Bordelle für den Nationalwohlstand

Ärztliche Eingabe gegen die Schließung Frankfurter Bordelle im Jahr 1868

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Gutachten von Dr. Knoblauch gegen die Schließung der Bordelle
Das Gutachten von Dr. Knoblauch gegen die Schließung der Bordelle.

Als Preußen 1866 die Freie Stadt Frankfurt annektierte, musste die Stadt nicht nur Kriegskontributionen errichten, sondern sie wurde auch der preußischen Gesetzgebung unterworfen. Das hatte zur Folge, dass bisher konzessionierte Bordelle geschlossen werden sollten, weil ihre Einrichtung „im Widerspruch mit den einschlagenden Bestimmungen des Preußischen Strafgesetzes“ stand. Natürlich regte sich dagegen Widerstand von Seiten der Bordellbetreiber. Louise Barbara Pressdorf (Prößdorf) und Friedrich Greif betrieben in den Häusern Judenmauer 9 bzw. Judengasse 101 zwei konzessionierte Etablissements. Während andernorts Bordelle polizeilich geduldet würden, schrieben sie, sollten ihre „Institute“ aufgrund der erteilten Konzession – vergleichbar der Spielbanken – geschlossen werden. Das war für sie unverständlich. Darüber hinaus hielten sie ihre Häuser für geeignet, um „die zunehmende und schwer zu überwachende Winkelhurerei“, durch die Krankheiten verbreitet wurden, zu unterbinden. Hinzu kamen weitere finanzielle und planerische Gründe, die gegen die Schließung sprachen. Besonders interessant aber scheint das beigefügte Gutachten des Dr. A. Knoblauch vom Frankfurter Rochusspital zu sein.

Zeitungsinserat über den Fortbetrieb der Wirtschaft von B. Louise Prößdorf
Der Betrieb geht weiter - vorerst: Zeitungsinserat über den Fortbetrieb ihrer "Wirthschaft" im Haus Judenmauer 9 von B. Louise Prößdorf

Knoblauch schrieb am 16. August 1868: „Glaubt man durch Schließung der Bordelle in einer Stadt deren Sittlichkeit und Moralität erhöhen oder verbeßern zu können, so ist man in einem Irrwahne befangen, der nur beweißt, daß diejenigen, welche eine solche Anschauung vertreten, noch nie die Frage einer gründlichen Prüfung unterzogen und auf jenes Gebiet der Beurtheilung hinüber gespielt haben, auf welchem allein in richtiger Weise abgegrenzt werden kann.“ Denn wenn konzessionierte Bordelle aufgegeben würden, „so eröffnen sich andere und schlimmere Abzugsquellen für den in dem Menschen liegenden und nach Befriedigung trachtenden Naturtrieb, den keine Macht der Erde zu vernichten im Stande ist. Und doch wäre gerade die Ausrottung dieses Naturtriebes das einzige wirkliche hülfreiche und radicale Mittel zur Veredlung und Versittlichung des Menschengeschlechts nach Ansicht seiner Moralisten und Halbwisser!“ Die heimliche Prostitution werde nach Schließung dieser Institute künftig blühen, wodurch nicht nur die „dienende Klasse“ zu „unerlaubtem geschlechtlichem Umgange verführt“, sondern auch Töchter aus bürgerlichem Haus. „Für einen willkommenen Erwerb“ werden sie „ihre Sittlichkeit dem sich hier aufhaltenden oder durchreisenden und anständig zahlenden Fremden oder Einheimischen opfern“. Denn die Geschichte aller Nationen können belegen, dass überall dort, wo überwachte Bordelle aufgegeben wurden, die „Entsittlichung und der Verfall der Nation“ vorangeschritten sei. Ganz zu schweigen davon, dass die Verbreitung der Syphilis zunehmen werde, was zu Abnahmen des „Nationalwohlstandes“ führe.

Waren von Seiten der Behörden die markigsten Stellen dieses Textes dick mit Blaustift angestrichen worden, so fand der nächste Absatz die besondere Aufmerksamkeit. Hier wies Dr. Knoblauch darauf hin, dass Bordellbetreiber bisher an die Krankenhäuser Geldzahlungen zur Behandlung der Prostituierten bezahlt hätten. Diese Zahlungen fielen künftig fort und brächten die Krankenhäuser in eine finanzielle Schieflage. Der Beamte kommentierte: „Da liegts! Also deßhalb diese Vertretung!“

Vermerk am Gutachten von Dr. Knoblauch
Vermerk am Gutachten von Dr. Knoblauch: "Da liegt's! Also deßhalb diese Vertretung!

Und so war diesen Eingaben kein Erfolg beschieden. Am 2. Februar 1869 wurde die Beschwerde der Bordellbetreiber Pressdorf und Greif abgewiesen. Die Häuser waren zu schließen. In der nächsten Zeit war die Behörde dann, laut Akte HHStAW Abt. 405 Nr. 1384, damit beschäftigt, die Gesundheitsüberwachung Frankfurter Prostituierten zu organisieren.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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