Visualisierte Sportlichkeit

Briefköpfe von Sportvereinen aus dem frühen 20. Jahrhundert

Schwimmklub Höchst 1 980.png

Briefkopf Erster Höchster Schwimm-Club
Briefkopf des Ersten Höchster Schwimm-Clubs

Schon seit langem sind die kunstvoll gestalteten Briefköpfe von Fabriken, Unternehmen und Handwerksbetrieben aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ein begehrtes Objekt von Raritätensammlern. Zunehmend entdeckt auch die historische Forschung diese Quellengattung, bietet sie doch einige Informationen über die Selbstdarstellung und Werbestrategien einzelner Unternehmenszweige im Lauf der Zeit. Aber auch andere Bereiche des öffentlichen wie privaten Lebens nutzten und nutzen Briefköpfe als Identifikations- und Erkennungsmerkmal. Wenig Aufmerksamkeit haben bislang die Briefköpfe von Sportvereinen gefunden, obwohl gerade diese Vereine im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert eine besondere gesellschaftliche Bedeutung erlangten. In einer Akte des preußischen Landratsamtes des Main-Taunus-Kreises, die sich mit der Genehemigung von Vereinen und Vereinsveranstaltungen befasst, finden sich gleich mehrere interessante Exemplare aus der Zeit um 1910. (HHStAW Abt. 425 Nr. 565)

Besonders kunstvoll gestaltet ist der eingangs gezeigte Briefkopf des Ersten Höchster Schwimm-Clubs. In bester Jugendstilmanier ranken sich Lotosblumen aus der Tiefe empor und bilden eine Woge vor einer auf- oder untergehenden Sonne. Erheblich schlichter ist da der Briefkopf des 1901 gegründeten Ersten Sindlinger Schimm-Clubs. Wiewohl nur ein Jahr jünger als das Höchster Pendant, ist der Briefkopf äußerst sachlich gehalten. Besonders wichtig war dem Verein die Angabe des Protektorats von Herrn Dr. von Meister.

Briefkopf Erster Sindlinger Schwimm-Club
Briefkopf des Ersten Sindlinger Schwimm-Clubs

Ähnlich war das Design des Schwimmklubs „Neptun“ aus Höchst am Main. Statt des römischen Meeresgottes zeigt er jedoch Schwimmer in Aktion. Die Arm- und Kopfhaltung des Herrn vorne links soll offenbar das Seitenschwimmen darstellen, das ebenso wie die Technik „Hand über Hand“ damals praktiziert wurde, wie Wettbewerbsprogramme in der Akte belegen.

Briefkopf Schimmklub Neptun, Höchst a.M.
Briefkopf des Schimmklubs Neptun, Höchst a.M.
Briefkopf Schwimmklub Neptun, Detail
Briefkopf des Schimmklubs Neptun, Höchst a.M. - Detail

Der Deutsche Athletik-Sport-Verband präsentierte, von floralem Geranke umgeben, eine der von ihm vertretenden Sportarten: Ringen. Heutztage befremdlich wirkt das Vereinsmotto „Kraft Heil!“ im Briefkopf, das damals allerdings eine völlig unverfängliche Grußformel unter Kraftsportlern, insbesondere den Gewichthebern, war. Ähnlich grüßten bzw. grüßen sich auch die Turner und natürlich die Angler (Petri Heil) und Jäger (Waidmannsheil).

Briefkopf Deutscher Athletik-Sport-Verband
Briefkopf des Deutschen Athletik-Sport-Verbands

Der Ring- und Stemmklub „Einigkeit“ aus Unterliederbach setzte hingegen auf das beliebte Kästchen-Design. Ihm war die Mitgliedschaft im Deutschen Athletik-Sport-Verband und der Deutschen Athleten-Union besonders wichtig. Da der Briefkopf doch wenig spektakulär war, wurden die Vereinsschreiben zusätzlich mit einem Siegel versehen. Es zeigt zwei gekreuzte Langhanteln und zwei Gewichte mit jeweils 50 und 100 kg. Das ganze ist von einem breiten Gürtel umgeben, der in der Gestaltung an die badges bzw. straps in der schottischen Heraldik erinnert.

Briefkopf des Ring- und Stemmklubs "Einigkeit", Unterliederbach
Briefkopf des Ring- und Stemmklubs "Einigkeit", Unterliederbach
Briefkopf des Ring- und Stemmklubs "Einigkeit", Unterliederbach, Detail
Briefkopf des Ring- und Stemmklubs "Einigkeit", Unterliederbach - Detail

Der Fussball-Club Höchst 1901 zeigte hingegegen die für Fans - und Gegner - wichtige Vereinsfahne (Farben rot-weiß) und das Logo, das mit dem Stadtwappen bzw. dem Mainzer Wappen identisch war. Auch diesem Sportverein war die Anzeige der Mitgliedschaft in weiteren Verbänden wichtig, wobei die Gestaltung dieses Textbereichs dem Titel einen bühnen- oder leinwandähnlichen Eindruck verschafft. Zur Stärkung der Fankultur sind die Vereinsräume gleich mitangegeben: Es gab ein Club-Lokal mit Casino, zudem fand freitags ein Club-Abend im Restaurant Herr statt. Den Fußballverein gibt es übrigens noch immer (SG 01 Hoechst); das Vereinslogo ist unverändert.

Briefkopf Fussball-Club Höchst 1901
Briefkopf des Fussball-Clubs Höchst 1901

Breit aufgestellt war die Sport-, Spiel- und Athletik-Gesellschaft Sossenheim. Die dynamische Darstellung des Fußballers auf der linken Seite ist an sich nicht ungewöhnlich, doch seine Bekleidung verwundert: Hat man um 1910 beim Fußballspielen lange Hemden mit Manschetten und Krawatte getragen? Auf der rechten Seite des Briefkopfs sind die Langhanteln der Athletiksparte sowie möglicherweise Kegel (für die Spielabteilung) dargestellt.

Briefkopf Sportgesellschaft Sossenheim
Briefkopf der Sport-, Spiel- und Athletik-Gesellschaft Sossenheim

Die Einladung zum Gartenfest im Restaurant „Zum Hainer Hof“ ist zwar nicht Teil des Briefkopfs, belegt aber gut den geselligen Charakter des Sportgesellschaft Sossenheim. Das „Nationale 50 km-Wettgehen“ stellte dahingegen schon erhöhte Anforderungen. Der Sieger ist leider nicht überliefert.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

Hessen-Suche