Beschwerde gegen das Verbot von Weihnachtsgeschenken

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Verbot von Weihnachts- und Neujahrsgeschenken
Die Einschränkung der Gastmähler bei Hochzeiten und Kindtaufen und das Verbot der Christ- und Neujahrs-Geschenke bereitete dem Magistrat der Stadt Dillenburg Sorgen (HHStAW Abt. 172 Nr. 687)

Ein Verbot von Weihnachtsgeschenken würde heutzutage nicht nur Kinder enttäuschen, auch der Einzelhandel und die zahlreichen Gewerbetreibenden auf Weihnachtsmärkten wären darüber wohl mehr als entrüstet. Umgekehrt gibt es auch kritische Stimmen, die den allzu üppigen Konsum und den „Kaufzwang“ in der Weihnachtszeit anprangern. Dass dies keineswegs ein Phänomen der Gegenwart ist, zeigt ein Vorgang aus dem Jahr 1780, der zugleich einen Einblick in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Zeit bietet (HHStAW Abt. 172 Nr. 687).

Im Januar des Jahres beschwerte sich der Dillenburger Magistrat bei der fürstlich-nassauischen Landesregierung unter anderem gegen eine Verordnung, die „allen Aufwandt bei Hochzeiten, Kind-Taufen, Christ- und Neujahrs-Geschenke[n] ohne alle Ausnahme“ untersagte. Wie der Magistrat ausführte, „stehen daher Krämer, Becker, Metzger, Strümpfweber, Buchbinder und dergleichen müßig, welche sonst zu dieser Zeit sehr geschäftig waren.“ Der Verdienstausfall war umso gravierender, als laut Magistrat generell ein starker Rückgang der Erwerbsmöglichkeiten eingetreten war. Ausführlich legte der Magistrat die Gründe dafür dar: Nachdem die Weidemöglichkeiten für Vieh in den Wäldern (Hutewald) stark eingeschränkt worden waren - eine landesherrliche Maßnahme zum Schutz der Wälder und zur Wiederaufforstung - sei vielen Bauern die Lebensgrundlage entzogen worden, so dass diese, bei steigender Bevölkerungszahl, zum Nebenerwerb in der Stadt gezwungen seien.
Der Magistrat wusste durchaus, dass die kritisierte Verordnung nicht ganz unbegründet war. „Aber wan [wenn] auch nun ein Gevatter seinem Pathe ein geringes Geschenck verehrt, so dann sich beide Gevattern einmal im Jahr bei einem Stück Rindfleisch und geräucherten Schweins-Kopf belustigen, welches ihr Hauptvergnügen vor [für] alle ihre saure Arbeit auf ein ganzes Jahr enthält, so mag der Mißbrauch vielleicht nicht so erheblich gewesen seyn“, wie man der Landesregierung unterbreitet hatte.

Rindfleisch und Schweinskopf
Wenn sich zwei Gevatter einmal jährlich bei einem Stück Rindfleisch und geräuchertem Schweinskopf "belustigen", ist das kein Grund für ein allgemeines Verbot - findet zumindest der Dillenburger Magistrat.

Der zum Bericht aufgeforderte Dillenburger Amtmann bestätigte zwar einen Wandel der Erwerbsstruktur, schätzte die Lage aber als nicht so dramatisch ein. Die derzeitige Finanzschwäche sei hauptsächlich auf die kriegsbedingte Teuerung der Jahre 1771/1772 sowie den „mercklich gestiegenen Luxus und die daraus erfliesenden starcken Vermehrung der Bedürfnisse“ zurückzuführen - heutzutage würde man es als Erhöhung der Lebensansprüche bezeichnen. Zudem gab er den Stadtbewohnern eine Mitschuld an ihrer Situation, da sich „die meisten scheuen, ein Gewerb zu betreiben, welches anhaltenden Fleiß und Arbeit erfordert. Dahero kommt es, daß so viele Metzger, Becker und Wirthe oder Wein- und Bierzapfer sind.“ Auch das ehemals in Dillenburg blühende Gerberhandwerk sei gänzlich heruntergekommen, „weil die Gerber dabey Wirtschafft und Krämerey zu betreiben ergriffen haben.“ Zu einer Änderung der kritisierten Verordnungen gab er keine Stellungnahme ab.

Textauszug: Scheu vor mühseligem Gewerbe
Das wurde von der Landesregierung dick angestrichen: Hinweis auf die "Scheu" der Einwohner, ein Gewerbe zu betreiben, welches anhaltenden Fleiß und Arbeit erfordert.

In ihrer Antwort an den Magistrat übernahm die fürstlich-nassauische Landesregierung die Sicht des Amtmanns. Die gute Wirtschaftslage sah sie durch den Bevölkerungszuwachs, den stärkeren Konsum, Preis- und Verdienststeigerungen, eine allgemeine Hebung des Lebensstandards und den Mangel an Wohnungen bewiesen. Zudem wies sie daraufhin, dass sich die Verordnungen nur gegen exzessive Ausschweifungen richteten. „Weder dem Bürger noch dem Bauer ist durch ersagte Verordnungen die nöthige Ergötzlichkeit benommen, sondern damit nur dem Mißbrauche und der Übermaße [sic] begegnet.“

Für heutige Zeitgenossen mag es überraschen, dass sowohl Magistrat als auch Amtmann und Landesregierung ausschließlich wirtschaftlich argumentierten. Der religiöse Hintergrund der Feste war schon im Jahr 1780 weder für die Verordnungen noch für die Kritik daran relevant. Die Gevattern konnten sich also weiterhin - in Maßen - einmal jährlich bei einem geräucherten Schweinskopf „belustigen“.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden