Eilmeldung aus Wien

Brandunfall der Erzherzogin Mathilde von Österreich 1867

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Erzherzogin Mathilde von Österreich, 1867
Erzherzogin Mathilde von Österreich, 1867

In fürstlichen Korrespondenzen finden sich an oft entlegenen oder unvermuteten Stellen Informationen, die gezielt aufzufinden fast unmöglich wäre und in einem für das aufbewahrende Archiv fremden Kontext stehen. Im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Abt. 130 II Nr. 3308) ist ein Brief des Prinzen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe aus Wien überliefert, der von den schweren Verbrennungen einer jungen Erzherzogin berichtet. Der Prinz stand in österreichischem Militärdienst und war ein Schwager Herzog Adolphs von Nassau, an den der Brief gerichtet ist. Deshalb befindet sich der Brief auch heute in dessen Korrespondenz im Hauptstaatsarchiv. Auch das weibliche Opfer war mit Herzog Adolph verwandt. Ihre Großmutter, Henriette von Nassau-Weilburg, war Adolphs Tante gewesen. Die familiären Kontakte von Wiesbaden nach Wien – insbesondere zu seinem Cousin Erzherzog Albrecht – waren in diesen Tagen daher sehr eng, so dass die Nachricht nicht verwundert.

Erzherzogin Mathilde, um die es hier geht, war zum Zeitpunkt des Unglücks gerade einmal 18 Jahre alt und als Tochter Erzherzog Albrechts eine Nichte zweiten Grades Herzog Adolphs. Sie stand kurz vor ihrer Vermählung mit Prinz Umberto von Savoyen, um das angespannte Verhältnis zwischen der Donaumonarchie und Italien zu befrieden; schließlich war 1866 Venetien an Italien verloren gegangen. Zu dieser Heirat kam es nicht mehr. Nach einem Brandunfall verstarb die junge Erzherzogin nach mehrwöchigem Kampf am 6. Juni 1867. Der Fall gab in der Historiographie immer wieder Rätsel auch.

Brief über den Brandunfall der Erzherzogin Mathilde
Brief über den Brandunfall der Erzherzogin Mathilde von Prinz Wilhelm zu Schaumburg-Lippe


Letztlich ist bis heute ungeklärt, wie es zu dem Brandunfall kommen konnte, weshalb der Zufallsfund in nassauischen Korrespondenzen hier veröffentlicht werden soll. Prinz Wilhelm schrieb am 22. Mai 1867 um 10 Uhr abends an Herzog Adolph von Nassau:

„Lieber Schwager!
So eben kehre ich aus dem Palais des Erzherzogs Albrecht [heute: Albertina in Wien] zurük, wohin mich schläunigst ein Gerücht rief: die liebenswürdige Erzherzogin Mathilde habe sich so furchtbar verbrannt. Leider ist es wahr!
Gestern speisete ich noch mit ihr, sie saß neben mir und war so liebenswürdig, sah so schön aus, und jetzt liegt sie ganz in Watte mit Eisumschlägen. Um 5 ½ Uhr nach dem Diner heute wollte Erzherzog Albrecht [= ihr Vater] mit ihr ausfahren. Alle zogen sich zurück, auch Erzherzogin Elisabeth [= Cousine des Erzherzogs Albrecht] mit ihrer so schönen Tochter Therese [später: Königin von Bayern], welche grad dort sind; die Erzherzogin Mathilde geht in ihr Zimmer, sich zum Ausfahren zu arangiren, sieht aus dem Fenster, als sie einen Stich in die Wade fühlt; sie sieht sich um – da sieht sie die Flamme! Sie lauft heraus auf den Gang schreiend wohl über 25 Schritt, bis ein Lakai kommt, welcher einen Mantel über sie wirft – sie leider aber nicht mit Gewalt festhält, wodurch das Feuer wieder Luft gewinnnt, bis ein zweiter kommt und dann auch Wasser, Mantel u.s.w. [bringt und] endlich das Feuer bewältigt.

Aber leider sind bedeutende Brandwunden vorhanden, so daß Pf. Pitter [wohl der Mediziner Franz Ritter von Pitha] aussagt, es sei höchst bedenklich, das Aufkommen wohl möglich, jedoch keineswegs sicher, da derartige Fälle ganz zweifelhaft sein. Vom Hals herab sind Schultern, etwas Arme, der ganze Rücken heftig verbrannt, auch rükwärts noch weiters herunter. Glücklich ist vorn nichts verbrannt, was ein kleiner Trost in dem furchtbaren Unglück ist! Gott schütze die Arme! Welche furchtbaren Schmerzen wird sie zu erdulden haben! Gott lasse sie uns genesen. Doch seine Wege sind unerforschlich – und vertrauen wir nur Ihm, wenn wir oft seine Wege auch nicht verstehen.
Wenn auch erschrekend, so wollte ich Dir doch gleich ausführlich Nachricht geben, was dir doch lieb sein wird, wenn Du es hörst, es bald genau zu wissen. Wahrscheinlich oder sicher trat sie auf ein Zündhölzchen. [...]“

Die Theorie, sie sei auf ein Zündholz getreten, das sich dadurch entflammt habe, ist die Möglichkeit einer Erklärung. Die andere ist, dass sie eine Zigarette hinter ihrem Rücken verbarg, als ihr Vater den Raum betrat und sich das Kleid dadurch entzündete. Eine eindeutige Aufklärung gibt der Brief darüber auch nicht, aber es handelt sich um einen sehr authentischen Bericht, der, emotional aufgeladen, direkt im Anschluss an das Geschehen abgefasst wurde. Insofern lohnt es, das versteckte Stück hier – und im Eintrag zu Erzherzogin Mathilde in Wikipedia als Exzerpt – allgemein bekannt zu machen.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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