Vor 100 Jahren: Die Ermordung Walther Rathenaus und Maßnahmen zum Schutz der Republik

Frühe Warnzeichen für die Bedrohung von Politik und Gesellschaft

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Fahndungsplakat für die Mörder von Walter Rathenau (HStAM Best. 180 Rotenburg Nr. 3170)
Fahndungsplakat für die Mörder von Walter Rathenau (HStAM Best. 180 Rotenburg Nr. 3170)

Am 24. Juni 1922 wurde Walther Rathenau von Angehörigen der rechtsextremen Organisation Consul (O.C.) ermordet. Der Anschlag auf den Außenminister auf seiner Fahrt ins Auswärtige Amt steht in einer Abfolge nationalistischer und antisemitischer Attentate auf bürgerliche Politiker in der Weimarer Republik – Karl Gareis von der USPD wurde am 9. Juni 1921 in München erschossen, Finanzminister Matthias Erzberger vom Zentrum am 26. August 1921. Der damalige Kasseler Oberbürgermeister Philipp Scheidemann entging kurz vor der Ermordung Rathenaus am 4. Juni 1922 einem Blausäure-Attentat, ebenfalls von der O.C. verübt, mit leichten Verletzungen.

Zum Mord an dem jüdischen Politiker Rathenau wurde in der nationalistischen Presse und in Schmähliedern regelrecht aufgerufen; Drohbriefe erreichten den Politiker im Vorfeld. Im Februar 1922 zum Außenminister des Deutschen Reiches ernannt, unterzeichnete Rathenau wenig später den Vertrag von Rapallo mit Sowjetrussland; auch als Vertreter der „Erfüllungspolitik“ nach dem Versailler Vertrag diente er der völkischen Rechten als Feindbild. In der Akte des Landratsamtes Rotenburg/Fulda, welche die Maßnahmen zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und zum Schutz der Republik betrifft, findet sich auch ein Fahndungsplakat der Mörder Rathenaus (HStAM Best. 180 Rotenburg Nr. 3170).

In demokratisch und republikanisch gesinnten Kreisen löste die Ermordung Rathenaus im Entsetzen und Empörung aus; Reichskanzler Joseph Wirth sprach am 25. Juni 1922 im Reichstag die vielzitierten Worte: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts.“ Arbeiterverbände und Gewerkschaften organisierten Protestkundgebungen und Demonstrationen.

Zeitungsbericht über die Demonstrationen anlässlich der Ermordung von Walther Rathenau (HStAM Best. 175 Nr. 13838)
Zeitungsbericht über die Demonstrationen anlässlich der Ermordung von Walther Rathenau (HStAM Best. 175 Nr. 13838)

Nach der Ermordung Rathenaus schickte die Reichsregierung noch am selben Tag ein Telegramm an alle Regierungspräsidien und gleichartige Stellen. Der Text sollte als Aushang publiziert werden. Er zeigt eindrücklich, wie hoch bereits 1922 die Gefahr für die Republik eingeschätzt wurde. In einigen Passagen wirkt er auf erschreckende Weise aktuell:
„Der Mord an dem Reichsminister Dr. Rathenau hat die schweren Gefahren enthüllt, denen Deutschland durch innerpolitische Gährungen ausgesetzt ist. Die Mahnungen, den Zwist der Parteien und den Streit um Vergangenes ruhen zu lassen und alle Kräfte der Nation dem Aufbau und der Rettung des Vaterlandes zu weihen, sind ungehört verhallt. Eine ruhelose und nichtswürdige Verhetzung, welche sich gegen die Staatsform richtet und ihre Diener für vogelfrei erklärt, treibt immer wieder unklare, politisch verblendete oder verwilderte Köpfe zu Mordversuch und Mord. Ein Netz von Verschwörung droht den inneren Frieden, die Grundlage einer deutschen Erneuerung, zu zerstören. Der Mord an Rathenau ist nur ein Glied in einer Kette wohlvorbereiteter Anschläge auf die Republik. Zuerst sollen die Führer der Republik, dann soll die Republik selbst fallen. – In der Verteidigung gegen den verbrecherischen Anschlag muss Durchgreifendes geschehen. Dem wachsenden Terror, dem Nihilismus, der sich vielfach unter dem Deckmantel nationaler Gesinnung verbirgt, darf nicht mehr mit Nachsicht begegnet werden. Der Ruf: „Die Republik ist in Gefahr“ muss alle freiheitlichen für den Aufbau eines demokratischen Staatswesens arbeitenden Schichten der Bevölkerung zusammenschliessen und einigen (...).“ (HStAM Best. 180 Ziegenhain Nr. 4340, Telegramm in HHStAW Abt. 423 Nr. 1264).
Zwei Tage nach dem Mord an Rathenau beschloss der Reichstag die „Verordnung zum Schutze der Republik“, am 21. Juli 1922 ein entsprechendes Gesetz, das u.a. die Etablierung eines Staatsgerichtshofes zum Schutze der Republik beim Reichsgericht vorsah, der republikfeindliche Vereine, Verbände und Parteien verbieten konnte.

