Klassischer Zufallsfund

Brief des Philosophen René Descartes im Staatsarchiv Marburg nach über 100 Jahren wiederaufgetaucht

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Brief von Rene Descartes vom 4. August 1645
Nach über 100 Jahren aufgefunden: Ein Brief von Rene Descartes vom 4. August 1645. Auf der Mappe befindet sich ein Hinweis auf eine Gesamtausgabe der Werke Descartes‘

„Von ursprünglich mindestens sieben Briefen Descartes waren bereits 1911 nur noch sechs Briefe vorhanden!!“; so steht es bislang in Arcinsys als Zusatzinformation zu dem Archivale „Verschiedene Korrespondenzen, u.a. Briefe Descartes an die Landgräfin von Hessen“ aus dem Familien- und Herrschaftsarchiv derer von Dörnberg. Und in dem Archivale selbst befindet sich der mit Bleistift geschriebene Vermerk „Nur 6 Briefe einliegend 23.8. [19]11“ (HStAM Best. 340 von Dörnberg Nr. 4232).
Die Wiederentdeckung dieses Schreibens kann als klassischer Zufallsfund bezeichnet werden: Bei der Suche nach einer Akte fand sich im Magazin eine unverzeichnete Mappe mit der Aufschrift „Brief von Descartes“ und einem Hinweis auf eine Edition der Schriften Descartes‘ aus den Jahren 1897–1913 (Charles Adam, Paul Tannery [Hgg.]: Œuvres des Descartes [11 Bände und Anhang], Léopold Cerf, Paris 1897–1913). In der Mappe lag ein handschriftlicher Brief im Umfang von vier Seiten. Er ist auf den 4. August 1645 datiert und unterschrieben mit „Descartes“. Ein Adressat geht aus dem Schreiben selbst nicht hervor.

Der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) unterhielt zu seinen Lebzeiten ein umfangreiches Netzwerk an Korrespondenzpartnern. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass in der genannten Edition seines Werkes alleine fünf Bände mit Briefen an verschiedenste Personen belegt sind. Im 1901 erschienenen vierten Band dieser Gesamtausgabe ist der gefundene Brief auf den Seiten 263-268 abgedruckt (externer Link). Demnach ist er an Elisabeth von der Pfalz (1618–1680) gerichtet. Auch die Fundstelle ist angegeben: „Copie MS., Marburg, Staatsarchiv, Lett. de Desc., no2.“ In dem Band sind insgesamt sieben Briefe abgedruckt, die im Staatsarchiv Marburg verwahrt werden. Das aufgefundene Schreiben konnte demnach noch 1901 für eine Publikation genutzt werden, bevor es ab spätestens 1911 als verschollen galt. Nach über 100 Jahren, in denen unter anderem der Umzug des Staatsarchivs vom Marburger Schloss in sein heutiges Gebäude am Friedrichsplatz stattfand, können die Seiten nun wieder zusammengeführt werden.

Die Abschriften von sieben Descartes-Briefen an Elisabeth von der Pfalz
Wieder vereint: Die Abschriften von sieben Descartes-Briefen an Elisabeth von der Pfalz (HStAM Best. 340 von Dörnberg Nr. 4232)

Der Brief selbst ist eine Erörterung über Senecas Werk „De vita beata“ („Über das glückliche Leben“). Descartes und Elisabeth hatten die Schrift gelesen und unterhielten sich über die darin entwickelten philosophischen Gedanken. Die beiden standen über sechs Jahre lang in schriftlichem Kontakt zueinander, was sich in insgesamt 59 Briefen niederschlägt. Neben gelehrten Diskussionen tauschten sie sie auch über private Themen aus (Zum Weiterlesen: Sabrina Ebbersmeyer: Der Briefwechsel zwischen Elisabeth von der Pfalz und René Descartes, 2016.).
Die ursprüngliche Freude über den Fund wurde jedoch ein wenig getrübt: Wie aus der Edition hervorgeht, ist der Brief leider nicht von Descartes selbst niedergeschrieben worden, sondern lediglich eine Abschrift. Dennoch kommt ihm eine gewisse Bedeutung zu, da er als Quelle in der Edition von Descartes‘ gesammelten Werken genannt ist.
Matthias Klein, Marburg

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