Gesangsepidemie auf der Jugendburg

Archiv der Jugendmusikbewegung online

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Gesangsepidemie in Stockholm, Karikatur auf Fritz Jöde (AdJb Best. A 228 Nr. 1274)
"Gesangsepidemie in Stockholm", Karikatur auf Fritz Jöde (AdJb Best. A 228 Nr. 1274)

Selbst in Zeiten, in denen man das Wort „Epidemie“ nicht mehr hören mag, hat eine „Sångepidemi“ doch einen freundlichen Klang. Der agile Herr, den eine Stockholmer Zeitung 1935 als Initiator einer „Gesangsepidemie“ karikierte, ist der Musikpädagoge Fritz Jöde (1887–1970). Mit Fug und Recht kann man ihn als den Protagonisten der Deutschen Jugendmusikbewegung betrachten, die sich als eigenständige pädagogische Bewegung um 1920 aus der Jugendbewegung heraus entwickelte und die Musikpädagogik nachhaltig prägte, bis weit über die Jahrhundertmitte hinaus. Dabei machte der Einfluss der Jugendmusikbewegung, wie die schwedische Karikatur bereits andeutet, keineswegs an den Landesgrenzen Halt: Ausstrahlungen ins europäische und außereuropäische Ausland lassen sich klar erkennen. Vieles, was für uns heute selbstverständlicher Teil des (deutschen) Laienmusiklebens ist, wurde durch Vertreter der Jugendmusikbewegung – allen voran Fritz Jöde selbst – begründet oder befördert, etwa Jugendmusikschulen, Musikunterricht in Schulen (über bloßes Singen hinaus), ambitionierte Laienchöre mit anspruchsvollem Repertoire oder das Offene Singen.

Offenes Singen in der Jungfernheide mit Fritz Jöde, Juni 1929 (AdJb F 1 Nr. 379/38)
Offenes Singen in der Jungfernheide mit Fritz Jöde, Juni 1929 (AdJb F 1 Nr. 379/38)


Um die Aufbewahrung des materiellen Erbes dieser Bewegung haben sich erfreulicherweise bereits ihre Vertreter selbst gekümmert. Fritz Jöde gründete zusammen mit einigen Mitstreitern 1959 in Hamburg das „Archiv der Jugendmusikbewegung“. Dem eigenen Anspruch, die Jugendmusikbewegung in ihrer ganzen Breite abzubilden, wird dieser Bestand nicht ganz gerecht, er hat naturgemäß einen ausgeprägten Schwerpunkt auf der sogenannten „Musikantengilde“ Jödes (als Gegenpol wäre insbesondere der um Walther Hensel entstandene „Finkensteiner Bund“ zu nennen, der vergleichsweise sparsam dokumentiert ist). Doch ist der Bestand so substanziell, dass das Hamburger Archiv schon 1978 in das Verzeichnis „national wertvoller Archive“ aufgenommen wurde. Wenige Jahre später schrieb der Musikwissenschaftler Fred K. Prieberg an den damaligen Archivleiter Heinrich Schumann: „Ihr Archiv ist ganz unverzichtbar für alle, die sich mit Musikgeschichte zwischen 1900 und heute befassen; denn Jugendmusik greift weit über ihre engeren Grenzen hinaus, personell wie sachlich“. Und er resümierte: „Wer immer das Archiv mal erben sollte, erbt einen Schatz“ (Brief vom 3. Dezember 1983, A 228 Nr. 122).

„Geerbt“ hat diesen Schatz auf Umwegen das Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein. Hier wird der Großbestand seit 2008 verwahrt, nach einer Einlagerung in Hamburg 1986/87 und zwei Wolfenbütteler Zwischenstationen (1987–2008). Der Bestand A 228 ist allerdings mit einem erheblichen Problem behaftet: Er befindet sich in einem desaströs zu nennenden Ordnungszustand, der nicht nur seiner unsystematischen Anlage durch Laien, sondern vor allem auch chaotisch verlaufenen Umzügen geschuldet ist. Im Vorwort des ersten Findbuchs, fertiggestellt 2004 an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, heißt es lapidar: „Durch die Transporte und die zweimalige Umlagerung war das Material provisorisch in Umzugskartons gelagert und in wesentlichen Teilen verunordnet.“ In seiner Knappheit und Fehlerhaftigkeit fängt das frühe Wolfenbütteler Findbuch die Ordnungsdefizite, die unweigerlich mit Informationsverlusten einhergehen, nicht ansatzweise auf.

Im Rahmen eines von 2020 bis 2022 laufenden DFG-Projektes konnten die beiden Projektmitarbeiterinnen, die sich eine Stelle teilen, nun die Erschließung von ca. 500 Archivkartons in der Online-Datenbank Arcinsys abschließen (AdJb Best. A 228 Archiv der Jugendmusikbewegung). Angesichts der eklatanten Unordnung des historischen „Archivs der Jugendmusikbewegung“ war dabei eine Tiefenverzeichnung geboten. So kann die Auffindbarkeit von Dokumenten auch dort gewährleistet werden, wo Akteneinheiten in sich und untereinander in Unordnung geraten sind. Überdies war es dank der Einzelblatt-Bearbeitung an vielen Stellen möglich, irrtümliche Zuordnungen zu korrigieren und Informationen wiederzugewinnen.
In die Verzeichnungsarbeiten einbezogen waren auch einige Musikernachlässe, die von anderer Seite ins Archiv der deutschen Jugendbewegung gelangt sind und den Bestand zur Jugendmusikbewegung ergänzen (z.B. der Nachlass des „Viel Glück und viel Segen“-Komponisten Werner Gneist). Die zugehörige Bibliothek (ca. 7.000 Titel) sowie die Sammlungen von Tonträgern (ca. 650 Stück) und Fotos (1.850 Stück) sind derzeit noch in Bearbeitung durch Mitarbeiterinnen des Archivs.
In den kommenden Monaten werden die Projektkräfte ein Internet-Themenportal zur Jugendmusikbewegung entwerfen, das einen Überblick über die historische Entwicklung gibt und das überlieferte Material schlaglichtartig beleuchtet. Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass die Nachricht vom frisch verzeichneten Bestand auf dem Ludwigstein eine quasi-epidemische Verbreitung findet!
Ute Brüdermann, Archiv der deutschen Jugendbewegung

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