Benzine, Petroleuse und Akkumulatoren-Wagen

Frühe Automobile in Frankfurt

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Patent-Motor-Wagen Benz "Phaeton"
Der achtsitzige Patent-Motor-Wagen Benz "Phaeton".

Im November 1892 erhielt das Polizeipräsidium Frankfurt ein ungewöhnliches Gesuch: Der Ingenieur Heinrich Pichler bat darum, den Betrieb seines Motorwagens zu genehmigen.
Das Polizeipräsidium musste erstmal die Zuständigkeit für dieses merkwürdige Objekt klären. Zwar gab es in der Stadt bereits elektrische und dampfbetriebene Straßenbahnen, aber private Motorwagen waren ein Novum. So wurde das Gesuch zunächst an das Gewerbeaufsichtsamt weitergeleitet, das die Anfrage jedoch zurückwies. Also unternahm der Polizeipräsident Freiherr von Müffling persönlich die von Heinrich Pichler angebotene Probefahrt, um sich von der Funktions- und Bremsfähigkeit des Motorwagens, aber auch der Auswirkung auf Pferde zu überzeugen. Pichler erhielt die Betriebsgenehmigung, allerdings unter dem Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs.

Motor "Velociped" der Firma Benz
Motor "Velociped" der Firma Benz & Cie, Rheinische Gasmotoren-Fabrik. Auf Wunsch konnte der 1 1/2-PS-Wagen auch mit einem Motor von 2 3/4-PS ausgeliefert werden.

Um beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein, sammelte das Polizeipräsidium nun Zeitungsausschnitte über Automobile, ihre Zulassung und ihre Risiken. Vor allem in der Anfangszeit waren verschiedene Bezeichnungen für die neuen Fahrzeuge im Gebrauch, die auch zu Verwirrung führten: So berichtete die Frankfurter Zeitung über eine Probefahrt einer dreirädrigen „elektrischen Droschke“ in Berlin, die im Februar 1893 zu aller Zufriedenheit verlaufen sei. Wenig später musste aber eine Richtigstellung erfolgen: Die „Firma Benz u.Co., Rheinische Gasmotoren-Fabrik, theilt uns mit, daß das betreffende Vehikel der von ihr hergestellte ,Patent-Motor-Wagen Benz' ist, der mit einem Bezin-Motor betrieben wird, dessen Zündung mittelst Elektrizität bewirkt wird.“

Velo Comfortable der Firma Benz
Velo "Comfortable" der Firma Benz für 2 Personen und Vordersitz für 1 Kind


Besonders aufschlussreich war ein Artikel in der Kleinen Presse Nr. 87 vom 14. April 1893, der die Eigenschaften der „Benzine“ beschrieb - eine heutzutage lustig klingende, aber durchaus logische Ableitung analog zur Draisine (von Karl v. Drais). Ein Alternativvorschlag war „Petroleuse“, inspiriert vom verwendeten Kraftstoff, „wenn man nicht aus bekannten Gründen vor dem üblen Geruch dieses Namens zurückschreckte“. Auch in anderen Großstädten gingen nun vermehrt Gesuche um die Zulassung von Automobilen ein, wie der rege Austausch zwischen dem Polizeipräsidium in Frankfurt und anderen Polizeipräsidien und -direktionen aus dem gesamten Reichsgebiet belegt.

Lieferwagen der Firma Benz
Lieferwagen der Firma Benz. Interessanterweise wurde dem Lieferwagen im Werbeprospekt eine englischsprachige Aufschrift gegeben: "Stern Brothers West Twenty-Third Street", die Adresse des "Stern Brothers' Dry Goods Store"-Gebäudes in Manhatten/New York.

Auffällig ist, dass die frühen Gesuche in Frankfurt von Gewerbetreibenden gestellt wurden, welche die neuen Wagen zur Beförderung von Lasten nutzen wollten. So beantragte die Firma André, die u.a. Klavier transportierte, im Jahr 1897 den Betrieb eines „Daimler-Motor-Lastwagens“, und das Modewarenhaus Gebr. Robinsohn wollte seine Pakte mit dem „Lieferungs-Wagen ,Benz'“ ausfahren.

