Was ist eigentlich…? Seltsame Begriffe im Archivgut

Gebück und Landwehr

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Karte der Grenze zwischen Niederwalluf und Schierstein, 1751 (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 617 V)
Das Gebück bildete jahrhundertelang ein natürliches Hindernis. Im Abschnitt zwischen Niederwalluf und Oberwalluf sind die einzelnen Bollwerke gut zu erkennen (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 617 V)

Mauern, Gräben, Wälle – es gibt viele Arten, ein Stück Land so zu umschließen, dass es Eindringlingen schwer bis unmöglich gemacht wird, ein Territorium oder eine Stadt zu erobern. Man kann auch eine Hecke und Gebüsch so anlegen, dass es zu einer kaum zu durchdringenden Barriere wird. Im westlichen Hessen und in Frankfurt sind solche Grenzbefestigungen mit dem „Gebück“ und der „Landwehr“ zu finden.

Beim Rheingauer Gebück wurden junge Bäume, meist Hainbuchen, so gepflanzt und während des Wachstums gebogen (gebückt), dass sie ein dichtes Flechtgerüst bildeten. Angelegt wurde es im 14. Jahrhundert als ein etwa 50 Schritt breiter Streifen, in dem im Lauf der Jahre auch Brombeer- und Schwarzdornhecken wuchsen.

Bäume des Rheingauer Gebücks (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 1059)
Noch rund zweihundert Jahre nach Aufgabe des Gebücks zeigen die knorrigen Wuchsformen der Buchen die ehemaligen Biegungen der Äste. Foto von 1956 (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 1059)

Die datierbaren Bollwerke und Tore, die das Gebück zusätzlich sicherten bzw. einen Durchgang erlaubten, fallen in die Regierungszeit des Mainzer Erzbischofs Berthold von Henneberg (1484-1504). Nachdem 1479 die Niedergrafschaft Katzenelnbogen auf die Landgrafen von Hessen übergegangen war, war das Gebück für Kurmainz verteidigungspolitisch hervorragend geeignet, die Grenze zu sichern.

Unterhalt und Pflege verschiedener Abschnitte des Gebücks und der Bollwerke waren unter den Rheingauer Gemeinden aufgeteilt. An Stellen, an denen aufgrund natürlicher Barrieren wie Hängen oder Sumpfgebieten eine Bepflanzung nicht notwendig war, wies das Gebück auch Lücken auf. In einem Bericht über die Bereitung des Rheingauer Gebücks durch den kurfürstlichen Rat im Rheingau Wolf Heinrich von Breidenbach aus dem Jahr 1619 wird zudem deutlich, dass der Zustand des Gebücks zu diesem Zeitpunkt nicht überall der beste war: Vor allen in Bereichen, in denen die Gefahr eines Angriffs gering schien, wies das Gebück schlecht gebückte Bäume und Durchgänge mit Trampelpfaden oder beschädigte Bollwerke auf.

Torturm der Mapper Schanze, ein Bollwerk des Rheingauer Gebücks (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 3117)
Torturm der Mapper Schanze, ein Bollwerk des Rheingauer Gebücks, Foto von 1942 (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 3117)

1771 wurde das Gebück aufgegeben; die Bauwerke entlang seinem Verlauf wurden anders genutzt oder die Steine etwa für den Chausseebau verwendet. Trotzdem diente das Rheingauer Gebück noch lange Zeit als (Grenz-)Markierung in der Landschaft und als Wegmarke oder Ortsbezeichnung. „Am Gebück“ oder „beim Gebück“ waren lokal feststehende und verständliche Ausdrücke, die sich auch in den Akten niederschlugen. Die Aufgabe des Gebücks führte in einigen Fällen zu Streitigkeiten zwischen den Gemeinden oder der Landesherrschaft, die den breiten Grünstreifen jeweils für sich beanspruchten. So zog sich der Streit zwischen der Gemeinde Oberjosbach und der nassauischen Landesherrschaft über das am Gebück gelegene Waldstück „Herrenhahn“ bis 1814 hin (HHStAW Abt. 141 Nr. 292). Auch an anderen Orten und Grenzverläufen im westlichen Hessen gab es „Gebücke“, etwa das sog. Bechtheimer Gebück an der Grenze der Herrschaft Nassau-Idstein bei Bad Camberg.

Ungefährer Verlauf des Rheingauer Gebück; Nachzeichnung einer Karte aus dem 18. Jahrhundert
Ungefährer Verlauf des Rheingauer Gebück; Nachzeichnung einer Karte aus dem 18. Jahrhundert, hrsg. von Chemische Werke Kalle, Wiesbaden Biebrich (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3797 H, Ausschnitt)

Auf dem „Rheingauer-Gebück-Wanderweg“ kann man dem Verlauf des Gebücks heute nachgehen – beginnend bei Niederwalluf an der Walluf entlang Richtung Norden, in Schlangenbad dann gen Westen abbiegend, über die „Mapper Schanze“, dem letzten erhaltenen Bollwerk des Gebücks, zu den „Sieben Wegweisern“. An Burg Rheinberg und an Sauerthal vorbei, endete das Gebück nach ca. 36 Kilometern nördlich von Lorchhausen am Rhein. Das Symbol des Wanderwegs zeigt passenderweise zwei stilisierte, gebogene und verschlungene Bäume.

