Entnazifizierung in Hessen

Projekt zur Erschließung von Entnazifizierungsakten

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Archivarin bei Spruchkammerbestand
Archivarin bei der Recherche in der Spruchkammer-Kartei

Neustart des Projekts zur Erschließung von Entnazifizierungsakten
Ob Musiker, Juristen oder Mediziner: Die Verstrickung bestimmter Berufsgruppen oder ganzer Wirtschaftsunternehmen in das nationalsozialistische Regime steht gegenwärtig im Fokus zahlreicher Forschungsprojekte. Eine wertvolle Quelle dafür bildet das Schriftgut der hessischen Spruchkammern, die 1946 eingerichtet worden waren, um die Bevölkerung Groß-Hessens zu ‚entnazifizieren‘. Innerhalb weniger Jahre fielen bei diesen Stellen mehr als drei Millionen Akten und Meldebögen an, die zentral im Hessischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt werden. Nun wurde das 2011 initiierte Projekt zur Erschließung dieses außergewöhnlichen Bestandes neu aufgesetzt.
Hinweis: Direktlinks zu den bereits online recherchierbaren Spruchkammern sind in der roten Box auf der rechten Seite aufgelistet.

Entnazifizierung in Hessen
Vor 70 Jahren, am 5. März 1946, hatte die amerikanische Militärregierung das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus erlassen, demgemäß alle Einwohner hessischer Gemeinden auf nationalsozialistische Aktivitäten in den Jahren 1933–1945 hin überprüft werden sollten. Alle bei Inkrafttreten des Gesetzes über 18-Jährigen hatten einen Meldebogen auszufüllen, in dem abgefragt wurde, ob der Betreffende Mitglied der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände gewesen war. Bei Personen, die unter das Befreiungsgesetz fielen, wurde ein Verfahren eröffnet und der Betroffene in eine von fünf Kategorien der Belastung eingestuft. Vom Befreiungsgesetz nicht betroffene Personen hingegen erhielten einen sogenannten Nichtbetroffenenbescheid.

Für die Umsetzung der Entnazifizierungsverfahren waren die im Frühjahr 1946 in allen hessischen Städten und Landkreisen eingerichteten erstinstanzlichen Spruchkammern und acht Berufungskammern verantwortlich. Der Ablauf eines Spruchkammerverfahrens ist einem gerichtlichen Strafverfahren vergleichbar, jedoch wurde hier die Beweislast umgekehrt: Der Betroffene musste nachweisen, dass er nicht in das NS-System verstrickt gewesen war, also aktiv Belege zu seiner Entlastung vorbringen. Auch fällte eine Spruchkammer keine Urteile, vielmehr ergingen Entscheide oder sogenannte Sprüche, die mit Sühnemaßnahmen wie Haft, Berufsverboten oder Geldbußen verbunden sein konnten. Im Rahmen von Entnazifizierungsverfahren wurden die beruflichen und persönlichen Verhältnisse der betreffenden Personen in der NS-Zeit beleuchtet, wodurch den überlieferten Akten ein besonderer Quellenwert zukommt: Diese erlauben häufig detailreiche Einblicke in das Leben und Wirken einzelner Personen im ‚Dritten Reich‘ und geben zugleich Zeugnis vom Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Nachkriegszeit – seitens der Betroffenen als auch seitens der öffentlichen Verwaltung.

Neuausrichtung des Erschließungsprojekts
Zur Erschließung der rund 3,3 Millionen Akten und Meldebögen der hessischen Spruchkammern (Spruchkammern allgemein) wurde im Hessischen Hauptstaatsarchiv bereits 2011 ein Projekt initiiert. Die dafür eingestellten vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bearbeiteten zunächst den Bestand der Spruchkammern Frankfurt am Main. Aufgrund des Erhaltungszustandes der Unterlagen hatte das Projekt einen konservatorischen Schwerpunkt: Maßnahmen der Bestandserhaltung sowie eine teilweise Schutzdigitalisierung ergänzten die Datenerfassung im Zuge der Erschließung. Die konservatorischen Arbeiten nahmen hiervon den größten Zeitanteil ein. Bis zum Herbst 2015 wurden rund 20.000 Archivalieneinheiten in dem hessischen Archivinformationssystem verzeichnet. Die so in die Datenbank aufgenommenen, aber aus Gründen des Datenschutzes bislang noch nicht freigeschalteten Einträge werden für die interne Recherche zur Beantwortung personenbezogener Anfragen bereits intensiv genutzt. Wegen der in den letzten Jahren signifikant gestiegenen Zahl an Rechercheaufträgen – häufig zu größeren Personenkollektiven – seitens der historischen Forschung und der familienkundlich interessierten Öffentlichkeit wurde eine Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes weg von der Bestandserhaltung hin zu einer flachen Verzeichnung notwendig.

