Fährverkehr am Gutleuthof

Vergessene Mainquerungen im Frankfurter Westen

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Gutleuthof mit Mainzer Marktschiff
Rechts der Gutleuthof mit Kapelle und davor die Schiffslande mit einigen Fährnachen. Neben dem Hof, in Richtung Stadt, liegt das Gogelsche Anwesen mit Park und Herrenhaus. Der markante Baum rechts vom Dom gehört ggf. zum Grindbrunnen (Gouache, um 1825)

Über Jahrhunderte hinweg war die sog. Alte Brücke zwischen Frankfurt und Sachsenhausen die einzige Mainquerung bis zur Mündung des Flusses in den Rhein. Wer außerhalb der Stadt den Main überqueren wollte, war auf Fähren angewiesen. Auch wenn die Fähren nur nach Bedarf verkehrten und für den Betreiber nur ein Zusatzverdienst waren, hatten sich im Lauf der Zeit feste Fährwege etabliert. Ein solcher bestand zwischen dem Gutleuthof und dem am südlichen Mainufer gelegenen Niederrad. Eine etwas unordentlich geführte Sammelakte des Polizeipräsidiums Frankfurt gibt Aufschluss über diesen alten Verkehrsweg (HHStAW Abt. 407 Nr. 242).

Die starke Überbauung, die zahlreichen Eisenbahntrassen sowie die Kanalisierung des Mains haben die Topographie so stark verändert, dass nur der Blick auf alte Karten den Akteninhalt verständlich werden lassen.
Der Gutleuthof, ein mittelalterliches Lepraspital, lag etwa auf dem heutigen Areal der Werner-von-Siemens-Schule, weit vor den Toren der Stadt. Nachdem die Gebäude 1801 bei einem Großbrand abgebrannt waren, wurde er zu landwirtschaftlichen Zwecken wieder aufgebaut. Zu ihm gehörte der etwa einen Kilometer östlich davon (im heutigen Westhafen) gelegene Grindbrunnen, eine schwefelhaltige Quelle, der man heilende Wirkung für Hautkrankheiten zuschrieb. Im frühen 19. Jahrhundert war der von alten Bäumen umstandene Brunnen ein beliebtes Ausflugsziel. Direkt neben dem Gutleuthof hatte der Frankfurter Banker Johann Noe Gogel im Jahr 1803 ein großes Grundstück erworben und darauf ein Herrenhaus errichten lassen, das in einem weitläufigen englischen Landschaftspark lag. Heutzutage trägt das Gelände den Namen eines späteren Besitzers, Sommerhoffpark.

Karte der Region um Frankfurt, 1790
Karte der Region um Frankfurt, Ausschnitt mit Gutleuthof und Grindbrunnen bzw. Niederrad, Sandhof und dem Luderbach rechts vom Sandhof (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 402 H)

Gegenüber, auf der Südseite des Mains, etwa in der Mitte von gogelschem Grundstück und Grindbrunnen, lag der Sandhof, ein seit dem 12. Jahrhundert belegter Gutshof. Er befand sich im heutigen Straßengeviert Buchenrodestraße – Sandhofstraße – Sandhöferallee – Kennedyallee. Östlich davon floss der Königs- oder Luderbach in den Main. Die genaue Mündung lässt sich nicht mehr exakt bestimmen; sie lag ungefähr beim heutigen Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Klinik I (Theodor-Stern-Kai) bzw. gegenüber der Grindquelle am nördlichen Mainufer. Westlich vom Sandhof lag das Dorf Niederrad. Der noch unkanalisierte Main war erheblich breiter und seichter als heutzutage.
Im Januar 1821 erreichte eine Beschwerde das Frankfurter Rechneiamt (Stadtkämmerei): Der Niederräder Korbmacher Martin Herz betätige sich ohne Erlaubnis als Fährmann. Herz wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen einzelstehenden Höfchen namens „Gnade Gottes“ direkt am Main gegenüber dem Gutleuthof am nördlichen Ufer. Der Hofname lässt vermuten, dass es einen Zusammenhang mit dem Lepraspital gab. Auf zeitgenössischen Karten konnte das kleine Anwesen allerdings nicht identifziert werden. Der Korbmacher war für die Pflege der zur Uferbefestigung gepflanzten Weiden zuständig und besaß dazu nicht nur einen, sondern gleich drei Nachen. Er bestritt jedoch, Überfahrten auf die Franfurter Seite durchzuführen.

Ansicht des Sandhofs bei Frankfurt, um 1790
Ansicht des Sandhofs bei Frankfurt von Doris Krug, um 1790. Auf der Gouache liegt der Hof zu nah am Main. Deutlich zu erkennen ist die Mündung des Luderbachs und der zum Hof führende Weg.