Telegramm für eine öffentliche Bekanntmachung der Reichsregierung nach der Ermordung von Walther Rathenau (HHStAW Best. 423 Nr. 1264)
Telegramm für eine öffentliche Bekanntmachung der Reichsregierung nach der Ermordung von Walther Rathenau (HHStAW Best. 423 Nr. 1264)

Einen guten Einblick in das Aufkommen nationalistischer Vereine und deren Duldung bzw. gegen sie gerichteten Maßnahmen vor Ort, hier im Kreis Wetzlar, gibt eine Akte des Hauptstaatsarchivs zur Überwachung der Links- und Rechtsextremisten in den Jahren 1922 bis 1932 (HHStAW Abt. 423 Nr. 1264): Eine Abfrage zu den Aktivitäten des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes“, einer extrem nationalistischen, völkischen und antisemitischen Vereinigung, die nach dem Attentat verboten worden war, blieb im Sommer 1922 ergebnislos, hingegen wird zwei Jahre später aus Braunfels und Leun das Bestehen des „Völkisch-sozialen Blocks“ gemeldet, der zur „Großdeutschen Volksgemeinschaft e.V.“ gehören soll. Es seien, wie der Bürgermeister meldete, „durchweg jüngere Leute, Studenten, Angestellte und Arbeiter. Es handelt sich um einwandfreie, zuverlässige politisch rechts gerichtete Elemente, die ihre nationale Gesinnung nicht verhehlen wollen. Unbesonnenheiten sind von ihnen nicht zu erwarten. (…)“ Rückblickend erscheint diese Einschätzung sehr naiv.

Für Aufsehen in Wetzlar sorgten im Jahr 1924 zwei verbotene „LKW-Demonstrationen“: Am 9. April war ein offener LKW mit Fahnen der Deutschvölkischen Freiheitspartei, am 10. April einer der Sozialdemokratischen Partei „von aussen mit rotem Tuch dekoriert“ durch die Stadt gefahren. „Die auf dem Kraftwagen dicht zusammenstehenden Menschen führten zwei grosse entrollte Fahnen mit sich, die eine in roter, die anderen in den Reichsfarben. Einige Personen warfen Wahlflugschriften ab. …“ Die Polizei verbot dem SPD-LKW die Weiterfahrt, was zu einer Beschwerde führte. Die Polizeiverwaltung erklärte daraufhin folgendes:
„Das Verbot richtete sich nicht nur gegen die Sozialdemokratische Partei, sondern ausnahmslos gegen alle Parteien, um Unruhen und Ausschreitungen von vornherein zu begegnen. Ganz zweifellos muss ein derartiger Aufzug (…) als ein Umzug im Sinne des § 3 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28.2.1924 angesehen werden. (…) Es steht gar nicht im Belieben der hiesigen Polizeiverwaltung, solche Umzüge zuzulassen oder zu verbieten. Nach der angezogenen Verordnung „sind“, also „müssen“ solche Umzüge verhindert werden.
Schliesslich gestatte ich mir noch darauf aufmerksam zu machen, dass es schon wiederholt bei Wahlversammlungen zu recht scharfen Auseinandersetzungen gerade zwischen der Deutschvölkischen- und der Sozialdemokratischen Partei gekommen ist, die ein Eingreifen der Polizei notwendig machten (…).“

In den Folgejahren häuften sich die Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Sozialdemokraten und auch die polizeiliche Überwachung. Statistiken sollten einen Überblick über die einzelnen Fälle von Zuwiderhandlungen gegen die Strafbestimmungen des „Gesetzes zum Schutze der Republik“ geben. Darinnen finden sich auch Einträge wie „Dr. med. Hoemann in Asslar hat in einem öffentl. Lokal den Herrn Preuss. Minister des Innern öffentlich beschimpft.“ Ob es sich bei dieser „Beschimpfung“ nur um schärfere Kritik oder gar um Drohungen gehandelt hat, geht aus der Akte nicht hervor.

Die Überlieferung zeigt deutlich, dass nicht nur sozialdemokratische oder kommunistische Gruppierungen die heraufziehende Gefahr von rechts so früh erkannten, sondern auch die Reichsregierung. Doch trotz aller Bemühungen drangen die Mahnungen nicht in das Bewusstsein der Bevölkerung vor. Viele ignorierten die Gefahr, noch mehr stimmten den rechtsnationalen Zielen zu. Ab 1925 stieg die Mitgliederzahl der (wiederzugelassenen) NSDAP rasant an, ab 1930 wurde sie bei den Reichstagswahlen die stärkste Partei.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg / Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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