August-Saisongemüse im 18. Jahrhundert

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Verkauf von Obst und Gemüse im August 1713
Einnahmen aus dem Verkauf von Obst und Gemüse im August 1713

Im August steht saisonal die Ernte vieler Obst- und Gemüsesorten an. Heutzutage ist gefühlt jegliches Obst und Gemüse das ganze Jahr über aus den verschiedenen Regionen der Erde verfügbar. Im 18. Jahrhundert war das aber nicht der Fall. Dennoch gab es auch damals schon ein vielfältiges Angebot an „Garthen-wahren“ wie eine Aufstellung der Einnahmen im August 1713 aus den Beständen des Deutschen Ordens in Marburg belegt (HStAM 106 a, Nr. 9/188). Die Einnahmen wurden am 31. August 1713 aus den Trappanei-Rechnungen extrahiert und zusammengestellt. 17 Posten informieren zunächst über die jeweiligen Gartenprodukte und die durch den Verkauf erzielten Einnahmen, die sich insgesamt auf 35 Reichstaler, 43 Albus und 2 Pfennig beliefen. Dabei werden zu erwartende Obstsorten wie Kirschen genannt, aber auch Birnen. Exotisch wirken die Orangenblüten. An Gemüse werden aufgezählt Zuckererbsen, Sau- und andere Bohnen, gelbe Rüben, Salat, Wirsing, Blumenkohl, Zwiebeln und Kohlrabi („Coloraby“) – und sogar Artischocken. Ob mit „GrinKrauth“ nur Kräuter verschiedenster Art gemeint sind oder gar die Basis für die mit Hessen verbundene „Grüne Soße“, muss ungeklärt bleiben. Rätselhaft sind auch die „Haber-Würfel“; vielleicht Haferwurzel (tragopogon porrifolius). Mit „Winter antivi“ ist wohl Endivien-Salat gemeint, mit „Guckhumer“ vermutlich „Kukumer“, also Gurke.

Verkauf von Obst und Gemüse im August 1713 (Ausschnitt)
Kirschen, Zuckererbsen, Sau- und andere Bohnen, Gelbe Rüben und vieles mehr.

Bei genauerer Betrachtung lässt sich ausmachen, wer die Käufer waren. Den größten Posten für die Kirschen machte der Verkauf „ahn viele unterschiedl. leuth“ aus. An die nicht weiter spezifizierten Leute wurden auch die gelben Rüben – hier waren die Käufer „leuth aus der Statt“, also aus Marburg – und die Kräuter verkauft, ebenso der Wirsing, die Artischocken und die Birnen. Hierbei kann man von gängigem Saison-Obst und Gemüse zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausgehen. An niemand Spezielles wurden die „HaberWürfel“ und die Haselnüsse verkauft. Hingegen gab es Einnahmen durch Dr. Homberg, der die Zuckererbsen erwarb und auch den Kohlrabi. Der Balbier Karl kaufte die Orangenblüten und einige „Franzosen weiber“ die Zwiebeln. Innerhalb des Deutschen Ordens gingen die Sau- und anderen Bohnen an die Firmanei und der Endivien an den Trappanei-Verwalter. Der Blumenkohl wurde von den Rosenthaler Eisenhütten erworben, währende die Gurken an die Garde-Leute gingen, die sich vor Ort aufhielten. So zeigt die Abrechnung auch ein Bild der Marburger Sozialstruktur zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Neben nicht spezifizierten Leuten aus der Stadt gab es mit Doktor Homberg eine offensichtlich bekannte Person. Wahrscheinlich handelt es dabei um den Juristen Johann Friedrich Hombergk zu Vach, der seit 1703 Professor an der Universität war, deren Rektorat er 1720 übernahm. Die „französischen weiber“ sind hingegen den hugenottischen Einwanderern zuzuordnen.

Spannend ist noch der Zusatz auf der Rückseite der Aufstellung: „Ahn Sahmen ist in diesem Monat nichts verkaufft noch versähet wordten.“ In anderen Monaten wurden also auch Sämereien verkauft und ausgesät, so dass die monatliche Aufstellung auch als Lagernachweis zu deuten ist. Ungeklärt muss bleiben, zu welchen Speisen das Obst und Gemüse verarbeitet wurde; die Aufstellung zeigt aber für das frühe 18. Jahrhundert eine recht breite Vielfalt. Wer nun etwa Hunger bekommen hat, dem gilt: Guten Appetit!
Eva Bender, Marburg

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