Doch schon im Oktober 1821 wurde die Beschwerde erneuert, da bereits der Hofbeständer des Gutleuthofs ein bestätigtes Fährrecht hatte. Zudem war seine Tätigkeit genau geregelt: Er durfte „keine fremde Leute mit Equipage oder Waaren über den Mayn, sondern nur die bekandte Landleuthe oder hiesige Einwohner überführen“, wie der Wassergütebestätter Lindheimer dem städtischen Rechneiamt berichtete. Ferner durfte er nur bei Tag fahren und musste nachts seinen Nachen am Gutleutufer anschließen. Fischfang durfte er nicht betreiben.
Die Fährdienste am Gutleuthof wurden für sehr notwendig erachtet, „denn sie schafft denjenigen [aus Niederrad], der schnelle Hülfe bey einem Artzt in der Stadt sucht, weit geschwinder zu demselben, als wenn solcher jenseits und über die Brücke gehen müste“. Auch war es für das Dorf Niederrad vorteilhaft, „denn viele Menschen, die in Sommerzeit den Spaziergang bis an den Gutleuthof machen und durch die Überfahrt gleich in Niederrrad sind, würden gewiß nicht so oft dahin gehen, wenn sie über die Brück den weiten Weg jenseits nach Niederrad gehen müsten.“ Gemeint war die rund 3500 m stromaufwärts gelegene Alte Brücke.
Für einen weiteren Fährmann am Südufer sah Lindheimer indes keinen Bedarf; schließlich gab es außer der Fährstation am Gutleuthof noch eine Fähre in Griesheim und in Höchst. Und er fürchtete, dass Übeltäter die einsame Lage des „Gnade Gottes“-Höfchens ausnutzen könnten: Der riesige Stadt- und Bannwald im Süden bot ein ideales Versteck, und mit den drei Nachen, die der Korbmacher Herz besaß, konnten „achtzehn bis zwanzig Menschen auf einmal über den Mayn geführt werden.“ Dem zugelassenen Fährmann (Färcher) des Gutleuthofs, Jacob Dernbach aus Lindenholzhausen, traute man solche Schandtaten hingegen nicht zu – er lebte innerhalb des Hofs, hatte von seinem ehemaligen Dienstherrn, dem großherzoglich-mecklenburgischen Staatsminister Freiherrn von Plessen, ein gutes Leumundszeugnis erhalten und konnte eine Bestallungsurkunde zum Fährmann vorweisen. Und er hatte vorab eine Kaution von 300 Gulden geleistet. Ob der Korbmacher Martin Herz seine Fährtätigkeit daraufhin einstellte oder nur vorsichtiger war, lässt sich nicht sagen. Weitere Beschwerden gegen ihn sind nicht überliefert.

Blick auf Frankfurt von Westen, um 1830
Blick auf Frankfurt von Westen, um 1830. Der Künstler Anton Radl hat hier vermutlich die markante Baumgruppe am Grindbrunnen dargestellt, ein beliebtes Ausflugsziel.

Vier Jahre später richtete die Stadt Frankfurt selbst eine weitere Überfahrt ein: In den Sommermonaten sollte der Fischer Friedrich Ausflugsgäste über den Main zum Grindbrunnen bzw. an das südliche Ufer bringen – der Sandhof und das Forsthaus waren beliebte Tagesziele. Dagegen beschwerte sich nun die Erbbeständerin des stromabwärts gelegenen Gutleuthofs, Frau Schöff von Ohlenschlager, die eine Schmälerung der Einkünfte für ihren Fährmann befürchtete. Sie konnte nachweisen, dass sie laut Erbleihbrief von 1803 sogar zur Gewährleistung einer Überfahrt verpflichtet war. Für jede Überfahrt durfte ihr Fährmann 1 Kreuzer Lohn einnehmen. Falls auf dem Gutleuthof Gottesdienst gehalten wurde – es hatte dort einst eine Kapelle gegeben – , musste er einen großen Nachen für die Niederräder und Schwanheimer bereithalten, die für die Kirchfahrt je 2 Heller zahlen sollten. Ob sich die Erbbeständerin durchsetzen konnte, ist nicht belegt. Die Fähre am Gutleuthof bestand jedoch noch lange fort.

