Englische Mode in Hessen

Eine kleine Modenschau mit Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein

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Queen Victoria in Witwentracht (HStAD Best. R 4 Nr. 4035)
Trug Krinoline: Queen Victoria in Witwentracht (HStAD Best. R 4 Nr. 4035)

Nicht nur der französische Mode aus Paris kam in der Vergangenheit quasi Monopolstellung zu, auch Queen Viktoria setzte darauf, die inländische Mode- und Stoffindustrie zu fördern, indem sie selbst zum Beispiel Seiden aus englischen Seidenfabriken für ihre Kleidung wählte. Zudem war ihr einzigartiger Stil in der Zeit ihrer Regentschaft von allen Bereichen in- und außerhalb von Europa – wie auch zum Teil in Amerika – von vielen Damen bewundert und nachempfunden.

Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein, Tochter von Queen Victoria (HStAD Best. R 4 Nr. 16696)
Übernahm die Mode ihrer Mutter: Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein, Tochter von Queen Victoria (HStAD Best. R 4 Nr. 16696)

Typisch für die 1850er bis 1860er waren die relativ neu aufgekommenen Reifröcke, im englischen „Crinoline“ genannt, welche nach der modischen Tendenz in Form weiter und ausladender Röcke eingeführt wurden, die das Gewicht und die Anzahl der Petticoats unter den modischen Röcken deutlich erleichterte. Später gab es diese Reifröcke auch in elliptischer Form, welche weitere Möglichkeiten boten, seinen Wohlstand durch die erhöhte Menge Stoff darzustellen und den neuesten „Trends“ zu folgen.

Übernahm die Mode ihrer Mutter: Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein, Tochter von Queen Victoria (HStAD Best. R 4 Nr. 16696)
Feste Büste, ausladender Rock und reiche Verzierung: Großherzogin Alice in einem zeittypischen Krinolinenkleid (HStAD Best. R 4 Nr. 16695)

Durch die engen verwandtschaftlichen Beziehungen gab es auch in Hessen einige Vertreterinnen dieses englischen Modestils, darunter Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland, welche in 1862 den Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein heiratete. Typische Kleidungsschichten von innen – nicht fotografisch festgehalten – nach außen waren: Unterkleid (mit Hosenbeinen), Korsett, Reifrock, ein bis zwei Petticoats, evtl. eine Chemisette, Überrock aus Modestoff, Oberteil mit Miederstäbchen verstärkt, Falsche Puffärmel, Übermantel, Haaraccessoires wie Hüte und Bänder, Schuhe, die häufig aus demselben Material wie der Modestoff des Rockes bzw. des Oberteils bestanden.

Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein (HStAD Best. R 4 Nr. 24514)
Die Mode liebte Bänder, Schleifen und Spitzen; dazu gehörten farblich abgestimmter Hauben und Schmuck.

Die typische Silhouette der Damen bezog sich stark auf die Betonung der „schmalen“ Taille. Im Gegensatz landläufigen Meinung haben Frauen allgemein durchaus nicht ihr Korsett verwendet, um sich engst möglich einzuschnüren – zu der „Tight-Lacing-Kultur“ gehörten lediglich wenige Frauen der obersten sozialen Elite –, sondern nutzten die Möglichkeiten der optischen Täuschung. Hierzu dienten Schnittkonstruktionen, die am Oberteil weite Ärmel und Schulter betonten, sowie weite Röcke, so dass bei jeder natürlichen Körperform die strikte modische Silhouette zu erreichen war. Das Korsett bildete hier lediglich die Basis für den Tragekomfort, band alle Röcke (inklusive Reifrock) über dem Korsett fest, ohne dabei in die Haut einzuschneiden oder zu verrutschen. Übrigens: Auch bei Männern zählte das Korsett zur alltäglichen Kleidung, um bei den taillierten Frackmänteln die modische Silhouette zu verstärken. Die Taillierung ließ im Laufe der Zeit nach, jedoch erkannte man schon damals die immense Ähnlichkeit der damaligen dreiteiligen Herrenbekleidung zu den heutigen zwei bis dreiteiligen Herrenanzügen.

Hochzeit von Prinzessin Alice mit Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein 1862 im Osborne Haus, Windsor (HStAD Best. R 4 Nr. 1277)
Die Herrenmode ähnelt bereits der heutigen, die Damenmode hat sich stark verändert. Hochzeit von Hochzeit von Prinzessin Alice mit Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein 1862 im Osborne Haus, Windsor (HStAD Best. R 4 Nr. 1277)

Ab den 1870ern änderte sich die gewünschte Silhouette bei der Damenmode. Die Krinolinen wurden gegen Ende der 1860er viel zu groß. Eine Menge Karikaturen bezeugt dies, in denen angekreidet wurde, dass Frauen nicht mehr durch normale Türen passen oder der Wind die Röcke hochwehen ließ wie ein Regenschirm im Sturm. Zudem erhöhte sich das Risiko in den offenen Kaminen Feuer zu fangen, was insbesondere durch falsche, chemische Seiden noch verstärkt wurde.

Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein mit ihrem Sohn Ernst Ludwig (HStAD Best. R 4 Nr. 16691)
Neuer Modetrend: Cul de Paris. Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein mit ihrem Sohn Ernst Ludwig (HStAD Best. R 4 Nr. 16691)

Die Kleidungsform wurde daher deutlich schmaler, blieb aber hüftbetonend: In der „Bustle-Era“ (Cul de Paris) wurde die Krinoline durch einen schmalen, an der Hinterseite aufgebauschten Rock ersetzt, wie er auf dem Foto der Großherzogin mit ihrem Sohn zu sehen ist.
Nathalie Leßmöllmann, Wiesbaden / Rouven Pons, Darmstadt

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