Archivgut geht auf Reisen

Die Ausleihe von Archivalien aus dem Hessischen Landesarchiv

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Salbuch des Klosters Naumburg von 1514
Das Salbuch des Klosters Naumburg von 1514

Wenn Archivalien verreisen, dann geht das nicht so ganz einfach. Für die Ausstellung „Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo“ vom 13. März bis zum 30. August 2020 in der Bundeskunsthalle in Bonn (www.bundeskunsthalle.de/wirkapitalisten.html) hatte das Staatsarchiv Marburg das Salbuch des Klosters Naumburg von 1514 ausgeliehen (HStAM Urk. 69, Klöster und Stifter, Nr. 460). Dort wurde es in der Abteilung „Ressourcen: Privateigentum und Gemeingut“ präsentiert, um die wachsende Bedeutung privaten Eigentums im Laufe der Geschichte zu belegen.

Salbuch des Klosters Naumburg von 1514, Einband
Das Salbuch des Klosters Naumburg von 1514: Einband aus geprägtem Leder.

Die reich bebilderte Aufstellung der Besitzungen des Klosters dokumentierte dabei einen Streit zwischen dem Kloster Naumburg in der Wetterau und dem zu Friedberg gehörenden Freigericht Kaichen. Sieben Landscheider vermaßen Äcker und Grundstücke neu und setzten Grenzsteine, was sich auch im originalen Titel widerspiegelt: „Versteinung der Güter des Klosters Naumburg durch die sieben geschworenen Landscheider zu Keijchen“ und auch auf der Abbildung zu sehen ist. Der Streit zwischen dem Kloster und Friedberg ging 1561 hingegen unentschieden aus, denn ein weiterer Nachbar, der protestantische Graf von Hanau, verleibte sich die begehrte Benediktinerpropstei ein und Friedberg ging leer aus. Das in geprägtem Leder gebundene Buch mit Pergamentseiten ist hoch empfindlich, so dass es für den Transport nach Bonn und von dort zurück in eine Spezialkiste gelegt wurde, die nicht nur vor Stößen und Erschütterungen schützte, sondern auch ein kontinuierlich gleichbleibendes Klima gewährleistete, damit das aus sensiblem Material bestehende Salbuch nicht durch Temperaturschwankungen oder Veränderungen der Luftfeuchtigkeit gestresst wurde.

Salbuch des Klosters Naumburg von 1514, Seite mit Personendarstellung
Eine der reich gestalteten Seiten des Salbuchs: Feldmesser bei der Arbeit.

Bei der Rückkehr aus Bonn konnte die Ankunft in das heimatliche Archiv dokumentiert und das Salbuch unbeschadet zurück ins Magazin gebracht werden. Aus dem Verhältnis der Größe des Salbuchs zu der Transportkiste und der Verpackung wird deutlich, welcher Aufwand für derart kostbare Unikate aufgewandt wird, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Entsprechend hat die Konferenz der Leiterinnnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder (KLA) eine Empfehlung zum bestandsschonenden Transport von Archivgut insgesamt erstellt, die in einer der nächsten Ausgaben des Heftes „Der Archivar“ (wahrscheinlich Heft 4/2020) erscheinen wird.

Salbuch des Klosters Naumburg von 1514, Transportverpackung
Sicher unterwegs: Transportverpackung des Salbuchs.

Die Beteiligung an nationalen und auch internationalen Ausstellung durch die Leihgabe von Archivalien ist ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit der Staatsarchive. Die Häufigkeit solcher Anfragen aus dem In- und Ausland unterstreicht den hohen Stellenwert der im gesamten HLA verwahrten historischen Quellen. Insbesondere hochwertig illustrierte Urkunden und Archivalien werden stark von renommierten Museen und Ausstellungshäusern nachgefragt. Da eine Ausleihe aber auch immer eine Strapaze für die Dokumente bedeutet, kann sie nur unter Einhaltung entsprechend hoher Auflagen und nicht allzu häufig erfolgen. Aber sie bietet der nationalen und internationalen Öffentlichkeit die Gelegenheit, die Schätze des Hessischen Landesarchivs zu bewundern. Bei besonders prominenten Objekten wie etwa dem Codex Eberhardi, der für viele Ortschaften im Zusammenhang ihrer Ersterwähnung wichtig und ebenfalls reich illuminiert ist, sind schon komplette Digitalisate über ARCINSYS online verfügbar, damit eine Einsichtnahme ohne Strapaze für das Archivale möglich ist. (HStAM K Nr. 425 und Nr. 426). Der Service, die Voll-Digitalisate im Internet einsehen zu können, bietet daher für Interessierte einen großen Komfort, dient aber auch gleichzeitig zur Bestandserhaltung der einzigartigen Archivalien. Die Präsentation originaler Leihgaben in Ausstellungen bleibt aber immer ein besonderes Erlebnis.
Eva Bender, Marburg

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