Wenn Fürsten Bahn fahren, oder: Wie wartet man standesgemäß auf einen Zug?

Archivalien des Hessischen Landesarchivs gewähren Einblicke in die Bahnreisen vergangener Tage

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Möblierungsvorschlag, Bahnhof Gießen
Möblierungsvorschlag für den Bahnhof Gießen

Dass Reisende nicht gemeinsam der Abfahrt oder Ankunft harren, sondern dafür Säle verschiedener Klassen eingerichtet wurden, war im 19. Jahrhundert Teil gesellschaftlicher Normalität.
Dass dem Hochadel dabei nicht zugemutet wurde, seine Wartezeit in Anwesenheit nicht adeliger Kreise zu verbringen, verstand sich von selbst. Dadurch entstand eine ganz besondere Gattung der Eisenbahnarchitektur: die Fürstenbahnhöfe, -zimmer oder -pavillons, die nicht nur angemessenen Komfort sondern auch höhere Sicherheitsstandards gewährleisten konnten.

So gab es etwa in Gießen ein „Fürstenzimmer“, das, wie historische Quellen 1910 belegen, u.a. durch ein Sofa mit gelbem Seidenüberzug ausgestattet war, in dem aber auch, weniger fein, ein „abgängiger Teppich“ lag. Im sogenannten „Gefolgezimmer“ gab es „karminrote[n] Plüsch“, der ein gewisses Maß an Eleganz garantiert haben dürfte. (HHStAW Abt. 480 Nr. 2047).
Später entstand ein „Fürstenbau“, der zwar nach den Kostenvoranschlägen 36.000 Mark kosten sollte, aber standesgemäß Kunstverglasungen, Marmor und Stuck aufweisen konnte.
Der Friedberger Pavillon aus dem Jahr 1897/1898 bot neben einem Raum für den Fürsten auch ein Zimmer für dessen Gefolge, die Komfortabilität einer sanitären Anlage, ein Vestibül sowie eine Vorhalle. Die Nutzung des Pavillons war durchaus rege. So weilte „Kaiserin Friedrich“ (Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha) 1889 am Friedberger Bahnhof, 1886 verlangte die Ankunft des Großherzogs die „Anwesenheit der ganze[n] Mannschaft der hiesigen Station“ (HStAD, Best. G 15 Friedberg, Nr. A 32) und 1910 empfing Friedberg den letzten russischen Zaren.
Auch Darmstadt verfügte über einen prachtvollen Fürstenbahnhof, der noch heute zu sehen ist. Erinnern könnte man aber auch an den Fürstenpavillon Bad Nauheims und viele mehr.
Architektur ist immer ein Kind ihrer Zeit, die fürstlichen Warteräumlichkeiten sind darüber hinaus ganz besondere Zeugen längst vergangener gesellschaftlicher wie standesspezifischer Realitäten.
Heute sind diese Bauten, die mit dem Bedeutungs- und Machtverlust des Adels im 20. Jahrhundert ihre Funktionalität verloren, vielfach in Vergessenheit geraten, zum Teil abgerissen oder umgebaut worden. Grund genug, mit einem kleinen archivischen Streiflicht an sie zu erinnern.
Eva Rödel

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