Luftballonfahrten

Gefährlicher Publikumsmagnet

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Werbeplakat für den Fallschirm-Ballon von Hermann Lattemann, 1894
Werbeplakat für den Fallschirm-Ballon von Hermann Lattemann, 1894 (HHStAW Abt. 407 Nr. 140)

Die Akte mit dem schönen Titel „Luftballonfahrten“ des Frankfurter Polizeipräsidiums lässt heutzutage an harmlose Kindergeburtstage oder fröhliche Partys denken. Tatsächlich jedoch bezieht sie sich auf einen gefährlichen Publikumsmagnet des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Ballonfahrten und Fallschirmabsprünge (HHStAW Abt. 407 Nr. 140).
Die Vorführungen liefen meistens nach dem selben Schema ab: Ein Luftschiffer stieg zusammen mit einem Luftakrobaten, häufig auch einer -akrobatin, im Ballon bis zu einer geeigneten Höhe auf, aus der der Luftakrobat bzw. die Akrobatin dann mit dem Fallschirm absprang, während der Luftschiffer den Ballon sicher zur Erde brachte. Zwar war der Fallschirm mit einem „Sicherheitskarabiner“ an dem Akrobaten festgeschnallt; hauptsächlich jedoch hielt er den Fallschirm mit beiden Händen an einem eisernen Ring fest, der unten an den Fallschirm geknüpft war.

Um weiteres Publikum anzulocken, sparten die Luftschiffer nicht mit spektakulären Ankündigungen: Die Luftakrobatin Miss Polly (Luise Giese) wollte ein lebendes Pferd an den Ballon binden und darauf durch die Lüfte reiten. Der Luftschiffer Captain Ferell versprach einen Aufstieg mit dem „Luftvelociped“, mit dem der Ballon wie ein Fahrrad lenkbar werden sollte, und Hermann Lattemann (1852-1894) kündigte einen Doppelsprung über dem Zoologischen Garten in Frankfurt an. Ob es sich bei der Pferdenummer nur um einen Werbegag handelte, wie eine zeitgenössische Zeitung vermutete, kann nicht gesagt werden: Der Tierschutzverein wurde vorsorglich aktiv; die Polizei untersagte den Auftritt. Auch das „Luftvelociped“ kam nicht zum Einsatz - angeblich, weil der neue Ballon noch nicht polizeilich abgenommen worden war. Der Doppelabsprung hingegen wurde tatsächlich durchgeführt: Lattemann sprang zunächst mit einem Fallschirm ab, löste sich dann von diesem und öffnete einen zweiten.

Ausschnitt aus dem Briefkopf der Aeronautin Käthe Paulus
Briefkopf der Aeronautin Käthe Paulus (Ausschnitt)

Wie riskant diese Vorführungen waren, belegen zahlreiche Zeitungsausschnitte in der Akte: Einmal landete Fräulein Giese in einem Saatfeld, das durch die herbeieilenden Schaulustigen völlig zerstört wurde. Ein Gericht verurteilte die Luftakrobatin zu Schadensersatz: Da sie den Landeort nicht beeinflussen könne, nehme sie auch Beschädigungen wissentlich in Kauf, noch verstärkt durch das beworbene Publikum.
Weitaus gravierender waren jedoch die Vorführungen, bei denen der Luftschiffer oder die Luftakrobatin selbst oder aber Personen am Boden zu Schaden kamen. 1889 hatte der Wind den Ballon des Luftschiffers Herzberg gegen eine Brandmauer geschleudert; der Luftschiffer hatte schwere Verletzungen erlitten. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, entschloss sich vier Jahre später Wilhelm Wilson zum Absprung von dem an seinem Ballon befestigten Trapez. Bei dem Aufprall aus angeblich rund 25 Meter Höhe verletzte er einen Arbeiter schwer, blieb aber selbst nahezu unverletzt. Auch Fräulein Gotard erlitt schwere Verletzungen, nachdem sie mit dem Ballon des Luftschiffers Paul Herzog aufstieg, der wegen des schlechten Wetters seinen eigenen Aufstieg abgesagt hatte. Capitän Behrends überlebte den unfreiwilligen Aufstieg mit seinem Ballon, in dessen Anker er sich verhakt hatte, nur aufgrund seiner Erfahrungen als Trapezkünstler.

1892 verunglückte Bertha Carell-Großmann tödlich, weil ihr der eiserne Haltering des ungesicherten Fallschirms aus den Händen geglitten war. In London starb der Luftschiffer Dale, als die Hülle seines Ballons platzte; ein ähnliches Unglück ereignete sich nur wenige Tage später in New York, wobei ein Toter zu beklagen war. In der Folgezeit untersagten einige Städte und Länder die gefährlichen Ballonabsprünge, konnten die Luftschiffer jedoch nicht daran hindern, andernorts aufzutreten.
Besonders große Anteilnahme erregte der Tod des Luftschiffers Hermann Lattemann am 17. Juni 1894 in Krefeld, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Käthe Paulus (1868-1935) auch in Frankfurt aufgetreten war. Während die Luftakrobatin an ihrem Fallschirm sicher zu Erde kam, versagte der von Lattemann ausgedachte Fallschirmballon - ein Ballon, der sich in einen Fallschirm verwandeln sollte. Obwohl Käthe Paulus von Lattemanns Tod tief getroffen war, setzte sie ihre Karriere als Luftakrobatin fort. Ein Jahr später trat sie erneut in Frankfurt auf, diesmal zusammen mit einem Luftschiffer namens Schumacher. Ausgehend von ihren reichhaltigen Erfahrungen erfand sie den zusammenlegbaren (Paket-)Fallschirm, der zum ersten Mal serienmäßig während des Ersten Weltkriegs zum Einsatz kam.

Briefkopf des Aeronautischen Instituts Schulz in Wiesbaden
Briefkopf des Aeronautischen Instituts Fr. Schulz in Wiesbaden

Neben den spektakulären Vorführungen belegt die Akte auch eine neue Nutzungsmöglichkeit der Heißluft- oder Gasballons: Wie ein Briefkopf aus dem Jahr 1897 zeigt, bot das „Aeronautische Instituts von Fr. Schulz“ in Wiesbaden seine Dienste nicht nur für Schaustellungen, sondern auch für wissenschaftliche Dauerfahrten an. Sie waren gewissermaßen ein Vorläufer der heutigen Wetterballons.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden