Von einem bösen und ungestümen Weib

Ein Erschließungs-Dilemma

H234a_1-oben.png

HStAM Bestand Slg 1 Nr. 234 a (Ausschnitt)
Der Beginn der Diskussion zwischen Schmerz und Vernunft über ein "böses und ungestümes Weib"

Bisweilen stolpert der Arcinsys-Nutzer über fesselnde Aktentitel, welche die Neugier wecken und zu einem Blick in die Akten verlocken. HStAM Best. Slg 1 Nr. 234 a ist ein derartiger Fall. Der Titel scheint den Kriterien einer zeitgemäßen Sprache überhaupt nicht zu entsprechen und sorgt alleine dadurch für Aufsehen: „Von einem bösen und ungestümen Weib“.

Bei der Betrachtung der Akte, die in die Mitte des 17. Jahrhunderts datiert wird, fällt der in eckigen Klammern stehende Zusatz „lag bei Kriegsakten 1645“ auf. In der Akte, die in der Handschriften-Abteilung des Marburger Staatsarchivs aufbewahrt wird, befindet sich lediglich ein beidseitig beschriebenes Blatt Papier. Hier heißt der originale Titel „Vonn Eynem ungestümen unnd zornigen Weybe“ und führt in eine typisch barocke Prosa-Lyrik ein:
„Welcher hatt ein böses Weib
Der hatt das fegefewer hie dem Leib
Er habe geduld in solcher Pein
Bis stirbt, es mag nit besser sein.“

Danach beginnt ein Zwiegespräch zwischen „Schmerz“ und „Vernunft":
Schmerz: „Wie bin ich so ein Armer man, muß mich so viel / mit meynem Weyb leyden. Wie bös ist sie nur das Gott geklagt“.
Vernunft: „Ich habe oft gesagt, das du tausentmahl seliger wehrest so sie gestorben“.
In der Folge diskutieren „Schmerz“ und „Vernunft“ darüber, wie ein Mann mit einem „ungestümen und zornigen Weib“ (Ehefrau) zurechtkommt: Unterschiedliche Strategien werden angesprochen, wie der Einsatz eines Kochlöffels und „das Kreutlein das patientia heisset“. Für und Wider werden abgewogen bis der Text am unteren Ende der Rückseite offensichtlich mitten in der Diskussion endet.

Bei der Lektüre wird deutlich, dass sich eine intensivere Beschäftigung mit dem Dokument lohnt. Dies dachte sich wohl auch der ehemalige Archivar Kurt Dülfer, der die Kriegsakten der Bestände 10 bis 15 sowie die sogenannten Wilhelmshöher Kriegsakten Mitte des 20. Jahrhundert verzeichnet hat. Da hier kein eindeutiges militärhistorisch relevantes Thema angesprochen wurde, entschloss er sich offensichtlich, dieses Blatt aus der Akte zu ziehen und einzeln zu verzeichnen, um möglicherweise durch den kuriosen Titel die Aufmerksamkeit der Forschung zu erwecken. Dabei hat er es aber aus dem Kontext genommen, so dass eine historische Einordnung nicht mehr möglich ist.

HStAM Bestand Slg 1 Nr. 234 a (Seite 1)
Wer die kuriose Quelle erforschen möchte, braucht gute Kenntnisse der deutschen Schrift: Die erste Seite der Diskussion über das "böse Weib".

Mit Sicherheit wurde der Text von einer gebildeten Person, vermutlich einem Mann, niedergeschrieben, aber ob der Schreiber auch der Autor war oder den Text nur abschrieb, bleibt offen. Zwar könnte man mit detektivischer Spurensuche versuchen, in den Kriegsakten über Schriftvergleiche den möglichen Autor ausfindig zu machen, um mehr über das Blatt und seinen Urheber herauszufinden. Allerdings ist schon der Ort der Suche nur schwer einzugrenzen: Die „Wilhelmshöher Kriegsakten“ waren 14 gebundene Bände der Schlossbibliothek, die Dokumente zu den Geschehnissen des Dreißigjährigen Krieges enthalten und nun im Bestand 4 h „Kriegssachen“ erschlossen sind. Zwei Bände gibt es zum Jahr 1645. Daneben aber gibt es aus diesem Jahr noch etliche weitere Akten mit Bezug zum Dreißigjährigen Krieg, die man ebenfalls als „Kriegsakten“ bezeichnen kann.

Das vorliegende Blatt illustriert das Dilemma des Archivars und die Notwendigkeit einer guten Erschließung: Ein an Dichtung des 17. Jahrhunderts interessierter Nutzer hätte nie in den Kriegsakten nach einem derartigen Text gesucht; die Einzelverzeichnung wiederum erschwert die historische Kontextualisierung. Immerhin aber kann die Kuriosität der Diskussion über das „böse Weib“ nun schnell gefunden werden und wartet auf eine angemessene Würdigung.
Eva Bender, Marburg

Hessen-Suche