Komplizierte Arbeitsabläufe neu gedacht

Reformversuche im Zollamt "Zollhof" in Frankfurt in den 1960er Jahren

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Kasse in einem unbekannten Frankfurter Zollamt, um 1925
Kasse in einem unbekannten Frankfurter Zollamt, um 1925

Wer im Archivinformationssystem Arcinsys in der behördlichen Überlieferung stöbert, entdeckt immer wieder Verzeichnungen, welche die Organisationsstrukturen von Behörden, Verwaltungs- und Personalangelegenheiten, die behördliche Infrastruktur und die jeweiligen Liegenschaften behandeln. Auch wenn diese Themen auf den ersten Blick nicht besonders spannend wirken, sind die Akten jedoch nicht zufällig im Archiv gelandet: Organisations- und Verwaltungsakten der Behörden werden bewusst übernommen, um „staatliches Handeln dauerhaft transparent und nachvollziehbar zu halten“, wie es etwa auf der Webseite des Hessischen Landesarchivs heißt.
Als Beispiel können zwei Akten aus der Überlieferung des Zollamts Gutleutstraße in Frankfurt dienen, die unter etwas sperrigen Titeln erschlossen sind: „Umorganisation der Zollabfertigung am Zollhof und am Westhafen in Frankfurt sowie Umbaumaßnahmen zur Verbesserung der Raum- und Kommunikationswege“ (HHStAW Abt. 488 Nr. 18) und „Verbesserung der Kommunikationswege in der Zollabfertigungsstelle am Zollhof in Frankfurt und Einbau einer Rohrpost-Anlage“ (HHStAW Abt. 488 Nr. 17).

Zollabfertigung in einem unbekannten Frankfurter Zollamt, um 1925
Zollabfertigung in einem unbekannten Frankfurter Zollamt, um 1925

Das Zollamt, das für den Frankfurter Westhafen zuständig war, befand sich seit 1911 in einem eigenen Gebäude- und Grundstückskomplex, dem Zollhof. Er befand sich zwischen Gutleut-, Zander- und der heutigen Speicherstraße und bestand aus dem Zollamt in der Gutleutstraße 185 sowie zahlreichen Lager- und Speicherräumen, die teilweise jenseits (südlich) der Bahngleise der Hafenbahn, d.h. direkt am Hafenbecken lagen. Aufgrund starker Kriegszerstörungen, Nutzung der Gebäude durch die Besatzungsmacht, Firmen und den städtischen Hafenbetrieben war eine schnelle und effektive Zollabwicklung kaum möglich. Wiewohl der Vorsteher des Zollamts, Herr Ronde, bereits frühzeitig eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen forderte, nahm man sich erst in den 1960 Jahren der Sache an: Inzwischen häuften sich die Beschwerden von Gewerbetreibenden und Privatpersonen über die langsame Zollabwicklung, die stellenweise bis zu vier Tage dauerte.

Plan der Zollanlagen an der Gutleutstraße in Frankfurt
Plan des Zollhofs. Oben das Zollamt (HZA) an der Gutleutstraße, darunter ein Lagerhaus und darunter "Bau 19/20" mit der Verbindungsbrücke über die Hafenbahn zu den Gebäuden am Westhafen.

Besonders zeitraubend waren die langen Wege, welche die Zollmitarbeiter zwischen dem Zollamt an der Gutleutstraße und den Betriebsräumen am Westhafen sowie in den Gebäuden selbst zurückzulegen hatten. Erschwerend kam hinzu, dass die Lagerung von Zollgut auf den Zollböden der Stadt Frankfurt bei der Lagerbuchhaltung der Hafenbetriebe anzumelden war, die sich jenseits der Trasse der Hafenbahn in einem Gebäude direkt am Hafenbecken befand. Aufgrund des starken Güter- und Rangierbetriebs konnten die Gleise nur über eine kleine Fußgängerbrücke überquert werden, die sich zwischen zwei Zoll- bzw. Hafengebäuden befand. Das führte dazu, dass für die Ein- und Auslagerung einer einzigen Ware, deren Zollgebühren bar bezahlt wurden, insgesamt 1400 m Weg zurückgelegt werden mussten, wie der Zollvorsteher detailliert berechnete. Er regte daher die Einrichtung einer eigenen Buchhaltung und Kasse in einem von den Hafenbetrieben genutzten Gebäude an, was den Arbeitsweg bei barbezahlten Waren auf 190 m reduzierte.

Unbekanntes Zollgebäude in Frankfurt, um 1925
Unbekanntes Zollamtsgebäude in Frankfurt, möglicherweise "Bau 19" des Zollamts Gutleutstraße (Zollhof) mit dem sich anschließenden Zollboden und im Hintergrund "Bau 20", um 1925

Nach einigen Diskussionen mit den städtischen Hafenbetrieben, die ihrerseits nicht auf Lager- und Bürofläche verzichten konnten, konkretisierten sich die Umbaupläne für die als „Bau 19/20“ bezeichneten Häuser. Hierbei handelte es sich um zwei aneinandergebaute Lagerhäuser mit einem großen Zollboden in der Mitte und umliegenden Büros. Doch auch hier reichte der Platz für den ständig zunehmenden Zollverkehr kaum aus. Im größten Büroraum von Lagerhaus 19, der eine Fläche von 44 m2 besaß, sollten künftig sieben Beamte arbeiten, was selbst dann beengt war, wenn man den Raum nur mit dem notwendigsten Mobiliar ausstattete. Zudem waren die Räumlichkeiten aufgrund ihrer „abnormen Höhe“, den „Eisenfenstern“ und dem Steinfußboden nur bedingt für den Publikumsverkehr tauglich. Auch der vorgeschlagene Einbau einer neuen Heizung und moderner Beleuchtung (Neonleuchten) sowie „Wasch- und Wasserzapfgelegenheiten“ konnten über das Alter und die Behelfsmäßigkeit der Zollräume nicht hinwegtäuschen. Immerhin waren die Wege nun kurz und führten in einem Kreis direkt vom Eingang über die Büros, den Laborraum und die Waage zur Kasse.

Ähnlich beengt war es auch in Lagerhaus 20, wo die KFZ-Stelle des Zolls untergebracht war, was Zollvorsteher Ronde besondere Sorgen bereitete: „Bei dem starken Publikumsverkehr der Kfz-Stelle muß der gegenwärtige Zustand der Enge und Behelfsmäßigkeit (…) als änderungsbedürftig bezeichnet werden. Die Besucher setzen sich aus Bürgern aller Länder der Welt und Mitgliedern der in der BRD stationierten ausländischen Streitkräfte zusammen. Die hier gesammelten Eindrücke können für die spätere Einstellung dieser Ausländer dem Gastland gegenüber bestimmend sein.“ Als Abhilfe wollte man in der KFZ-Stelle eine neue Theke einbauen, wobei allerdings dann für die Antragsteller gerade einmal 4 m2 übrigblieben.

Plan von Bau 19/20 des Zollhofs in Frankfurt (Fotomontage)
Plän von "Bau 19" (rechts) und "Bau 20". Dazwischen befand sich der sog. Zollboden, ein Lagerhaus. Im rechten Plan sind die neuen vereinfachten Wege der Zollabfertigung eingezeichnet (rot gestrichelt).

Um die Arbeitswege noch weiter zu optimieren, plante man 1961 sogar den Einbau einer groß dimensionierten Rohrpostanlage für jeden Arbeitsplatz. Für insgesamt 81 450,50 DM hätte die Firma Standard Elektrik Lorenz ein komplettes System installiert, wobei der Preis nur die technische Anlage an sich beinhaltete. Für Maurer-, Maler- und Elektrikerarbeiten und die Anschaffung passender Büromöbel wären weitere Kosten fällig geworden. Als Ergänzung schlug Standard Elektrik Lorenz zusätzlich eine Hochkant-Förderbandanlage vor, in der Akten in einer Art Gleissystem offen hochkant befördert wurden. Bei den beengten Raumverhältnissen des Zollamts und dem Schutzbedarf der Zollunterlagen war dieses System jedoch nicht einsetzbar. Doch noch bevor sich die Zollverwaltung entscheiden konnte, wurde 1963 ein neues Zollrecht erlassen, das eine andere Arbeitsorganisation erforderte.

Zudem sollte das Zollamt jetzt mit einem neuartigen „Aufgabenberechnungs-automaten“ ausgestattet werden, wofür im Zollboden ein eigener Raum eingezogen werden sollte (im rechten Grundriss oben rot eingezeichnet). Die städtischen Hafenbetriebe widersprachen diesen Planungen: Sie brauchten den Platz selbst. Also konnte der „Aufgabenberechnungsautomat“ nur in dem für die Kasse vorgesehenen Raum im Erdgeschoss aufgestellt werden, wohingegen die Kasse – wie zuvor – im darüberliegenden Stockwerk Platz fand. Die stringenten Planungen des Zollvorstehers Ronde wurden somit wieder zunichte gemacht. Immerhin wurde doch noch eine kleine Rohrpostanlage eingebaut, die nur vier Rohrpostbüchsen beinhaltete und als eine Art Dokumentenaufzug zwischen den Stockwerken bzw. zwischen Kassenraum und „Aufgabenberechnungsautomat“ diente. Der Kostenvoranschlag der Firma Siemens & Halske nannte 1901,- DM Kosten für Material und 1300,- DM für die Montage.
Das Problem mit den Toiletten – es gab keine Damentoiletten und genrell zu wenige - wurde nicht weiter thematisiert.

Hochkantförderanlage der Firma Standard Elektrik Lorenz (Bild aus einem Werbeprospekt)
Hochkantförderanlage der Firma Standard Elektrik Lorenz (Bild aus einem Werbeprospekt). Die Akten werden in einer Art Gleissystem automatisch zwischen den Bearbeiterinnen hin- und hertransportiert.

Die beiden Organisationsakten des Zollamts Gutleutstraße geben einen interessanten Einblick in die Wiederherstellung einer geregelten Zollabfertigung nach dem Krieg, die Probleme aufgrund beengter Räumlichkeiten, die komplizierte Zusammenarbeit verschiedener städtischer und staatlicher Stellen und die Veränderung des Wirtschaftsaufkommens und der Technik in den Jahren 1950-1965. Sie lassen Probleme in der Zollabfertigung, welche die Zeitgenossen nur von außen wahrgenommen haben, verständlich werden. Und sie machen die Wirtschafts- und Industriegeschichte des Frankfurter Gutleutviertels und des Westhafens wieder lebendig, die nach den zahlreichen Baumaßnahmen der letzten Jahre zunehmend aus dem Bewusstsein verschwinden: Von den zahlreichen Zoll- und Lagergebäuden und der Fußgängerbrücke, über die sich der Zollvorsteher Ronde so viele Gedanken machte, ist nur noch das ehemalige Zollamt selbst erhalten – und die Trasse der Hafenbahn, die jetzt von der Museumsbahn genutzt wird.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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