Auswanderung ist nicht gleich Auswanderung

Hanauer Landratsamtsakte gibt Einblick in regionale Migration

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Niederlassungserlaubnis für Katharina Maquent und Peter Adam in Klein-Steinheim
Niederlassungserlaubnis für Katharina Maquent und Peter Adam im großherzoglich-hessischen Klein-Steinheim.

Die Frage nach Belegen für die aus Hessen ausgewanderten Vorfahren wird den Archiven oft gestellt. Da die Auswanderung im 19. Jahrhunderte ihre Hochphase erlebte, sind es hier vor allem die Akten der Landratsämter, die jahrgangsweise – zum Teil nur statistisch, aber oft sehr detailliert – die „Entlassung aus dem Untertanenverband“ dokumentieren. Diese Überlieferung befindet sich im Staatsarchiv Marburg in den Beständen 180. In Best. 180 Hanau hat sich aber eine Akte erhalten, die in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit auf sich zieht (HStAM 180 Hanau, Nr. 3858): „Bescheinigungen über die Entlassung von Frauenspersonen aus dem Untertanenverband [bei Heirat ins Ausland]“. Die Akte mit einer Laufzeit von noch nicht einmal zehn Jahren (1831–1839) enthält 88 Gesuche um Entlassung aus dem Untertanenverband nur von Frauen aus dem Landkreis Hanau. Könnte man zunächst ausgehend vom Titel daran denken, dass es sich um die gezielte Verheiratung einer geschlossenen Gruppe von Frauen etwa mit Männern in Amerika handeln könne, zeigt der Blick in die Akte jedoch einen anderen Hintergrund.

Bei den Damen handelt es sich um einzelne Frauen, die aus dem gesamten Landkreis stammten, die aber nicht – wie das in der Regel bei den 180er Beständen im 19. Jahrhundert der Fall ist – nach Amerika auswanderten, sondern in relativer Nähe zum Heimatort ein neues Zuhause fanden. Grund war zumeist die Eheschließung mit einem Mann aus einem benachbarten Staat. Am 12. August 1831 etwa bescheinigte das Landratsamt in Seligenstadt der ledigen Katharina Maquent aus Hanau die Entlassung aus dem Untertanenverband, da sie sich in großherzoglich-hessischen Klein-Steinheim mit Peter Adam verheiraten wollte: „bescheinigung, daß man die ledige Katharina Maquent […] mittelst Verehelichung mit dem ledigen Ortsbürger Peter Adam […] die Dimmissarialien von der Landesherrschaft ihres Geburtsortes beigebracht haben werde…“. Neben diesen Bescheinigungen wurde auch den Verlobten verbrieft, dass der Eheschließung und somit der legitimen Aufnahme in das neue Heimatterritorium nichts im Wege stand, wenn die Braut ein Attest über die Entlassung aus dem heimischen Untertanenverband vorlegte.

Beleg für die im 19. Jahrhundert funktionierende Bürokratie ist beispielsweise das Gesuch des Anton Frey aus Steinheim im Mai 1833, das vom Bürgermeister insofern positiv beschieden wurde, dass seiner Heirat mit Anna Katharina Biehl aus Roßdorf im Kurfürstentum Hessen nichts im Wege stehe, wenn sie die Entlassungsbescheinigung vorlegen könne. Diese Bescheinigung war gebührenpflichtig, wie der Stempel oben links auf dem „Attestat“ zeigt. Vier Tage nach der Vorlage der Entlassungsbescheinigung wurde der Braut die Überzugsbescheingung erteilt, so dass die Heirat stattfinden konnte.

Die vorgestellte Akte liefert für 88 Frauen migrationshistorisch spannende Informationen, die eine Wanderungsbewegung innerhalb eines recht kleinen Raumes des heutigen Hessens belegt, gleichzeitig aber auch für Genealogen durchaus hilfereiche Informationen liefert. Da auch die Berufe der zukünftigen Ehemänner oder der Brautväter genannt werden, bietet die Akte zudem sozialhistorisch relevante Nachrichten, die einer ausführlichen Analyse noch bedürfen. Sie belegt, dass die Auswanderung aus einem Territorium in ein anderes nicht immer mit einer die Kontinente überschreitenden Wanderung verbunden war, sondern auch in einem recht überschaubaren Gebiet stattfinden konnte. Der Wunsch nach der Verbesserung der persönlichen Lage und die Suche nach dem eigenen Glück lag jedoch beiden inne.
Eva Bender, Marburg

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