Vor 80 Jahren: Das Tragen des „Judensterns“ wird angeordnet

19. September 1941

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Zwei Stoffaufnäher von sog. Judensternen
Zwei Stoffaufnäher von sog. Judensternen (HStAD Best. R 12 F Nr. 36)

Die Verfolgung der europäischen Juden fand ihren Ausdruck auch in deren Stigmatisierung. Das bekannteste Beispiel für die Kennzeichnung ist der „Judenstern“. Hierfür wurde der Davidstern als religiöses Symbol des Judentums missbraucht. Die geschwungenen Buchstaben der Aufschrift „Jude“ imitierten die hebräische Schrift.

Mit der „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“ vom 19. September 1941 wurde es Juden verboten, sich ohne den Aufnäher in der Öffentlichkeit zu zeigen. Er musste gut sichtbar auf der linken Brustseite der Kleidung getragen werden. Allein Kinder bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres waren davon ausgenommen. Als Strafen für das Nichttragen des Sterns waren in der Verordnung eine Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark oder Haft bis zu sechs Wochen angesetzt. Dies konnte in der Praxis auch höher ausfallen, wie die Akte zu Berek Rothstein, überliefert in HStAM Best. 251 Wehlheiden, zeigt: Dieser wurde wegen Nichttragens des Judensterns zu vier Monaten Zuchthaus verurteilt; in Verbindung mit anderen Tatbeständen (Beihilfe zur unerlaubten Ausreise von Juden und Urkundenfälschung) betrug das Strafmaß insgesamt drei Jahre und sechs Monate Zuchthaus.

Parteiamtliche Wandzeitung der NSDAP „Parole der Woche“ Nr. 27
Parteiamtliche Wandzeitung der NSDAP 'Parole der Woche' Nr. 27 mit antisemitischer Propaganda (HStAD Best. R 2 Nr. 4838/3)

Unter Aufsicht des Reichsministeriums des Innern stehend, musste die Reichsvereinigung der Juden die gelben Sterne verkaufen; der Preis für ein Exemplar betrug zehn Pfennige. Pro Person wurden nur drei Sterne ausgegeben, was dazu führte, dass diese häufig von Kleidungsstück zu Kleidungsstück umgenäht werden mussten oder an einer Jacke o.ä. befestigt wurden, die öfters über der anderen Kleidung getragen werden konnte.
Aufgehoben wurde die Verordnung durch Kontrollratsgesetz Nr. 1 vom 20. September 1945. Im Bundesentschädigungsgesetz 1953 wurde unter dem Dritten Titel Schaden an Freiheit – II. Freiheitsbeschränkung in den Paragraphen 47 und 48 für das Tragen des Judensterns eine Entschädigung von 150,- Mark pro Monat festgelegt.

Zwei ältere jüdische Männer mit sog. Judensternen am Hauptbahnhof in Hanau, 1942
Zwei ältere jüdische Männer mit sog. Judensternen auf dem Bahnhof in Hanau. Das Foto wurde vermutlich während der Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Jahr 1942 aufgenommen (HStAD Best. R 4 Nr. 14717)

Der gelbe Stern steht in der Tradition diskriminierender Kennzeichnung von Juden etwa mit einem gelben Ring oder Fleck seit der Frühen Neuzeit. Als schnell zu erkennendes, stigmatisierendes Symbol machte er wie diese die Träger leicht zum Ziel antisemitischer Demütigungen und Angriffe. Als öffentlich sichtbarer Ausdruck der sich seit 1933 ständig verschärfenden Repressalien im NS-Staat hat der „Judenstern“ jedoch eine andere Qualität: Er wurde just zu dem Zeitpunkt eingeführt, als die systematischen Deportationen in die Ghettos und Konzentrationslager begannen. Mit dem Kennzeichen ließen sich dessen Träger leichter auffinden. Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, formulierte diesen Gedanken bereits bei der Besprechung über die „Judenfrage“ im Reichsluftfahrtministerium am 12. November 1938: „Jeder Jude im Sinn der Nürnberger Gesetze muss ein bestimmtes Abzeichen tragen. Das ist eine Möglichkeit, die viele andere Dinge erleichtert.“ Der Judenstern war somit eine Maßnahme zur Durchführung des Holocausts.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

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