Französisch für Fortgeschrittene

Die Briefe der Gräfin Sophie von Seiboldsdorf im Staatsarchiv Darmstadt

Seiboldsdorf_800.png

Luise Sophie von Seiboldsdorf, geborene Freiin von Spiegel zu Desenberg (1690–1751). Gemälde von Johann Christian Fiedler, um 1730
Luise Sophie von Seiboldsdorf, geb. Freiin von Spiegel zum Desenberg (1690–1751), Gemälde von Johann Christian Fiedler, um 1730

Am 20. Januar 1727 heiratete Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (1667–1739) in zweiter Ehe – morganatisch – die verwitwete Gräfin Luise Sophie von Seiboldsdorf, geborene Freiin von Spiegel zu Desenberg (1690–1751). Beide bekamen zwei Kinder, Luise Charlotte (1727–1753) und Friederike Sophie (1730–1770), die den Namen Gräfinnen von Eppstein trugen. Zwischen 1722 und dem Todesjahr des Landgrafen, 1739, sind 17 Bände mit Briefen der Gräfin von Seiboldsdorf an Ernst Ludwig überliefert, insgesamt in einem Umfang von 1199 eigenhändigen Schreiben. Zumeist richtete sie die Schreiben von Fiddemühle bei Rauschenberg, wo die Gräfin von Seiboldsdorf lebte, an den in der ganzen Landgrafschaft herumreisenden Ehemann. Der Umstand, dass beide zumeist nicht zusammenlebten, ermöglichte erst die rege Korrespondenz.

Eingangstor zum Grundstück der Fiddemühle bei Rauschenberg, Zeichnung von Carl Christian Theodor Müller, um 1928
Eine historische Ansicht der Fiddemühle aus dem 18. Jahrhundert liegt uns nicht vor, aber die rund 200 Jahre später entstandene Zeichnung des Eingangstors vermittelt einen Eindruck von lauschiger Abgeschiedenheit (HStAD Best. R 4 Nr. 30903)

Allein dieser Umfang lässt die Hoffnung wachsen, dass sich daraus ein dichtes Bild der Befindlichkeit einer morganatisch angetrauten Ehefrau entwickeln lässt, und womöglich sogar ein gutes Bild der letzten Regierungsjahre Landgraf Ernst Ludwigs. Wie es scheint, sind die Briefe aber bisher von der Forschung nicht ins rechte Licht gerückt worden. Und das mag seinen Grund in der Sprache haben.

Archivkartons mit den Briefen der Gräfin von Seiboldsdorf im Magazin im Staatsarchiv Darmstadt
Viel zu lesen: Archivkartons mit den Briefen der Gräfin von Seiboldsdorf im Magazin im Staatsarchiv Darmstadt

Zwar schreibt die Gräfin von Seiboldsdorf in einer auf den ersten Blick schönen, wenn auch stark verschnörkelten Handschrift, ihr Französisch aber baut deutliche Hürden auf. Häufig ohne Punkt, Komma oder Absatz, in gewöhnungsbedürftiger Orthographie und in rätselhafter grammatikalischen Struktur sind diese Briefe sicherlich nichts, was sich einfach so herunterlesen lässt.

Brief der Gräfin von Seiboldsdorf
Die Schrift ist geübt, die Grammatik und Orthographie weniger: ein Brief der Gräfin von Seiboldsdorf

Eine noch recht gut zu durchschauende (und lesbare) Textprobe gefällig? „grace a dieu je suis arive tens areten facheux huyair peu apres 4 soir la pochiere nous a lasi etouffé et la chaise neuve na pui manger de fachejier pocoup mes pauvres os la poste meme mon equipage plaisent car le postillion na jamais fait le metier q’en le voiyage de meme mes 2 laqay dont lun sera pur la chase a fidem et lautr icy etet mon marmiton“ … Die Gräfin ist also gestern (huyair statt hier) nach 4 Uhr abends nach einer anstrengenden Kutschfahrt mit zwei Lakaien und einem Küchenjungen auf der Fiddemühle (fidem) angekommen. Und so geht es ununterbrochen fort, oft mit der Häufung von zahlreichen Füllwörtern, so dass sich das Lesen der Briefe einer solchen aufreibenden Kutschfahrt annähert. Aber man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Mühe lohnen würde.

Wer also sattelfest im Französischen ist und Verballhornungen nicht scheut und wer Interesse an einem solchen, bisher völlig unberücksichtigten Quellencorpus hat, der sei herzlich eingeladen, sich diese Briefe einmal näher anzusehen. Unter den Signaturen HStAD Best. D 4 Nr. 353/1–10, 354/1–6 und 354/17 sind alle in digitalisierter Form im Archivinformationssystem Arcinsys einzusehen (Link zu HStAD Best. D 4, Gliederungspunkt „19.5 Korrespondenzen“). Die Zoom-Funktion kann hier auch gute Dienste leisten, denn – das sei noch ergänzt – Frau von Seiboldsdorf liebte es, mit recht kleiner Schrift zu schreiben.
Rouven Pons, Darmstadt

Hessen-Suche