Karte von Matthias Melchior Appel, Gebiet um Frankfurt mit Landwehr, Fechenheim und Bornheim, 1575 (HStAM Best. Karten Nr. P II 14867)
Auf der Karte von Matthias Melchior Appel ist die Landwehr - bezeichnet als "Landgewehr" - zwischen Bornheim (oben zwischen den Hügeln) und dem Erlengraben gut zu erkennen (HStAM Best. Karten Nr. P II 14867, Ausschnitt)

Als natürlicher Schutzwall ist das Gebück eine Landwehr, eine aus Hecken und Gräben oder Wällen gebildete Grenzmarkierung, die sich an einigen Orten in Hessen findet. Eine bekannte Landwehr umschloss das Gebiet der Reichsstadt Frankfurt. Auf einer frühen Karte aus dem Jahr 1575, in einem Reichskammergerichtsprozess zwischen Hanau und Frankfurt um die Jurisdiktion, Jagd- und Weiderechte bei Ried entstanden, ist die Landwehr östlich von Frankfurt  bei Bornheim gut zu erkennen (ganze Karte: HStAM Best. Karten Nr. P II 14867). In der Mitte des Ausschnitts stößt der Erlengraben an die Landwehr. Über die Karte verteilt sind Orte mit kurzen Texten markiert, an denen sich Zwischenfälle zugetragen haben, die in dem Prozess zur Sprache kamen. Rechts oben über der 19 ist bspw. eingetragen: „Hier ist Heinrich Knobloch gefangen worden“.

Karte mit der Landwehr im Westen von Frankfurt (HStAD Best. P 1 Nr. 150)
Die Frankfurter Landwehr wurde von befestigten Höfen und Warten geschützt. Links die Galgenwarte, dann Hellerhof und Bockenheimer Warte auf einer Karte von 1551 (HStAD Best. P 1 Nr. 150, Ausschnitt)

Die Landwehr und die sie durchquerenden Straßen wurden von Warttürmen überwacht, die somit eine ähnliche Funktion wie die Bollwerke des Rheingauer Gebücks hatten. Eine frühe Darstellung der „Galgenwarte“ im Westen von Frankfurt, so benannt nach dem nahen Hochgericht, und der „Bockenheimer Warte“ beim gleichnamigen Dorf zeigt eine Karte aus dem Jahr 1551 (ganze Karte: HStAD Best. P 1 Nr. 150). Deutlich zu erkennen sind die umfriedeten Warttürme mit Wehrhof und Wachhaus und die Schlagbäume, mit denen die Straße gesperrt werden konnte. Auch auf dieser Karte finden sich - heutzutage sprachlich unpassend wirkende - Vermerke über Verbrechen, wie etwa „An diesem ort ist ein ermordt weyb funden und begraben worden“, aber auch über Unglücksfälle wie „In der Lachenn, da ein Jud ersoffen sein soll“.

Karte über die Streitigkeiten zwischen der Stadt Frankfurt, Hanau und Solms im Jahr 1589, Nachzeichnung von 1756 (HHStAW Abt. 3145 R)
Auf der Karte über die Streitigkeiten zwischen der Stadt Frankfurt, Hanau und Solms im Jahr 1589 ist die Landwehr als baumbestandener Graben dargestellt, Nachzeichnung von 1756 (HHStAW Abt. 3145 R, Ausschnitt)

Eine andere Karte, erhalten als Nachzeichnung aus dem Jahr 1756, zeigt die Landwehr als baum- oder heckenbestandenen Graben, der sich vom am Main gelegenen Gutleuthof - auf der Karte ist Süden links - zur Galluswarte und den Hellerhof hinzog, um sich bei der Flur „In der Schwartzen gelen Lohe“ zu teilen und entlang des Rebstockgeländes nach Westen (oben) bzw. Osten zur Bockenheimer Warte (unten rechts) abzubiegen (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3145 R).
Wie das Rheingauer Gebück, geriet auch die Frankfurter Landwehr im 19. Jahrhundert allmählich in Vergessenheit. Vor allem dem Gymnasiallehrer und Historiker Eduard Pelissier (1850-1931) ist ihre Erforschung zu verdanken.

Karte von Eduard Pelissier über den Verlauf der Frankfurter Landwehr, Ausschnitt
Karte von Eduard Pelissier über den Verlauf der Frankfurter Landwehr (Ausschnitt). Die Markierungen zeigen die ungefähre Lage der im Artikel gezeigten Kartenausschnitte aus dem 16. Jahrhundert.

Auch von der Landwehr ist heute um Frankfurt kaum noch etwas zu erkennen. Erhalten sind einige der Warttürme (Galluswarte, Bockenheimer Warte, Friedberger Warte und Sachsenhäuser Warte), die ebenso wie andere Relikte, etwa der Namen des Stadtteils „Dornbusch“, von der einstigen Bedeutung diese Grenzbefestigung zeugen.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg / Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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