"Verlangt Königliche Regierung bei Ihnen eisernen Vorhang?"

Brandschutz im Theater

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Herzoglich Nassauisches Hoftheater
Das Herzoglich Nassauische Hoftheater um 1885. Gut zu erkennen sind der nachträglich eingebaute Notausgang und die Feuertreppe aus dem Giebel auf den Balkon.

Die zahlreichen Brände von Theatern und Opernhäuser im In- und Ausland während des 19. Jahrhunderts, die oftmals viele Opfer forderten, schreckten die Verantwortlichen auf. Auch in Wiesbaden bemühten sich die zuständigen Stellen – die Theaterleitung, Feuerwehr, Polizei und das Gas- und Wasserwerk – um größtmögliche Sicherheit in den öffentlichen Gebäuden, vor allem im Kurhaus und im Hoftheater.

Bereits im Jahr 1826 war im Herzogtum Nassau eine „Feuerpolizei-Verordnung“ erlassen worden, in der die Organisation des Löschwesens genau festgeschrieben war. Noch fast 50 Jahre später galten die dortigen Vorschriften für die – inzwischen längst königlich-preußische – Polizeidirektion als Maßgabe für den Brandschutz im Opernhaus. Wie es um den Brandschutz im Hoftheater tatsächlich bestellt war, zeigt ein im April 1881 erstelltes Gutachten von Herrn Winter, Direktor des Wasser- und Gaswerks. Es ist zugleich eine interesssante Quelle dafür, wie man im späten 19. Jahrhundert (Brand-)Gefahren beurteilte (HHStAW Abt. 428 Nr. 123).

Feuerspritze der Firma August Hönig
Feuerspritze aus einem Katalog der Firma August Hönig (HHStAW Abt. 407 Nr. 238)

Das Theatergebäude an der Wilhelmstraße, errichtet nach Plänen von Eberhard Philipp Wolff, „wurde in einer Zeit erbaut (1826), zu welcher man an die scenische Ausstattung der Stücke weitaus geringere Anforderungen stellte als jetzt“, stellte Winter eingangs richtig fest. Obwohl das Gebäude überwiegend aus Holz und Ziegeln errichtet war, bescheinigte er dem ursprünglichen Bauwerk eine gute Feuersicherheit, die jedoch im Laufe der Jahre durch zahlreiche Anbauten stark gemindert worden war. Zu den Anbauten gehörten „Malersaal, Musikzimmer, Coulissen, Magazin, Garderoben und dergl., in welchen einestheils viele feuergefährliche Gegenstände aufbewahrt werden und welche anderntheils die Flucht aus dem brennenden Gebäude verzögern.“ Nicht nur die längeren Wege, sondern auch die unübersichtliche Raumanordnung konnten im Ernstfall zur Gefahr werden.

Immerhin hatte man beim Bau der städtischen Wasserleitung im Jahr 1870 das Theater besonders im Blick gehabt und im direkten Umkreis fünf Hydranten installiert. Auch im Theater selbst gab es 15 „Feuerhähne“, d.h. Wasseranschlüsse ausdrücklich nur zu Löschzwecken, die mit Schläuchen und Strahlröhren versehen waren. Bei „besonders feuergefährlichen Stücken“ mussten die Schläuche auf dem Schnürboden einsatzbereit gehalten werden. Winter war der optimistischen Meinung, „daß jeder Punkt des Gebäudes mit Leichtigkeit mit einem kräftigen Wasserstrahl erreicht werden kann“. Zudem sollten – aber das musste erst noch beantragt werden – auch auf der Bühne Wassereimer „mit Stange und Putzlumpen“ bereitgestellt werden. Außerdem gab es schon seit mehreren Jahren eine Theaterfeuerwache, die aus „sämtlichen Theaterarbeitern, welche bei den Vorstellungen im Theatergebäude beschäftigt sind,“ bestand. Sie sollten nicht nur während der Vorstellungen, sondern auch bei Proben und etwaigen Brandfällen in der Stadt für den Brandschutz im Theater sorgen. Eine genaue Instruktion und regelmäßige Übungen sowie quartalsweise Kontrollen des Theaters durch die verantwortlichen Stellen belegen die Bedeutung, die man dieser Theaterfeuerwache beimaß.

