Verruchte Party in Ruinen

Rosenmontag im Hessischen Landestheater 1951

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Klappkarte "Rosenmontag im Großen Haus", 1951
Einladung zur Party in Ruinen: Klappkarte "Rosenmontag im Großen Haus" (HStAD Dienstbibliothek I 1071/20), 1951

In der Darmstädter „Brandnacht“ vom 11./12. September 1944 wurde auch das Gebäude des Hessischen Landestheaters zerstört, in dem sich – nach dem Wiederaufbau – seit 1993 das Hessische Staatsarchiv Darmstadt befindet. Nur wenige Räumlichkeiten blieben von der Zerstörung verschont, die aber direkt nach dem Krieg für Lesungen und klein besetzte Vorstellungen genutzt werden konnten. Und so geschah es auch am Rosenmontag des Jahres 1951, am 5. Februar ab 20:11 Uhr, wie ein Klappkarte in den Beständen des Staatsarchivs Darmstadt ausweist (HStAD Dienstbibliothek I 1071/20). Platzkarten waren für 15,– DM zu erhalten, für Theaterabonnenten für 13,– DM.

Wie die Innenseite ausweist gab es neun Säle, die im ganzen Haus verteilt waren. Platzkarten konnten im Vorverkauf erworben werden. Von den Plätzen aus konnten die Fastnachter dann die verschiedenen Lokalitäten im Gebäude aufsuchen. Der Zugang war vom Karolinenplatz her. Im Untergeschoss befand sich der „Apachenkeller“ – in den 1920er Jahren in Anlehnung an den Film „Die Apachen von Paris“ (1927) Ausdruck für eine Spelunke oder Ganovenkneipe –, darüber die „Reeperbahn“ und im ersten Stock „St. Pauli“. Es ging also recht verrucht zu. Direkt unter dem Dach sind die Räume „Dachboden“, „Mottenkiste“ und „Montmartre“ eingezeichnet.

Die geöffnete Klappkarte zeigt einen Lageplan der Veranstaltungsorte im Staatstheater Darmstadt
Die geöffnete Klappkarte zeigt einen Lageplan der Veranstaltungsorte im Staatstheater Darmstadt

Interessant aber sind die beiden großen Räumlichkeiten im ersten und zweiten Stock: „Darmstädter Gespräch“ und „Das Menschenbild in unserer Zeit“. Die Fastnachtsveranstaltung nahm hier Bezug zu den Darmstädter Gesprächen, die vom 15. bis 17. Juli 1950 in der Stadthalle (heute: Turnhalle der Eleonorenschule) als Begleitprogramm zu einer Ausstellung „Das Menschenbild in unserer Zeit“ fungiert hatten. Die Ausstellung selbst war vom 15. Juli bis 3. September 1950 im Ausstellungsgebäude der Mathildenhöhe zu sehen gewesen und hatte Werke von Beckmann, Marcks oder Mataré umfasst.
An den zum Teil sehr heftig geführten und vom Publikum lautstark begleiteten Gesprächen (HStAD Dienstbibliothek O 1174) nahmen unter anderem der Maler Johannes Itten, der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der Philosoph Karl Holzamer, der Maler Willi Baumeister der Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno und der Ökonom Alfred Weber teil. Ziel der Gespräche war es „die Krise der Rezeption der modernen Kunst zu überwinden“. Die Debatten aber offenbarten nur die tiefen Gräben und gingen damit in die Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands ein.

Es ist kaum zu vermuten, dass das Landestheater die Rosenmontagsveranstaltungen zur Fortsetzung dieser ernsthaften Debatten nutzen wollte, zumal die Gespräche zwischen Reeperbahn und St. Pauli räumlich eingekeilt waren. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Kulturschaffenden im Theater die Aktivitäten des zurückliegenden Jahres, die auch in der Öffentlichkeit zu großen Debatten geführt hatten, durch den Kakao ziehen wollten. Leider sind nähere Informationen zu dieser Veranstaltung nicht überliefert. Aber vielleicht gibt es ja noch Zeitzeugen?
Barbara Tuczek / Rouven Pons, Darmstadt

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