Spöttisches Bilderrätsel

Flugblatt aus dem Dreißigjährigen Krieg

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Spottgedicht / Bilderrätsel auf Graf Heinrich Matthias von Thurn und den Winterkönig Friedrich von der Pfalz
Spottgedicht bzw. Bilderrätsel auf Graf Heinrich Matthias von Thurn und den Winterkönig Friedrich von der Pfalz (HHStAW Abt. 3005 Nr. 2271)

Die Umgangsformen in der Zeit der Dreißigjährigen Krieges waren nicht gerade fein. Bösartige Spottverse, Scheltbriefe und Verleumdungen waren an der Tagesordnung. In diesem Flugblatt aus der Zeit um 1620 wählte der Autor eine besondere Form: ein Bilderrätsel, bei dem einige Wörter oder Wortbestandteile durch Bilder oder Symbole wiedergegeben sind. Die Art der Darstellung verleiht dem Ganzen eine kindlich-spielerische Note, die vor dem Hintergrund der erbitterten Schlachten, die bereits geschlagen waren und die noch folgen sollten, besonders makaber wirkt.

Das Flugblatt bezieht sich auf Graf Heinrich Matthias von Thurn und den Winterkönig Friedrich von der Pfalz. Es ist im Hessischen Hauptstaatsarchiv in zwei beschädigten Versionen erhalten (HHStAW Abt. 3005 Nr. 2271). Um die Lesbarkeit und das Erraten der Verse zu erleichtern, zeigen wir hier Ausschnitte aus beiden Exemplaren. Soweit wir die Bilder erraten konnten, haben wir sie in den Text in kursiver Schrift eingefügt.

Spottgedicht, Überschrift

Der Graff von Thun [Turm] wird hier gehetzt,
Mit einem ...? er sich ergetzt.
- Die drei Blinden aus Böhmen.

Spottgedicht, Vers 1

Hört zu, ihr Frommen Biederleut
In dieser newen Narrenzeit
Was sich hat zugetragen,
Last euch ein arme Blindenschar
Ihr Leid und Elendt klagen. [Klagefrauen]

Spottgedicht, Vers 2

Sollen [Sohlen] wir euch sagen [sägen], wer wir seint:
Wir sind geflohen für dem Feindt
Das weiß man leider eben.
Der Graff von Thun, der fein Gesell, [Esel]
Hats Fersengeld bald geben.

Spottgedicht, Vers 3
Spottgedicht, Vers 3

In Böhmen (...) Tor offen,
Da haben (...) viel Bier gesoffen,
Darum hat man uns straffen [?].
Wir achteten nicht, was man mit güt
Ge...? oder geschaffen. [Schafe]

Spottgedicht, Vers 4
Spottgedicht, Vers 4

Darumb man uns mit krieg und schlacht
In Eil [Eule] verjagt und fortgebracht
Hinauß auff frembde strassen.
Vil Humpen Bier und ander gut geschir
Haben wir hinden gelassen. [Aderlass]

Spottgedicht, Vers 5

Der Wind, der war doch gar nicht gut,
Hat uns genommen Hemd [?] und Hut,
Den staub [Taube] und sandt geblasen
Starck wider [Widder] uns und unser gsindt,
In Augen und inn d'Nasen.

Spottgedicht, Vers 6

Von diesem grausam starcken Wind
Seindt wir worden so gar stumpf blindt
Und unsers gesichts beraubet.
Was wir verloren [Ohren] in der flucht,
Das hat der Feind wohl aufgesucht. [Suchen]

Spottgedicht, Vers 7

Wir hatten zuvor Burg und Land,
Das engellendisch ?...bandt
Und königlichen throne.
Die Augen jetzt nichts spiegeln mehr,
Kein Szepter noch kein Krone.

Spottgedicht, Vers 8

Gott behüte euch ewer liebs gesicht
Das noch das Vatterlandt ansicht
Das müssen wir entraten. [Rad]
Und ohn einige Zuversicht
Im elendt schwimmen [?] und waten.

Gesicht meint hier das Sehen, die Sehkraft (analog zu hören - Gehör). Der Verfasser wünscht den Lesern und Leserinnen somit, Gott möge ihnen ihre Sehkraft bewahren, die noch das (friedliche) Vaterland ansieht, während er selbst bereits darauf verzichten muss und ohne Hoffnung im Elend watet.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

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