Trostpflaster für Familienforscher

Rechnungsbelege der Entbindungsanstalt in Hadamar

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Rechnung der Entbindungsanstalt in Hadamar
Rechnung der Entbindungsanstalt in Hadamar

Uneheliche Geburten bringen Genealogen immer wieder einmal an einen toten Punkt. Zumeist ist der Vater des Kindes nicht zu ermitteln, weil sich alle Quellen über ihn ausschweigen. Die Weiterverfolgung der Vorfahren in einem Familienzweig wird damit unmöglich gemacht. Daran kann zwar auch die Überlieferung zur Entbindungsanstalt in Hadamar nichts ändern, aber sie bietet dennoch ein paar interessante Bände auf, die für Genealogen zumindest ein kleines Trostpflaster bereithalten können, wenn schon die Recherche abgebrochen ist.

Schon 1816 trug man sich im Herzogtum Nassau mit dem Gedanken, eine zentrale Entbindungsanstalt einzurichten, in welcher die Hebammen des Landes ausgebildet werden konnten. Als Standort fiel die Wahl auf das ehemalige Franziskanerkloster in Hadamar, weil die Stadt im Herzogtum sehr zentral, das Kloster selbst aber etwas abseits der Stadt gelegen war. Nach langen Sondierungen und Verhandlungen konnte die Hebammen-Lehr- und Entbindungsanstalt im Mai 1828 in Hadamar eröffnet werden. Acht bis zehn schwangere Frauen konnten gleichzeitig aufgenommen und unentgeltlich entbunden werden. Sie hielten sich circa zwei Wochen – später sogar sechs bis zehn Wochen – vor Ort auf und verließen dann die Anstalt wieder mit einem getauften Kind, was insbesondere für uneheliche Mütter sehr positiv war, zumal die Entbindung in Hadamar von der Anstalt selbst geheimgehalten wurde. In den ersten Jahren führte das dazu, dass fast ausschließlich werdende uneheliche Mütter nach Hadamar kamen, um so einer Verächtlichmachung durch die Gesellschaft zu entgehen.

Eintrag in einem Rechnungsband der Entbindungsanstalt in Hadamar
Friederike Pulch aus Reichenbach war vom 25. Juli bis zum 17. Oktober 1855 in der Entbindungsanstalt.

Aber das genügte zur Aufrechterhaltung des Betriebes nicht. Um die Möglichkeit der Ausbildung von Hebammen zu erhöhen, hatten deshalb ab 1834 alle Frauen im Herzogtum, die entweder Mittel des Armenfonds in Anspruch nahmen oder unehelich entbinden wollten, die Dienste der Anstalt in Anspruch zu nehmen. Seit der Annexion Nassaus durch Preußen lief die Klinik für Geburtshilfe in Bonn der Hadamarer Anstalt allerdings dann den Rang ab. 1872 wurde sie geschlossen.

Eintrag in einem Rechnungsband der Entbindungsanstalt in Hadamar
Grund für den langen Aufenthalt von Friederike Pulch - immerhin 84 Tage - war eine "Krankheit im Wochenbett".

Das Institut dürfte daher auch bei Familienforschern auf ein gewisses Interesse stoßen – hier insbesondere die Beilagen zu den Rechnungen, die für die Jahrgänge 1830, 1840, 1850 und 1855 (HHStAW Abt. 225 Nr. 480–483) im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden überliefert sind. Neben allgemeinen Gebührenabrechnungen und namentliche Übersichtslisten zur Abrechnung des „Kopfgeldes“ für die Insassen mit Angabe des Herkunftsortes sind die Belege, die für jede einzelne Person angelegt wurden, sehr authentische Dokumente zur Familiengeschichte.

Eintrag in einem Rechnungsband der Entbindungsanstalt in Hadamar
Für die Ernährung der Zwillinge von Philippine Freitag aus Alsheim bei Worms fielen Extrakosten für "Milch und Weck" an. Die Ausländerin war "im Interesse des Hebammenunterrichts" wegen Mangel an einheimischen Schwangeren aufgenommen worden.

Die Bögen erfassen den Namen und den Herkunftsort der Entbundenen, halten die Dauer des Aufenthaltes fest, berechnen die entstandenen Kosten, die dann an die Staatskassendirektion zur Abrechnung überschickt wurde, und kommentieren den Sachverhalt Fallweise: „Der lange Aufenthalt dieser Schwangeren in der Entbindungsanstalt ist durch Krankheit im Wochenbett veranlaßt worden.“ oder „Diese Ausländerin wurde im Interesse des Hebammenunterrichts aufgenommen, da gerade Mangel an inländischen Schwangeren war.“ Traurig sind die Quittungen der Totengräber für die Beisetzung totgeborener oder kurz nach der Geburt verstorbener Kinder.

Wer also in den Kirchenbüchern auf uneheliche Kinder stößt oder gar auf die Verlegung in die Entbindungsanstalt in Hadamar, sollte – sofern der Jahrgang passt – in der Wiesbadener Überlieferung einmal nachsehen. Der Vater des Kindes dürfte durch diese Überlieferung auch nicht zu ermitteln sein, aber zumindest tröstet ein besonders authentisches Zeugnis dieser Geburt vielleicht etwas über die fehlende Information hinweg.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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