Feuerlöscher der Firma August Hönig
Feuerlöscher aus einem Katalog der Firma August Hönig (HHStAW Abt. 407 Nr. 238)

Eine besondere Hilfe in Gefahren versprach sich Direktor Winter von dem, was heutzutage eher ein Schaudern verursacht: der Gasbeleuchtung. Für die offen brennenden Flammen gab es besondere Schutzvorrichtungen – Glasstürze und Drahtkäfige; auch durfte in ihrer Nähe nichts Brennbares angebracht oder gar gelagert werden. Den Vorschlag der Polizeidirektion, zusätzlich zur Gasbeleuchtung stets brennende Notlampen – Petroleumlampen (!) – in den Korridoren aufzuhängen, wies Winter zurück, da es zwei getrennte Hauptleitungen für Bühne/Zuschauerraum und die Korridore gab und sich die Gaslampen in den Korridoren nicht einzeln abdrehen ließen. Für sie gab es nur einen Haupthahn im Keller, der, wie Winter anregte, „unter besonderem Verschluß gelegt werden kann.“ Dass gerade dies im Brandfall zur Gefahr werden könnte oder umgekehrt die Gaszufuhr auch ohne Manipulation ausfallen könnte, kam dem Direktor des Gas- und Wasserwerks nicht in den Sinn.

Plan des Parterres des Wiesbadener Hoftheaters
Zur Vergrößerung der Fluchtwege wurde eine Abrundung der Parterre-Logen vorgeschlagen (Bleistift-Einzeichnung). Zudem sollten alle Stühle im Bereich der Türen und Eingänge entfernt werden, etwa Platz 10, 7 und 16 links (HHStAW Best. 428 Nr. 124).

Wie in allen Theatern war eine schnelle Evakuierung des Zuschauerraums das größte Problem: „Die Gefahr der Theaterbrände liegt weniger in der durch die rasche Ausbreitung des Feuers entstehenden Hitze und das Zusammenbrechen der Decke“, schrieb Direktor Winter, „als in der massenweise Bildung von Rauch, welcher eine rasche Flucht verhindert und die betroffenen Personen dem Erstickungstode preisgibt.“ Während die Besucher der 1. Galerie (= Parterrelogen) und der 2. Galerie (1. Rang) schnell ins Freie gelangen konnten, war das Publikum in der 3. Galerie (2. Rang) aufgrund der Verrauchung und der dichteren Bestuhlung größeren Gefahren ausgesetzt. Positiv vermerkte Winter, dass es für die 3. Galerie eigene Treppenhäuser gab, wenn auch mit Holztreppen, die er in geradezu naiver Einschätzung aber für unbedenklich hielt: „…es ist wohl nicht anzunehmen, daß dieselben ja rascher abbrennen sollten, als das Publikum sich entfernt hat.“ Eigene Ausgänge besaßen sie offenbar nicht, sondern mündeten ihrerseits wie die anderen Treppenhäuser ins Vestibül. Diese tödliche Falle blieb von Winter erstaunlicherweise unbeanstandet.
Allerdings beunruhigte ihn die geringe Anzahl an Außentüren – drei am Haupteingang, zwei zur Wilhelmstraße, „welche übrigens noch einer etwas vollkommeneren Einrichtung bedürfen“ und eine in den Innenhof des Theaters, dem einzigen Fluchtweg für das Orchester. Vorrausschauend hatte man in Logen und Rängen sowie zur Straße hin Türen eingebaut, die sich nach außen öffneten. Die Straßentüren jedoch konnten von außen „im Interesse der Theaterordnung“ nur mit einem speziellen Schlüssel geöffnet werden. Dass dieser Umstand im Ernstfall die Helfer wertvolle Zeit kosten konnte, ließ Direktor Winter unberücksichtigt. Er war der Meinung, dass der gesamte Zuschauerraum – rund 600 Plätze – auch bei ausverkauftem Hause in 7 bis 10 Minuten geräumt werden konnte, „welche Zeitdauer im Falle der Noth sich gewiß auf wenig mehr als die Hälfte reduciren dürfte.“ Merkwürdigerweise bedachte Winter weder die anfängliche Trägheit von Menschenmassen noch eine schnell entstehende Massenpanik, wiewohl es für beides zu dieser Zeit bereits genügend traurige Beispiele gab.

