Theater, Tombola und der Chanukka-Mann

Feierlichkeiten zum jüdischen Lichterfest um 1925-1937

aus g_12_b_30-6-01.jpg

Programm der Chanukka-Feier der Esragruppe Darmstadt, 1927
Programm der Chanukka-Feier der Esragruppe Darmstadt, 1927

Am 25. Kislew jeden Jahres beginnt Chanukka, das achttägige jüdische Lichterfest, das in Erinnerung an das Ölwunder und die Wiedereinweihung des zweiten Tempels gefeiert wird. Da der jüdische Kalender ein Lunisolarkalender ist, kann der Monat Kislew zwischen Mitte November und Mitte Dezember beginnen, so dass nach gregorianischem Kalender auch der Termin von Chanukka schwankt. 2021 beginnt das Lichterfest am Abend des 28. November, zufälligerweise zeitgleich mit dem 1. Advent. Wie man Chanukka in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren feierte, zeigt eine interessante Sammelakte aus dem Staatsarchiv Darmstadt (HStAD Best. G 12 B Nr. 30/6).

Werbeanzeige für Chanukka-Zubehör
Alles, was man für ein schönes Chanukka-Fest braucht: Werbeanzeige für Leuchter, Trendel (Kreisel) und andere Spiele und Geschenke (und ein paar Sachen für den Schabbat)

In den 1920er Jahren organisierte die Esragruppe, ein orthodoxer Jugendbund, einige große Chanukka-Feiern. 1927 fand die Feier in Darmstadt im „Perkeo“ statt, einer großen Veranstaltungslokalität in der Alexanderstraße.
Das Programm, das sich an Kinder und Erwachsene richtete, war ziemlich umfangreich. Nach einem feierlichen Beginn mit klassischer Musik wurde zunächst die Chanukkia (achtarmiger Öl- oder Kerzenleuchter) entzündet und gemeinsam das bekannteste Chanukka-Lied „Maos Zur“ gesungen. Danach folgten Theaterszenen mit religiös-traditionellem Inhalt, Tänze und weitere Musikstücke und schließlich die humorvolle Posse „Schmul der Schnorrer“. Zudem wurde eine Tombola abgehalten, und natürlich gab es auch eine Bewirtung. Dass die Feier 1927 am siebten Tag von Chanukka und am Abend des 24. Dezember, also am christlichen Heiligabend, stattfand, hatte (nur) einen praktischen Grund: Es handelte sich um einen Samstag, an dem man nach Ende des Schabbats und wegen des folgenden schul- und arbeitsfreien Tags besonders ausgelassen feiern konnte.

Werbeanzeige für jüdische Theaterstücke
Anzeige für ein zeittypisches Buch mit religiösen und humorvollen Theaterstücken zu Chanukka und Purim

Die der Akte beiliegenden und die in den Programmen genannten Theaterstücke reichen von religiösen Themen über heiter-besinnliche Szenen bis hin zu vergnüglichen Possen, mit denen (angeblich) „typisch jüdische“ Themen und Personen parodiert wurden. Zu den ernsteren Stücken gehört etwa die Aufführung von Szenen aus „Die Makkabäer“ (Trauerspiel von Otto Ludwig) oder eine Huldigung der jüdischen Feste und die Vorstellung der jüdischen Monate, wobei die Feste bzw. Monate als handelnde „Personen“ auftraten. Lustige Stücke waren „Schmul der Schnorrer“, „Schulhumor an Chanukoh" (Lustspiel) oder „Der jüdische Goy [=Nichtjude]“ von Alfred Auerbach.

Beginn des Theaterstücks "Beim Chanukahmann" von Frieda Mehler
Beginn des Theaterstücks "Beim Chanukahmann" von Frieda Mehler


Besonders originell ist das von Frieda Mehler verfasste Kinderstück „Beim Chanukahmann“, der eindeutig vom Weihnachtsmann inspiriert wurde und eine Wirtschafterin namens Rebekka hat. Der Briefträger bringt ihm Briefe mit Chanukka-Wünschen der Kinder: „Einen Zeppelin, aber richtig groß, nicht einen so, zum spielen bloß. / Ach bring mir lieber Chanukahmann, eine Unter- und eine Obergrundbahn (...) Einen Selbstfahrer wünsche ich mir enorm. / Und ich eine Unteroffizieruniform." Da der Chanukahmann in seinem Alter im Winter das Ausgehen scheut, wünscht er die Spielsachen her, woraufhin die Kataloge der großen (Berliner) Warenhäuser in personam kommen und ihn geschäftstüchtig umgarnen. Schließlich kommen die Kinder selbst, die sich aber - zum Entsetzen des Chanukahmanns - als äußerst unwissend erweisen:
Chanukahmann:
...Jetzt will ich erst einmal examinieren.
Nun antwortet ohne langes Zieren,
ob Ihr könnt Religion und hebräisch beten.
Wer von Euch kann auswendig die Propheten?

6. Kind: Ruben, Simon, Levy, Juda.
Die anderen Kinder: Das sind doch die Propheten nicht.
Chanukahmann: Na wer ist's denn?
7. Kind: Die Rechtsanwälte vom Landgericht. (...)

Doch dann zeigt sich, dass die Kinder ihr gespartes Geld mitgebracht haben, um es der Chanukka-Tradition gemäß für die Armen zu spenden. Das Stück endet mit dem Lied „Maos Zur“.

Programm der Chanukka-Feier der Aguda-Jugend 1937
1937 waren Feiern jüdischer Feste nur noch in kleinem Rahmen möglich: Programm der Chanukka-Feier der Aguda-Jugend.

Die kultur- und religionsgeschichtlich interessante Sammelakte zum Chanukka-Fest hat jedoch einen ernsten Hintergrund: Sie wurde von der Staatspolizeistelle Darmstadt (Gestapo) angelegt, um Materialien zu den Tätigkeiten der Esragruppe und anderer jüdischer Verbände zu sammeln. Weitere Schriftstücke in der Akte belegen, wie die großen Chanukka-Feiern und andere Veranstaltungen notgedrungen immer mehr ins Private verlagert wurden. Statt eines aufwendig gedruckten Programms gab es nun mit der Maschine geschriebene Zettel, und die Theaterstücke thematisierten immer häufiger die Auswanderung nach Palästina (Israel) und wurden teilweise ganz in Iwrit (Neuhebräisch) aufgeführt. Frieda Mehler, die das vergnügliche Stück über den Chanukka-Mann geschrieben hat, emigrierte 1939 in die Niederlande. 1943 wurde sie in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet.
Ihre Theaterstücke sind im Portal „Schatzbehalter“ der Arbeitsstelle für Kinder und Jugendmedienforschung (ALEKI) online abrufbar:
Alle digitalierten Texten von Frieda Mehler (Direktlink)
„Unser Lichtefest" (enthält „Beim Chanukahmann“, Direktlink)

Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv
Abbildungen zur Verfügung gestellt von Andrea Heck und Nasser Amini, Darmstadt

Hessen-Suche