Im Zuge der Neuausrichtung des sog. Spruchkammerprojekts erfolgten einige personelle und organisatorische Veränderungen. Nach dem Renteneintritt mehrerer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde das Projektteam durch zwei neue Kräfte verstärkt. Aktuell arbeiten drei Vollzeitkräfte an der Verzeichnung der Entnazifizierungsakten in Arcinsys. Dabei konzentriert sich das Projektteam vorrangig auf die Erschließung der Akten von Betroffenen aus allen Spruchkammern, während Unterlagen von Nichtbetroffenen, reine Meldebogenserien, zunächst hinten angestellt werden. Um eine möglichst zügige Erschließung zu erreichen, wurde die Verzeichnungsrichtlinie überarbeitet und die regelmäßig zu erfassenden personenbezogenen Angaben auf vier Daten reduziert. Die Laufzeit der Akten wird pauschal mit 1946–1949 angegeben, da diese in erster Linie der elektronischen Suchabfrage dient. Vergleichbare Projekte zur Erschließung von Entnazifizierungsunterlagen in anderen Bundesländern haben bereits nachgewiesen, welchen zeitlichen Mehraufwand eine individuelle Prüfung der Laufzeit bedeuten würde. Für Zwecke der Edition, Forschung und Publikation stellt hingegen die Übernahme der früheren Zitierweise eine hilfreiche Verbindung (Konkordanz) zwischen ehemaligen Bestandsbezeichnungen und den neuen numerischen Signaturen her. In Abkehr von der bisherigen Praxis wird auf konservatorische Maßnahmen verzichtet; jedoch erfolgt aus Gründen des Arbeitsschutzes eine einfache Trockenreinigung. Durch den geänderten Arbeitsablauf erzielt das Projekt bereits nach kurzer Zeit einen beachtlichen Zuwachs von monatlich etwa 3000–4000 neuen Verzeichnungseinheiten in Arcinsys.

Erschließungsfortschritt
Seit Einführung des neuen Projektablaufs im November 2015 bis Ende April 2017 wurden rund 52.000 Akten der Spruchkammern Alsfeld (520/01), Bergstraße (520/02), Dillenburg (Abt. 520/07), Marburg (Abt. 520/27), Melsungen (Abt. 520/28) und Oberlahn (Abt. 520/29) erschlossen. Die Arbeiten zur Verzeichnung der Überlieferung der Spruchkammer Dillenburg laufen gegenwärtig noch, doch die Datensätze zu den Archivalien aus Alsfeld, Bergstraße, Marburg, Melsungen und Oberlahn sind bereits in Arcinsys einsehbar. Nutzer können online in diesen Beständen recherchieren und Akten in den Lesesaal bestellen. Zum Teil wurden bereits Bestandsbeschreibungen erarbeitet, die eine kurze Hinführung zu der Überlieferung und dem Bestandsbildner bieten. Mit dem Fortschreiten des Projekts wird der Forschung eine zunehmend größere Datenbasis in dem hessischen Archivinformationssystem zur Verfügung stehen, die es erlaubt, eine gezielte elektronisch gestützte Personensuche sowie orts- und jahrgangsbezogene Recherchen vorzunehmen. Zu diesem Zweck sollen die Datensätze zu den sukzessive verzeichneten Spruchkammerakten jeweils zeitnah – unter Beachtung datenschutzrechtlicher Bestimmungen – in Arcinsys freigeschaltet werden.
Trotz der zu erwartenden Verbesserungen durch die zügige Verzeichnung der Entnazifizierungsakten in Arcinsys wird die oft zeitintensive Recherche von Spruchkammerunterlagen durch die Archivare auf absehbare Zeit nicht entfallen. Zum einen ist (und wird) das Gros der vielen Nichtbetroffenen und Amnestierten noch nicht erfasst, zum anderen dauert es voraussichtlich einige Jahre, bis allein die Betroffenenakten aller hessischen Spruchkammern in Arcinsys verzeichnet sein werden.

Recherche von unverzeichneten Entnazifizierungsunterlagen
Akten und Meldebögen, die bislang noch nicht in Arcinsys erfasst sind, müssen von den Archivarinnen und Archivaren über Karteien ermittelt werden. Um gezielt recherchieren zu können, werden folgende Daten benötigt: Der Vor- und Zuname der Person, das Geburts- und (sofern bekannt) das Sterbedatum sowie der Wohnort in der direkten Nachkriegszeit (ca. 1946–1949).

Nutzung von personenbezogenem Archivgut
Bei den Unterlagen der hessischen Spruchkammern handelt es sich um Archivgut, das sich seinem wesentlichen Inhalt nach auf natürliche Personen bezieht. Gemäß § 13 Abs. 2 HArchivG (GVBl. S. 458) ist die Nutzung solcher Akten erst dann zulässig, wenn der/die Betreffende seit mehr als 10 Jahren verstorben ist bzw., wenn kein Sterbedatum ermittelbar ist, vor mehr als 100 Jahren geboren wurde. Insofern unterliegen Entnazifizierungsakten einem Nutzungsvorbehalt.

Literatur: Schuster, Armin: Die Entnazifizierung in Hessen 1945–1954. Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit. Wiesbaden: Historische Kommission für Nassau, 1999 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau 66; Vorgeschichte und Geschichte des Parlamentarismus in Hessen 29).