Liebe und Leidenschaft, Protest und Brandgefahr

Frankfurter Kinogeschichte in zwei Akten

HHStAW Abt. 407 Nr. 421 b.png

Briefkopf der Minx-Gastspiele, 1919 (Ausschnitt)
Briefkopf der Minx-Gastspiele, einer Filmverleih-Gesellschaft, aus dem Jahr 1919 (Ausschnitt)

Die Ausbreitung der „Kinematographen-Theater“ bereitete der Freien Jugend im Jahr 1910 solche Sorgen, dass sie auf einer Versammlung in Köln dagegen eine Resolution verabschiedete. Man sah in den meisten Kinos „eine schwere Schädigung der geistigen und moralischen Bildung der Jugend. Die in jenen Theatern gebotenen Vorführungen haben gleich der Schmutz- und Schundliteratur meist nur den Erfolg, bei der leicht erregbaren Phantasie der Jugendlichen ungesunde und schädliche Empfindungen zu wecken, ja durch manche Darbietungen direkte Anleitung zum Verbrechen zu geben. (...)“.

Freie Jugend gegen das Kino (Zeitungsartikel)
Resolution der "Freien Jugend" gegen das Kino (Artikel im "Vorwärts" Nr. 227 vom 28.9.1910)


Abhilfe versprach man sich nicht durch Verbote, wie sie etwa von Lehrervereinigungen gefordert wurden, sondern durch alternative, kostenlose Veranstaltungen für die Arbeiterjugend, wie etwa „Theateraufführungen, künstlerische und literarische Abende, Konzerte usw.“ (Artikel im "Vorwärts" Nr. 227 vom 28.9.1910)

Kinogeschichte

Doch wie stand es Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich um die Kinos? Für die Aufsicht über die Kinematographentheater, Lichtspielhäuser und wie die neuen Unterhaltungsstätten noch genannt wurden, war i.d.R. die Polizeibehörde zuständig. Abgesehen von der Wahrung des Jugendschutzes musste sie sich vor allem um den Brandschutz in den Kinos, die Überwachung des Kinoprogramms und die Einhaltung der Gewerbeordnung kümmern. Zwei umfangreiche Akten der Frankfurter Polizei, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt werden, geben interessante Einblicke in die frühe Geschichte des Kinos (HHStAW Abt. 407 Nr. 420 und 421).

Kinoprogramm

Die Resolution der Freien Jugend gegen die „Kinematographentheater“ war angesichts des vielfältigen Programms, das schon die frühen Kinos boten, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Die Programme fester Kinos wurden meisten für einige Tage, manchmal auch für eine Woche festgelegt. So zeigte das Kino in der Kaiserstraße 50, eines der größten Frankfurter Kinos, im Jahr 1911 in der Woche vor Weihnachten „Liebe und Leidenschaft“ (großes spannendes Drama, mit Henny Porten, Curt Stark und Susanne Kneisl), „Umsonst“ (spannende Komödie), „Kautschukbau auf den Malaiischen Inseln“ (Herrlich kolorierte Naturaufnahme), „Ein Lichtstrahl in der Dachstube (Stimmungsvolles Weihnachtsbild) und „Die lustige Witwe“ (Humoreske). Auch die ersten Nachrichten in Filmform gehörten zum Programm, zunächst als Wochenübersicht, dann als Tagesbericht („Der Tag im Film“).
Zu Konflikten mit der Reichsgewerbeordnung führte die Live-Synchronisation von Filmen, bei denen Schauspieler und Schauspielerinnen den Text der Stummfilme während der Vorführung einsprachen. Eine neue Kunstform war die „Lichtspiel-Oper“, bei der gleich eine ganze verfilmte Oper live von Sängern und Sängerinnen und einem Orchester begleitet wurde. Kritiker bemängelten jedoch die Umsetzung und die mangelnde künstlerische Freiheit, die zu einer arg mechanischen Wiedergabe führte.

Programm des Kinos Kaiserstraße 50, März 1914
Programm des Kinos in der Kaiserstraße 50 in Frankfurt, März 1914

Das neue Medium wurde schon früh als Potential zur Bildungssteigerung gesehen. Hierzu gehörten zunächst die regulären Wissenschafts- und Technikbeiträge oder Natur- und Länderkundefilme der Programmkinos, aber auch die zahlreichen von Vereinen und Verbänden organisierten Vorführungen, wie bspw. Filme zur Kinder- und Krankenpflege. Und auch gesellschaftliche Gruppen und die Politik versuchte, das Kino für sich zu nutzen: Zu Beginn des ersten Weltkriegs wurden patriotische Kriegsberichte gezeigt, wobei die „Rosenau-Lichtbilderhalle“ in Frankfurt-Heddernheim von dem Film „Der Weltkrieg 1914/1915“ extra eine Version für Jugendliche unter 17 Jahren präsentierte.
Die christliche „Schöpfungs-Photo-Drama Gesellschaft“ hingegen war bestrebt, „den Glauben an die Bibel und dadurch an Gott unter dem Volke“ zu mehren und hatte dafür eine ganze Anzahl an Verfilmungen biblisch-christlicher Themen im Programm. Sicherheitshalber hatte man aus dem Film über die Kreuzigung Christi „diejenigen Teile herausgeschnitten, die uns etwas übertrieben erschienen“.
Welche Art Filme das Frankfurter Publikum bevorzugte, geht aus den Akten leider nicht hervor.