Plan einer Feuerlöschübung, 1886
Der Plan einer Feuerlöschübung aus dem Jahr 1886 zeigt die verschachtelte Anlage des Hoftheaters (HHStAW Abt. 428 Nr. 123)

Ein weiteres Problem war der baulich arg verschachtelte Hinterbühnenbereich: Aufenthalts- und Umkleideräume „für das männliche und weibliche Chorpersonal, Soldaten, Statisten, Ballet und Kinder“, bei großen Aufführungen durchaus bis zu 100 Personen, lagen in den oberen Stockwerken. Von dort gab es nur ein einziges geschlossenes, aber gleichfalls hölzernes Treppenhaus, das hinter die Bühne führte. Eine weitere Holztreppe, die zwischen Kulissenmagazin und Ankleidezimmern lag, hätte erst rauchdicht abgeschlossen werden müssen. Als Abhilfe war eine neue Außentreppe aus dem zweiten Stockwerk im Gespräch.
Direktor Winter hielt es zudem für äußerst wichtig, die Theatermitarbeiter und das Publikum mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen und für das richtige Verhalten im Brandfall zu instruieren. Hierzu sollten in jedem Raum des Theaters Plakate mit „Verhaltungsmaßregeln“ aufgehängt werden, die auch auf den Theaterzetteln des Publikums aufgedruckt werden sollten.

Brandprobe der Firma A. Emmerling
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte die chemische Industrie schwer entflammbare Stoffe und Brandschutzfarben. Hier zu sehen ist eine Probe der Firma A. Emmerling (HHStAW Best. 407 Nr. 238)

Im Oktober 1881 wurde dem Hoftheater erstmals ein Angebot für einen „eisernen Vorhang“ unterbreitet, der im Brandfall Bühne und Zuschauerraum voneinander trennen sollte; auch war der Einbau eiserner Feuerleitern für das Obergeschoss und einer eisernen Trenntür für die hintere Bühnentreppe geplant. Im März 1882 jedoch war der eiserne Vorhang noch immer nicht eingebaut. „Verlangt Königliche Regierung bei Ihnen eisernen Vorhang?“ ließ der Kurdirektor von Bad Homburg per Telegramm anfragen. Die Antwort aus Wiesbaden war eindeutig: „Bis jetzt nicht. Verhandlungen noch im Gange.“ Doch die Vorteile eines solchen Vorhangs überwogen alle Bedenken hinsichtlich Statik und Bedienung. Im August 1882 wurde er in Betrieb genommen.

Werbeprospekt für eine "Grinnell-Brause" (Sprinkleranlage)
Das hatte das Wiesbadener Hoftheater noch nicht: eine Sprinkleranlage. Werbeprospekt für eine "Grinnell-Brause" (HHStAW Best. 407 Nr. 238).

Während man bauliche Mängel nach Möglichkeit abmindern konnte, war und blieb das mangelnde Gefahrenbewusstsein von Mitarbeitern und Publikum das Hauptproblem, wie spätere Inspektionsprotokolle des Wiesbadener Theaters eindrücklich belegen: Immer wieder wurden Öfen und Lampen unsachgemäß bedient, feuergefährliche Stoffe verwendet und Notausgänge zugestellt. Trotz einiger kleiner (Zimmer-)Brände und überhitzter Öfen, die rasch unter Kontrolle gebracht werden konnten, blieb das alte nassauische Hoftheater von einer Brandkatastrophe verschont. Der Neubau des Jahres 1892/1894 nach Plänen von Friedrich Genzmer wurde nach den damals modernsten Brandschutzbestimmungen errichtet. Es mutet beinahe als ein geschichtliches Kuriosum an, dass ausgerechnet das neue sichere Gebäude im März 1923 durch einen Großbrand schwer beschädigt wurde.
(HHStAW Abt. 428 Serie „Feuersicherheit im Theater“ sowie HHStAW Abt. 407 Nr. 238)

Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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