Erinnerungen eines Flüchtlings

Bedeutendes Ego-Dokument der Hugenotten ins Staatsarchiv Marburg übernommen

HStAM_341_107.png

Lebenserinnerungen des Jacob Estienne (HStAM Best. 341 Nr. 107, Ausschnitt)
Lebenserinnerungen des Jacob Estienne (HStAM Best. 341 Nr. 107, Ausschnitt)

Das Staatsarchiv Marburg hat im Sommer des Jahres das Tagebuch des hugenottischen Buchhändlers Jacob Estienne aus Kassel aus dem 18. Jahrhundert übernommen. Das Tagebuch stellt eines der bedeutendsten Ego-Dokumente des Refuge dar, beschreibt Estienne darin doch detailliert zentrale Ereignisse der Verfolgung der Hugenotten in Frankreich, die Flucht der Familie nach Deutschland und das Leben in der neuen Heimat.
Jacob (Jacques) Estienne wurde am 9. Februar 1655 in Dieppe geboren; seine Familie zog 1661 nach Metz, wo Jacques als Jugendlicher den Buchhandel erlernt. Die Lehr- und Wanderjahre führten ihn in verschiedenste französische Städte, nach Paris, Nancy, in die Champagne, nach Dijon und Lyon, bis nach Marseille an der Mittelmeerküste. Gegen die eigenen Glaubensbrüder kämpfte er 1676 als Soldat unter Ludwig IX. in der Seeschlacht von Messina. Zurückgekehrt in Metz, hatte sich die Lage für die Hugenotten bereits verschlechtert, doch erst nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes (1598) im Jahr 1685 floh Estienne, zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und Vater von zwei Kindern, als Bauer nach Deutschland. Nach Stationen in Kaiserslautern und Heidelberg im August 1686 in Kassel angekommen, gelang es ihm, dort einen schon bald florierenden Papier- und Buchhandel zu etablieren: Nos entrames dans l’année 1692 par l’augmentation de mon Comerce de papier […] alors aussi je començai à prendre conaissance des livres d’usage, propres aux libraires allemands, et començai à leur en vendre en gros, ce qui a de jour augmenté dans la suite, à mon grand avantage et profit.

Zeit zum Verfassen seiner Lebenserinnerungen hatte Estienne ab Juli 1721, da er zu diesem Zeitpunkt die Geschäfte an seinen Sohn Jean Samuel übergeben hatte. Bis zu seinem Tod 1732 trug er Ereignisse ein; bis 1738 wurde das Buch von Jean Samuel weitergeführt. Es folgte eine kurze Genealogie der Familie seit 1510; von anderer Hand sind Nachkommen bis 1836 eingetragen. Obgleich stellenweise recht knapp die Ereignisse beschreibend, vermittelt das Wechselspiel von Privatem, Geschäftlichen und einer Schilderung der „großen“ politisch-religiösen Geschehnisse einen unmittelbaren Einblick in das Alltagsleben des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts.

Anzeige der Witwe Estienne für ihre Druckerei mit verschiedenen Schriftproben (HStAM Best. 16 Nr. 7729)
Anzeige der Witwe Estienne für ihre Druckerei mit verschiedenen Schriftproben (HStAM Best. 16 Nr. 7729)

Die Erinnerungen, bis dahin nur innerhalb der Familie weitergegeben, wurden 1974 ins Deutsche übersetzt im Bremer Jacobi-Verlag unter dem Titel „Die Erinnerungen des Jacques Estienne“ verlegt; leider ist die Ausgabe vergriffen und auch antiquarisch nur sehr schwer erhältlich. Überliefert im Staatsarchiv ist nun die einzige erhaltene Abschrift, die ein Urenkel Estiennes 1786 in Celle anfertigen ließ und in der Familie seiner Tante Magdelaine Gabain geb. Estienne, einer Nichte Jean Samuels, von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Es überstand Krieg und Vertreibung. Die Übergabe erfolgte im Rahmen eines persönlichen Besuchs der aus Bernkastel-Kues angereisten Deponentin Frau Renate Garbers, geb. Gabain, ihres Ehemannes und ihrer Tochter im Staatsarchiv. Bei dieser Gelegenheit kamen die Besucher in den Genuss einer Hausführung und einer Quellenpräsentation zum Thema Hugenotten. (HStAM Best. 341 Nr. 107)
Die Buchdruckerfamilie Estienne ist in weiteren Beständen des Staatsarchivs Marburg überliefert; in einer Akte zur Buchdruckerei der Witwe Estienne zu Kassel findet sich eine Anzeige mit verschiedenen Schriftproben.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

Hessen-Suche