Das belagerte Frankfurt

Prinz Friedrich August von Hessen-Darmstadt erläutert eine von ihm konzipierte Allegorie

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Allegorie auf das belagerte Frankfurt von Prinz Friedrich August von Hessen-Darmstadt
Allegorie auf das belagerte Frankfurt von Prinz Friedrich August von Hessen-Darmstadt (HStAD Best. D 4 Nr. 494/6)

1803 beabsichtigte Prinz Friedrich August von Hessen-Darmstadt (1759–1808), Sohn des Prinzen Georg Ludwig von Hessen-Darmstadt und damit Neffe des Landgrafen Ludwig IX., ein umfangreiches Buch mit dem Titel „Denkmal dem deutschen Vaterlande, seinen Söhnen und Töchtern mit besonderer Hinsicht auf die Edelthaten Frankfurts gewidmet“ zu veröffentlichen. Das Manuskript, das im Großen und Ganzen 1792 verfasst worden war, lag seit 1794 in einem Umfang von 51 Seiten vor (HStAD Best. D 4 Nr. 494/6), zur Veröffentlichung aber ist es nie gekommen. Lediglich gedruckte Subskriptionsanzeigen wurden veröffentlicht, in denen der Autor ausführlich schilderte, um was es ihm ging. Nachdem der „zehnjährige Kampf für Recht und Unrecht, Freyheit und Sclaverey, Patriotismus und Despotismus, wahren und falschen Schein“ vorüber sei, erfreue sich Europa nun des Friedens. Bezug nahm der Prinz auf die sogenannten Revolutionskriege des revolutionären Frankreich gegen das Heilige Römische Reich, die 1801 im Friede von Lunéville bzw. 1802 im Friede von Amiens vorerst zu einem Ende gekommen waren. Auch die Frankfurter Bürger hatten mitgeholfen, „standhaft und ausdauernd alle Gefahren, die dem deutschen Vaterlande droheten“, zu überwinden. Prinz Friedrich August dürfte sich damit darauf beziehen, dass die Stadt Frankfurt Ende Oktober 1792 unter französische Kontrolle geraten war, die französischen Truppen aber durch das hessen-kasselische Militär Anfang Dezember wieder auf die linke Rheinseite zurückgedrängt werden konnte. Der Prinz plädierte insgesamt an die Vaterlandsliebe der Deutschen, so dass der Duktus des Textes sehr nationaldeutsch gehalten ist. Er verstand ihn selbst als „Anweißung für Deutschlands bewaffnete VolksMassen, welche selbst die Vertheidigung ihrer Festungen zu übernehmen gesonnen sind“.

Druckfahne des unveröffentlichten Buchs "Denkmal dem deutschen Vaterlande"
Druckfahne des unveröffentlichten Buchs "Denkmal dem deutschen Vaterlande" (HStAD Best. D 4 Nr. 494/6)

Das Buch sollte mit dem Druck von eigenhändigen bildnerischen Vorlagen des schriftstellerisch sehr aktiven Hessenprinzen ausgestattet werden. Einige Zeichnungen liegen dem Konvolut im Original bei. Eines aber ist besonders interessant, weil der Künstler seine Zeichnung selbst erläuterte. In dieser „Erklärung“ heißt es:

Erklärung
Der beiliegenden Zeichnung, des im Jahr 1808 verstorbenen Prinzen Friedrich August von Hessen-Darmstadt
Diese Zeichnung welche bestimmt gewesen, als artistische Beilage des von demselben verfaßten Werkchen, „Denkmal dem Deutschen Vaterlande, seinen Söhnen und Töchtern mit besonderer Hinsicht auf die Edelthaten Frankfurts gewidmet;“ in Kupfern gestochen zu zieren, jedoch nicht erschienen ist, erklärt der Verfertiger und Verfaßer in der gedruckten Subskriptionsanzeige von dem 1ten Mai 1803 also:
„Ein allegorisches Kupfer auf die Uneinigkeit der gegen Frankreich Verbündeten wodurch dieses das große Übergewicht bekam, hindeutend: Eine belagerte Stadt. Mars leitet die Belagerung, gestützt auf sein Schwerd und auf die Eintracht blickt er mit Zuversicht des glücklichen Erfolges nach der Stadt hin, während die Verblendung halb kniend zum Scheine eine Bittschrift mit dem Worte: Schone! zeigt. Jetzt schwebt über dem Mann die Unentschlossenheit, während die Verblendung mit dem Symbole der Maske in der Hand, ihre wahre Absicht ausführt und aus dem Bunde der Eintracht und der Stärke einen Staab nach dem andern zieht, und der Verwüstung welche mit der brennenden Fackel hinter dem Busche lauscht, überläßt.
Minerva, die Göttin des Kriegs und der Weisheit, welche Mars zur Rechten steht; hält diesen Anblick der Verwirrung nicht länger aus, kehrt den Rücken und lehnt muthlos Schild und Spies an einen alten Eichstamm (Sinbild der Jahrhunderte Deutscher Verfassung) und bedeckt die an demselben gehefteten Wage und Schwerd der Gerechtigkeit mit dem Schleier der Zukunft!“

Sicherlich wäre es lohnend, sich sowohl diese allgemeine Interpretation der politischen Situation der 1790er Jahre als auch die umfangreiche Publizistik des Prinzen einmal näher anzusehen, um alles in den geistesgeschichtlichen Kontext einer ebenso aufregenden wie aufgeregten Zeit zu stellen.
Rouven Pons, Darmstadt

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