Vom Christmarkt zum Weihnachtsmarkt

Eingaben von „Budenbesitzern“ auf dem Königsplatz in Kassel im 19. Jahrhundert

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Weihnachtspyramide auf dem Weihnachtsmarkt in Kassel
Weihnachtspyramide auf dem Weihnachtsmarkt in Kassel

Gegenwärtig stehen die Öffnungszeiten der lokalen Weihnachtsmärkte sowie die Zutrittsbedingungen aufgrund des aktuellen Corona-Infektionsgeschehens besonders im Fokus. Aber auch in nicht-pandemischen Zeiten können die unterschiedlichen Interessenlagen zwischen Geschäftsleuten, Anwohnern und Kommune zu Konflikten oder Interessensgegensätzen führen. Wer sich für historische Beispiele aus dem 19. Jahrhundert in Kassel interessiert, der wird im Hessischen Staatsarchiv Marburg fündig (HStAM Best. 175 Nr. 957). In dieser Akte sind unter anderem verschiedene Anträge der „Budenbesitzer“ und Weihnachtsbaumhändler um Verschiebung der Öffnungszeiten, Verkaufsrechte und Standorte enthalten.

Königsplatz in Kassel, um 1900 (Bildarchiv Foto Marburg – Nr. fm1521018)
Ort des Christmarkts: Königsplatz in Kassel, um 1900 (Bildarchiv Foto Marburg – Nr. fm1521018)

Da die Laufzeit der Akte der „Königlichen Polizei-Direktion Cassel“ (später: Polizeipräsidium Kassel) von 1829 bis 1898 reicht, lassen sich hier verschiedene Entwicklungen der Zeit schlaglichtartig ablesen. So hatte im frühen 19. Jahrhundert die Abstimmung mit den Gottesdienstzeiten oberste Priorität, während sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz andere Konfliktlinien zeigten. In den 1870er Jahren etwa baten die Betreiber des Christmarkts am Königsplatz darum, die Weihnachtsmarktzeiten aufgrund der Beleuchtungsmöglichkeiten zu verlängern, damit auch „die einfache Classe […] den Einkauf der Weihnachtsgeschenke bewerkstelligen kann.“ Die Gendarmerie blickte dem Zeitgeist geschuldet etwas anders auf die zur Disposition stehende Bitte und vermerkte in der internen Diskussion: „Das Marktverhalten zur Nachtzeit, wo mit Licht verkehrt werden muß, bleibt für die öffentliche Sicherheit stets gefährlich […]. Ich kann mich hiernach umsoweniger für das vorliegende Gesuch aussprechen, da ja auch Geschäftsleute bei den Abendverkäufen wenig verdienen, der beleuchtete Markt vielmehr von Dienstboten und Gesindel zu willkommener Promenarde [!] benutzt wird.“ Den Anlass für diese Bitte bildete dabei nicht allein die verhältnismäßig neu auftauchende Gasbeleuchtung, sondern vor allem der offenbar in Konkurrenz stehende Weihnachtsbasar, der länger geöffnet haben durfte und seit 1875 regelmäßig stattfand (siehe dazu HStAM Best. 175 Nr. 376). Schenkt man den Schreiben der Petenten Glauben, dann war der Basar jedoch nur den Wohlhabenden vorbehalten.

Gesuch der Standbetreiber um längere Öffnungszeiten des Weihnachtsmarkts in Kassel (HStAM Best. 175 Nr. 957)
Gesuch der Standbetreiber um längere Öffnungszeiten des Weihnachtsmarkts in Kassel, auch am 24. Dezember (HStAM Best. 175 Nr. 957)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schienen der Anstieg der Einwohnerzahlen und die zunehmende Vielfalt des Weihnachtsmarktangebotes zu einem regelrechten „Boom“ geführt zu haben, so dass der Königsplatz als einziger Verkaufsort nicht mehr ausreichte. Da es an anderen prestigeträchtigen Plätzen im Altstadtbereich fehlte, wurde zunächst der Weihnachtsbaumverkauf ausgelagert.

Verlegung des Weihnachtsbaumverkaufs in Kassel (HStAM Best. 175 Nr. 957)
Mehr Platz für den Weihnachtsmarkt: Verlegung des Weihnachtsbaumverkaufs in Kassel (HStAM Best. 175 Nr. 957)


Insgesamt ermöglicht die Akte nicht nur einen Einblick in die Entwicklung des Kasseler Weihnachtsmarktes am Königsplatz, sondern aufgrund der zahlreichen Eingaben werden Gruppen und Einzelpersonen deutlich, die ansonsten in den Akten häufig unsichtbar bleiben.
Constanze Sieger, Marburg

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