Süßes oder Sittlichkeit?

Die Bedrohung der Jugend durch Süßwaren-Automaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts

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Standort von Süßigkeitenautomaten in Cölbe und Wehrda, 1900
Standort von Süßigkeitenautomaten in Cölbe und Wehrda, 1900 (HStAM Best. 180 Marburg Nr. 799)

Aus dem automatisierten Leben des 21. Jahrhunderts sind Maschinen der vielfältigsten Art nicht mehr wegzudenken: Kaffee-Automaten, Geldautomaten, Fahrkartenautomaten, Eierautomaten, Snackautomaten auf Bahnsteigen und an Wartestellen, um nur einige zu nennen. Die Vorteile liegen deutlich auf der Hand: Die Kundschaft kann sich mit den entsprechenden Waren versorgen, ohne dass Personalkosten entstehen oder zeitintensives Warten nötig wird.

Doch wie war es als die ersten Automaten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den Umlauf kamen? Da zeigte sich, dass durchaus auch die Nachteile gesehen wurden, insbesondere bei den „Zuckerwaaren-Automaten“. Über diese Problematik gibt eine Akte aus dem Bestand des Landratsamtes Marburg Auskunft (HStAM 180 Marburg Nr. 799). Aus Anlass eines Berichts des Kreisschulinspektors, Pfarrer Deutelmoser, auf der Kreisschulinspektorenkonferenz in Hagen im Jahr 1899 wandte sich das Innenministerium in Berlin an die Regierungspräsidenten bzw. die jeweiligen Landräte. Pfarrer Deutelmoser sah in den Zuckerwaren-Automaten eine „sittliche Gefährdung der Schulkinder“ und zwar auf mehreren Ebenen: Neben dem unkontrollierten Naschen würden die Schulkinder auch zur Geldverschwendung animiert, da sie durch den Einwurf von einem Groschen jederzeit an Süßigkeiten, insbesondere Schokolade, kommen könnten und nicht sparsam mit ihrem Taschengeld umgehen würden. Da die Automaten jederzeit verfügbar seien, unterlägen die Kinder auch keiner sozialen Kontrolle, wie sie beim Kauf von Süßigkeiten in einem Geschäft erfolgte. Zudem reizten die Automaten angeblich auch zu kriminellen Aktivitäten: Entweder die Kinder entwickelten aus Mangel an Geld ein entsprechendes Metallstück, das nach dem Kauf wieder aus dem Automaten herausgezogen wurde oder es würden Automaten aufgebrochen, um an das Geld zu kommen. Darüber hinaus agierte vor allem die Firma Stollwerk, die mit ihren Schokoladen-Automaten diese Sparte revolutionierte, besonders schädlich für die Kinder, indem sie den Schokoladen Sammelbilder beifügte. Deren Sammlung wurde durch Stollwerk mit Prämien honoriert, weshalb die Bilder unter den Kindern „oft genug während der Schulstunde“ getauscht würden.

Erster Stollwerck-Münzautomat „Rhenania“ von 1887
Erster Stollwerck-Münzautomat „Rhenania“ von 1887

Der über zehnseitige, ausführliche Bericht Deutelmosers wurde mit der Bitte an die Landräte gesandt, einen Überblick über die Situation im jeweiligen Landkreis zu erstellen. Im Juli 1900 wurden die Berichte aus dem Landkreis Marburg wieder zurück an den Landrat geschickt. Neben der Feststellung der Polizeiverwaltung, dass die „Schuljugend zu Näscherei und Geldverschwendung verführt“ werde, erfolgte die Beobachtung, dass auch schon Automaten von Schulkindern aufgebrochen worden seien. Besonders erhellend sind die neun Berichte der Gendarmen, die ihre Berichte über Zuckerwaren-Automaten in ihrem Patrouillenbezirk einsandten. Vier der Neun berichteten, dass in ihrem Bezirk Automaten aufgestellt waren, in den übrigen Bezirken waren keine entsprechenden Apparate zu finden. Dabei zeigte sich, dass es sich nicht um die reine Abgabe von Süßigkeiten handelte, sondern, dass auch Streichhölzer, Zigaretten und Kölnisch Wasser verfügbar waren. Letztlich wurde damit nur eine Bestandsaufnahme der Verkaufsautomaten im Landkreis Marburg getätigt, die als wenig bedrohlich empfunden wurde. Es gab zwei Automaten in Ockershausen und je einen in Marbach, Cölbe, Wehrda und Niederwalgern. Weitere Schritte gegen die aufgestellten Automaten wurden aber nicht unternommen. Der Siegeszug der Verkaufsautomaten, auch hinsichtlich von Kindern als Zielgruppe, konnte nicht gebrochen werden – trotz der sittlichen Gefährdung der Schulkinder.
Eva Bender, Marburg

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