Werbung für Harry Piels "Todessprung mit dem Auto"
Nicht zur Nachahmung empfohlen: Werbung für Harry Piels "Todessprung mit dem Auto"

Kinokritik

Mit ihrer Warnung vor den „Gefahren“ des übermäßigen Kinobesuchs befand sich die Freie Jugend in seltener Übereinstimmung mit Schulleitern, konservativen und christlichen Kreisen. Die Lehrerschaft schätzte die Lage als so ernst ein, dass sich extra eine „Kino-Kommission des Rectoren-Vereins“ gründete. Man fürchtete einen mehrfach schädlichen Einfluss des Kinos auf die Jugend: zum einen durch Darstellungen von Gewalt und „Sittenlosigkeit“, dann durch die angebliche Verderbung des Kunstempfindens. Nicht nur die Filme, auch die Kinobetreiber selbst gerieten in die Kritik. So beschwerte sich der Rektor der Rudolfschule, ebenfalls Mitglied der Kino-Kommission des Rectoren-Vereins, dass die Bockenheimer Lichtspiele (Leipzigerstraße 29) einen Werbezettel mit einem dreistrophigen Lied auf das Kino verteilt hätten. Das Lied war nach der Melodie von F. Gilberts „Autoliebchen“ zu singen, und jedes Kind, das dieses Lied vortragen konnte, sollte drei Freikarten erhalten. Besonders folgende Textzeilen wurden von dem Rektor kritisiert:
„...Und man sitzt dort so bequem
Jeder Platz ist angenehm; (…)
Vater, Mutter, Kinder klein,
Jüngling mit dem Liebchen fein,
B.L. merkt Euch das: Bringt für Jeden was!“

- wobei er den Jüngling mit dem Liebchen blau unterstrichen hatte.
Die Frankfurter Polizei verfügte eine Einstellung der Reklame, „weil der Inhalt des Liedes sich nicht für Schulkinder eignet und das Erlernen des Leides sie der Anfertigung der Schulaufgaben entzieht (…)“. Gravierender waren die regelmäßigen Verstöße gegen den Jugendschutz. So entdeckten die Beamten im Jahr 1911 im „Lichtspiel-Theater“ (Kaiserstraße 50) vier Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren in dem Film „Liebe und Leidenschaft“. Der Film durfte vor Kindern unter 16 Jahren nicht vorgeführt werden.

Kinoprogramm und Eintrittskarten, 1911
Beweisstücke: Kinoprogramm und Eintrittskarten von vier Kindern für den Film "Liebe und Leidenschaft". Der Film "darf vor Kindern unter 16 Jahren nicht vorgeführt werden" (1911)

Kinogefahr

Das neue Medium hatte einen solchen Zulauf, dass in kurzer Zeit zahlreiche neue Kinos gegründet wurden, vielfach in dafür baulich nur bedingt geeigneten Örtlichkeiten. Die Brandgefahr, die von den hochentzündlichen Zelluloidfilmen ausging, und die fatalen Folgen waren den Ordnungsbehörden gut bekannt. Schon 1909 hatte man daher genaue Vorschriften „für kinematographische Vorführungen“ erlassen. Sie regelten nicht nur den Umgang mit den Filmrollen und den Vorführapparaten, sondern auch die bauliche Anlage und die Ausstattung der Kinosäle (u.a. feste Stuhlreihen, Notausgänge, Notbeleuchtung).
Die Vorschriften stießen ebenso wie die Kontrollen der Frankfurter Polizei auf wenig Verständnis. Nachdem immer wieder die illegal vergebenen Stehplätze und zusätzlich aufgestellte Stühle geräumt wurden, sahen sich die Kinobetreiber zu einer Preiserhöhung gezwungen, die sie – mit Unterstützung der Frankfurter Zeitungen – der Polizei anlasteten.
Dahingegen suchte die Städtische Straßenbahngesellschaft im Jahr 1912 bei der Polizei Unterstützung, da immer wieder Kinomitarbeiter die Rollen mit den entzündlichen Filmen, zum Teil offen, in der Straßenbahn von einem Kino zum anderen transportierten – was schon seit 1907 verboten war.

Plan für das "Kinotheater-Restaurant Apollo-Theater", Frankfurt
Plan für das "Kinotheater-Restaurant Apollo-Theater" auf der Zeil 49 in Frankfurt. Das 185 Sitzplätze umfassende Kino besaß einen eigenen Eingang von der Zeil her (unten links). Der Projektorraum befand sich hinter der Leinwand und hatte einen eigenen Zu

Angesichts der Größe der Zuschauerräume in Frankfurter Kinos waren die Brandschutzvorschriften keine behördliche Gängelei: Die Säle fassten im Schnitt 200 Plätze, das Kino in der Vilbeler Straße 29 hatte sogar 343 Sitzplätze. Viele Kinos waren zudem in bereits bestehende Häuser mit alter Bausubstanz eingebaut worden, und verschiedene Kinobrände im In- und Ausland mit teils verheerenden Folgen waren den Verantwortlichen eine Warnung.
Private Kinovorführungen mussten daher (auch) aus Brandschutzgründen angemeldet werden, und Pläne für Kinoneubauten waren der Baubehörde und der Frankfurter Polizei vorzulegen. Die in den Akten enthaltenen Pläne geben einen interessanten Einblick in die Raumaufteilung früher Kinos in Frankfurt - und viele weitere spannende Details zur Kinogeschichte warten noch auf ihre Entdeckung!
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden