogs Ludwig II., hatte den Prinzen Wasa in den späten 20er Jahren beim österreichischen Militär kennengelernt, wo er seine fünfjährige Dienstzeit absolvierte. Seit dieser Zeit brach der Kontakt nicht mehr ab. Insgesamt sind von 1829 bis 1877 621 Briefe Wasas an den Prinzen Karl in Darmstadt überliefert (HStAD D 23/2 bis 23/7) – mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den Jahren ab 1864 (304 Briefe). Die meisten Schreiben sind sechs bis acht Seiten lang und mit der sauberen, aber kleinen Schrift Wasas reichlich mit Informationen angefüllt. Die politischen Ereignisse der Donaumonarchie werden ausführlich geschildert – insbesondere auch während der 1848er Revolution. Klatsch und Tratsch findet sich ebenso darunter wie Berichte über Theateraufführungen. Die Briefe sind daher eine erstklassige Quelle für das politische und kulturelle Leben in der Donaumonarchie.

Brief von Prinz Gustav Wasa (1799–1877)
Ein Brief von Prinz Gustav Wasa (1799–1877)

Aber der Radius ist viel weiter gesteckt. Denn von Reisen nach Nizza, England und Schottland, Paris und Dresden wird berichtet, von Rheinfahrten mit Besuchen in Wiesbaden und Mainz. Von regelmäßigen Ausflügen Wasas zu seiner Verwandtschaft in Oldenburg und Karlsruhe ist zu lesen, und natürlich auch von Stippvisiten im Großherzogtum Hessen – nach Darmstadt, Bessungen, Heiligenberg, Friedberg und Bad Nauheim. Diese Reisen verdeutlichen das umfangreiche Netzwerk des exilierten Prinzen Wasa und lassen den Radius der Informationen aus der Adelswelt des 19. Jahrhunderts erahnen. Wer sich mit modernen Fragen wie dem Kampf ums Obenbleiben, den informellen Strukturen und der Selbstdefinition des Adels in jener Zeit beschäftigen möchte, wird in der umfangreichen Korrespondenz des Prinzen Wasa fündig. Gerade unter diesen aktuellen Fragestellungen wartet der Fundus an Briefen gehoben und ausgewertet zu werden.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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