Lieferwagen Model 14 der Firma Waverley
Etwas ungewohnt sehen sie schon aus, die elektrischen Lieferwagen "Model 14" der Firma Waverley. Insbesondere die geschwungene Dach- und Fensterform des linken Lieferwagens sind für damalige Automobile geradezu extravagant.

Auf eine andere Technik setzte D. Cohn, der an der Neuen Kräme eine Damenmäntel-Fabrik betrieb: Er wollte einen „Geschäftswagen mit Accomulatoren“ nutzen, wie ihn bereits das große Kaufhaus N. Israel in Berlin verwendete, also ein Elektroauto. Tatsächlich waren um die Jahrhundertwende Elektroautos ein ernstzunehmender Konkurrent zu den Verbrennern, da sie geruchs- und nahezu geräuschlos fuhren; insbesondere in den engen Städten ein großer Vorteil.
Der Automobilmarkt war schon sehr früh international: Ein Prospekt der Firma Benz wurde gleich dreisprachig aufgelegt, und die amerikanische Firma Waverley hatte in Frankfurt eine eigene Generalvertretung, die aktiv Werbung für ihre Elektroautos betrieb.

Elektroauto "Newport Break" der Firma Waverly
Das Elektroauto "Newport Break" der Firma Waverly war für sechs Personen konzipiert. Die Reichweite betrug 30 Meilen (ca. 48,2 km), die Höchstgeschwindigkeit 12 mp/h (ca. 19,3 km/h).

Der Frankfurter Polizeipräsident Freiherr von Müffling stand den neuen „Selbstfahrern“ skeptisch gegenüber, was weniger auf Technikfeindlichkeit als auf einer Abwägung von Nutzen und Risiken beruhte. Die frühen Automobile litten unter technischen Schwächen, es gab keine standardisierte Herstellung oder Qualitätsprüfung und keinerlei Vorschriften für den Einsatz auf der Straße. Aufgrund der offenen Wagen erlitten die Insassen selbst bei leichten Unfällen oft schwere, häufig tödliche Verletzungen, und leichtsinnige Fahrer brachten Passanten und Pferdefuhrwerke in Gefahr. Die Beschwerden darüber häuften sich. Auch mussten die Interessen anderer, vor allem der Pferde-Passagierdroschken und -Lastfuhrwerke berücksichtigt werden, die mit der Schnelligkeit und Reichweite der Benzin- oder Elektroautos nicht mithalten konnten, was im übrigen auch für die Einsatzfähigkeit der berittenen Polizei galt.

Elektroauto "Landaulette" der Allgemeinen Betriebs-Aktiengesellschaft für Motorfahrzeuge
Das Elektroauto "Landaulette" der Allgemeinen Betriebs-Aktiengesellschaft für Motorfahrzeuge verfügte bereits über eine rundum geschlossene Passagierkabine. Der Fahrer saß, wie einst auf dem Kuschbock, im Freien.

So erfolgte die Genehmigung von Automobilen in Abwägung des Bedarfs. Vor allem für die innerstädtische Passagierbeförderung wurden anfangs keine Automobile zugelassen, da der Polizeipräsident die vorhandenen Pferdedroschken für ausreichend hielt. Noch im Jahr 1899 unterlag der Rentner Jacob Börne, der mit zehn Automobildroschken das erste Frankfurter Auto-Taxiunternehmen gründen wollte, mit seiner Klage gegen die Ablehnung seines Gesuchs, obwohl seine Argumente für das Automobil - Geschwindigkeit, Reichweite, Fahreigenschaft und Wegfall der Tierquälerei (!) - auch die Presse überzeugten. Letztlich aber musste sich Polizeipräsident Freiherr von Müffling der Entwicklung beugen. Statt Verboten gab es nun Vorschriften zur Fahrzeugsicherheit, zum Betrieb und zum Fahrverhalten auf der Straße, welche wiederum die Akzeptanz der neuen Fahrzeuge noch weiter steigerten und den Erfindungsreichtum anregten. Ein besonderes Beispiel werden wir Ihnen im nächsten Newsletter präsentieren: das Phänomobil.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

Quelle: HHStAW Abt. 407, Serie "Droschken"
Alle Abbildungen stammen aus Prospekten, die den Akten beiliegen.

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