Aktenflucht während der Koalitionskriege

Das Beispiel Fulda

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Brief des Fuldaer Domkapitels
Oberhalb des Siegels befindet sich ein Inhaltsvermerk: "Den Köstenbetrag für die zu Flüchtung der Domkapitulischen Archivalien gefertigte 2 Coffers und dessen Bezahlung betr. de 1796"

Nachdem im vorletzten Newsletter darüber berichtet wurde, wie Archivalien heutzutage auf Reisen gehen, berichten wir heute über der Archivalientransport früherer Jahrhunderte. Denn in den archivischen Findbüchern lassen sich immer wieder Hinweise auf Akten finden, die sich mit dem Transport von Akten, Urkunden und sonstigen Archivalien beschäftigen. In der Überlieferung des Stiftskapitels Fulda (HStAM Bestand 96 Nr. 50) hat sich ein Brief des Domdechanten Schrimpf vom 24. Februar 1796 an Fürstbischof Adalbert erhalten, in dem es um die Begleichung einer Rechnung „für zur Flüchtung des Domkapitularischen Archivs angefertigten zwei Koffer“ geht.

Geschrieben wurde der Brief gegen Ende des Ersten Koalitionskrieges (1792–1797), zu einem Zeitpunkt, an dem im Fuldaer Raum mit feindlichen Truppendurchzügen aus Franken zu rechnen war. 1795 war es bereits dazu gekommen. Die heraufziehende Bedrohung wurde ohne Umschweife gleich im Brief angesprochen: „bey der lezt drohenden Gefahr eines feindlichen Überfalls, wo man zur Vorsorge die Archive zum Flüchten vorbereitete“, habe man extra einige Kästen für die Archivalien angefertigt. Allerdings waren diese nicht angemessen, denn es handelte sich um „rohe Kästen“, die zudem „wegen ihrer Befestigung mit Nägeln“ eine große Gefahr für „die eingepackten Sachen“ darstellten. Das Domkapitel entschied sich daher, zwei weitere Koffer nach dem Vorbild der „haltbaren Coffer im Landes Archiv“ anfertigen zu lassen, was Kosten von 68 Gulden verursachte. Denn im Archiv des Domkapitels befanden sich „ebenfalls zur Landes Grund Verfassung gehörige[n] Originalien, Actenstücke und wesentliche[n] Piecen als ein Theil zum Landes Archiv gewidmet". Aufgrund eines Sonderfriedens mit Frankreich fühlte sich das Domkapitel aber nicht bedroht, weshalb es den Bischof um die Erstattung der Kosten für die zwei Spezialkoffer bat. Denn es war abzusehen, dass sich Fürstbischof Adalbert von Haller diesem Sonderfrieden nicht anschließen werde, da er in dem Beitritt zu einem Sonderfrieden mit Frankreich einen Verrat an Kaiser und Reich sah, weshalb durch sein Verhalten das Archivgut gefährdet war. Tatsächlich floh er in der Folgezeit nach Hammelburg und brachte so die wertvollsten Elemente des Bistums in Sicherheit: Landeskasse und Archiv.

Der mit einem schönen Siegel des Domkapitels versehene Brief dokumentiert neben dem Kriegsgeschehen Ende des 18. Jahrhunderts in Hessen und seinen Auswirkungen aber auch zwei weitere Aspekte: zunächst verweist er auf die landeshistorisch interessante Trennung von Bistum und Domkapitel, die in diesem Verwaltungsdokument belegt ist. Daneben zeigt es sehr anschaulich die über Jahrhunderte staatsfundierende Bedeutung von Archiven, die über die in ihnen verwahrten Urkunden und Dokumente politische Rechtsverhältnisse und Besitzungen belegen, deren Verlust, etwa durch Kriegswirren, die Einbuße der Legitimationsgrundlage des territorialen Zusammenhaltes sowie beanspruchter Rechte bedeuten konnte.
Eva Bender, Marburg

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