Fünfzig Jahre später, 1871, gab es mit dem Eisernen Steg eine weitere feste Mainquerung für Fußgänger in der Innenstadt. Und auch im Westen der Stadt gab es nun eine Brücke, allerdings vorerst nur für die Eisenbahn: Die (alte) Main-Neckar-Brücke, gelegen an der Stelle der heutigen Friedensbrücke, die zu den Westbahnhöfen am Anlagenring führte. Daneben befand sich der Winterhafen, der durch einen Damm gesichert war. Doch um den Main bei Niederrad zu überqueren, brauchte man noch immer die Dienste eines Fährmanns. Inzwischen lag die Organisation des Fährbetriebs beim Frankfurter Verkehrsverein, der auf dem Hafendamm eine feste Fährstation mit Wohnung für den Fährmann eingerichtet hatte. Als Fährmann wurde der Sachsenhäuser Fischer Peter Schecker eingestellt. Er hatte „die Verpflichtung, zu jeder Jahreszeit, Sonn- wie Werktags, von Sonnenauf- bis Untergang mit einem Kahn zur Ueberfahrt bereit zu sein; selbsverständlich auch dem Rufe oder der Glocke vom linken Mainufer aus Behufs Abholens von Passagieren Folge zu leisten.“ Das Fährgeld betrug 2 Kreuzer für einen Erwachsenen und 1 Kreuzer für ein Kind.

Anlegestelle der Fähre beim Sandhof am südlichen Mainufer, 1882
Anlegestelle der Gierfähre am südlichen Mainufer, 1882. Die Ortslage mit Weg zum Sandhof und Brückchen über den Luderbach entspricht ziemlich genau der Zeichnung von Doris Krug von 1790 (aus HHStAW Abt. 407 Nr. 242)

Angesichts des rasanten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums der Stadt ist es verwunderlich, dass noch 10 Jahre später zwischen Frankfurt und Niederrad eine einfache Personenfähre verkehrte. Erst 1882 wollte man stattdessen eine flache Wagenfähre einsetzen, eine strömungsbetriebene Gierseilfähre oder „Fliegende Fähre“, die an einem im Main verlegten Drahtseil laufen sollte. Ausgangspunkt am nördlichen Ufer war die Fährstation auf dem Hafendamm; am südlichen Ufer landete die Fähre am Weg zum Sandhof, neben der (damaligen) Mündung des Luder- oder Königsbaches anlanden. Das Drahtseil, das beim Betrieb teilweise aus dem Wasser gehoben wurde, war jedoch eine Gefahr für Flöße und andere Nachen. Zur Sicherheit sollten diese nur stromaufwärts der Fähre anlegen.

Ravenstein-Plan von Frankfurt und Bockenheim, um 1887
Gutleuthof und Gogelsches Anwesen (links) sind durch die Eisenbahntrasse von der Stadt getrennt; der Grindbrunnen ist im Hafenbecken verschwunden. Gut zu erkennen ist die alte Allee, die ehemals vom Sandhof (unten Mitte) zum Main führte.

Nur wenige Jahre später veränderte der Bau des Hauptbahnhofs und die dadurch notwendige Verlegung der Bahntrassen nach Westen auch die Situation am Gutleuthof grundlegend. Die neue Main-Neckar-Eisenbahn-Brücke und ihre Trasse, etwa 1 km westlich von der alten gelegen, trennten nun den Gutleuthof und das gogelsche Anwesen bzw. das entstehende Gutleutviertel von der expandierenden Innenstadt und zwängten sie zwischen Main und Gleisvorfeld geradezu ein. Der Winterhafen wurde zu einem richtigen Binnenhafen ausgebaut, dem Westhafen, wobei jedoch der alte Grindbrunnen dem Hafenbecken zum Opfer fiel. Auch südlich des Mains trennten die Bahngleise den Sandhof von dem sich ausbreitenden Stadtteil Sachsenhausen. Der Luderbach wurde begradigt und nach Westen verlegt, so dass er nun entlang der Bahngleise verläuft und direkt an der Main-Neckar-Brücke in den Main mündet. Östlich davon wurde das neue städtische Krankenhaus errichtet, der Vorläufiger des heutigen Universitätsklinikums, das für ein paar Jahre noch – wie einst das Lepraspital gegenüber – vor den Toren der Stadt lag. Der Main wurde gefasst und kanalisiert, bei Niederrad eine Schleuse gebaut, und schließlich auch die Kettenschifffahrt eingeführt, eine Art dampfbetriebene Nachfolge der Treidelschiffahrt flussaufwärts entlang einer von Mainz bis Aschaffenburg verlegten Kette auf dem Grund des Mains.

Für die Zeitgenossen müssen die rasanten baulichen und verkehrstechnischen Veränderungen der 1880er Jahre beinahe erschreckend gewesen sein, doch sie brachten auch viel Gutes: Die neue Main-Neckar-Eisenbahnbrücke besaß (und besitzt) einen Fußgängersteg, und die alte wurde zu einer Straßenbrücke umgebaut (Wilhelmsbrücke, später Friedensbrücke). Der Fährverkehr am alten Gutleuthof wurde somit endgültig überflüssig.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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