Fahndung nach einem Turm

Rätsel um ein Darmstädter Foto

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Blick über das kriegszerstörte Darmstadt auf den unbekannten Turm
Blick über das kriegszerstörte Darmstadt auf den unbekannten Turm

Von einer zurückliegenden Ausstellung lagert im Staatsarchiv Darmstadt eine großformatige Tafel, die eine Ansicht der zerbombten Stadt zeigt, die aus dem ersten Stock des heutigen Bekleidungsgeschäftes Henschel geschossen wurde. Der Blick geht über den Ernst-Ludwigs-Platz mit dem Denkmal für Großherzog Ludwig IV. Rechts oben ist das ausgebrannte Dach des Hessischen Landesmuseums zu erkennen, links am Bildrand erhebt sich die markante Dachlandschaft der Eleonorenschule und schräg dahinter, wenn auch in der Entfernung deutlich verzerrt, die Johanniskirche. In der Mitte aber des Bildes ist ein markanter Turm zu erkennen, der Rätsel aufgibt. Um welchen Turm handelt es sich? Und wo steht er?

Auch erfahrene Stadthistoriker musste passen, und selbst alteingesessene Darmstädterinnen und Darmstädter konnten sich keinen Reim auf diesen markanten Turm machen. Denn selbst wenn wir von einem eher unbedeutenden Nutzbau ausgehen, was bei diesem Turm nicht zu erwarten ist, bleibt die Frage, wo dieser gestanden haben soll. Denn ausgerechnet dort, vom heutigen Willy-Brandt-Platz ausgehend ins Johannisviertel hinein, hat die Wohnbebauung den Luftangriff auf Darmstadt in der Nacht vom 11./12. September 1944 fast unbeschadet überstanden, so dass für ein solches Bauwerk kein Platz wäre.

Historische Postkarte mit Blick auf Mathildenplatz und Justizpalast in Darmstadt, um 1899
Nur ein Turm ist auf dieser Postkarte von 1899 zu sehen - der Turm der Johanniskirche. (HStAD Best. R 4 Nr. 39746)

Einen Hinweis zu Ermittlung des Bauwerks geben die Bäume, die sich linke davor über die Trümmer erheben. Dabei kann es sich nur um die Bepflanzung des Mathildenplatzes handeln. Alte Fotografien dieser Platzanlage geben auf den ersten Blick auch keinen Aufschluss, denn hinter dem Landgericht erstreckt sich ein turmloser Himmel, wie eine Aufnahme von 1899 belegt, in der auch nur der bekannte Turm der Johanniskirche zu erkennen ist.

Historische Aufnahme des neues Amtsgerichts in Darmstadt, erbaut 1903-1904
Massiv: Das 1903-1905 erbaute neue Amtsgericht in Darmstadt (HStAd Best. R 4 Nr. 8721)


Eine weitere Recherche und ein etwas genauerer Blick aber gibt Aufschluss. Denn das neben dem Landgericht gelegene Amtsgerichtsgebäude, das zwischen 1903 und 1905 errichtet und 1944 schwer beschädigt worden war, trug ursprünglich einen massiven Dachreiter. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, da das Dachgeschoss durch einen funktionalen Aufbau der 1950er Jahre ersetzt wurde. Auf alten Fotografien aber ist dieser turmartige Aufbau zu erkennen (z.B. HStAD Best. R 4 Nr. 39746, 25978, 8721 und 8710).

Stadtplan von Darmstadt, Ausschnitt der Innenstadt zwischen Ludwigsplatz und St. Elisabethkirche, um 1910
Lage des Amtsgerichts am Schlossgarten (jetzt Herrngarten) auf einem Stadtplan von 1910 (HStAD Best. P 1 Nr. 2497)

Da das den „Turm“ umgebende Gebäude durch den Luftangriff stark beschädigt und damit die Ummantelung weggefallen war, stand nach dem Krieg ein großer einsamer Turm in Darmstadts Mitte, der heute nicht so einfach zu identifizieren ist – vor allem, da jeder Betrachter sofort an einen Kirchturm oder ähnliches denkt. Hier wird Stadtgeschichte also zu einem spannenden Detektivspiel. Wie gut, dass es Archive mit ihren Bildersammlungen gibt!
Rouven Pons, Darmstadt

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