Bruno Maderna in Darmstadt

Archivalien zum künstlerischen Schaffen eines Avantgardisten

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Programmheft der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, 1959 (HStAD, G 55, 1179)
Programmheft der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, bei denen Bruno Maderna als Dozent und Dirigent tätig war (HStAD, G 55, 1179)

Im November 1973 versammelte sich eine große Trauergemeinde auf dem alten Friedhof in Darmstadt. Neben lokaler Prominenz waren auch zwei herausragende Komponisten der Nachkriegsavantgarde vertreten – Pierre Boulez und Luigi Nono. Bestattet wurde der am 13. November 1973 verstorbene Komponist Bruno Maderna (1920–1973), der Darmstadt seit 1949 eng verbunden war. Denn damals hatte er zum ersten Mal die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik besucht; seit 1956 trat er dort regelmäßig als Dozent und Dirigent in Erscheinung und wohnte seit 1963 in der Adolf Spieß Straße 5, später in der Martinstraße 149 in Darmstadt. Mittlerweile war er zu einem der prominentesten Vertreter der Nachkriegsavantgarde geworden und setzte sich für die Propagierung zeitgenössischer serieller Musik ein.

Während seiner Tätigkeit bei den Ferienkursen im Staatsarchiv Darmstadt nur sehr begrenzt dokumentiert ist (HStAD Best. G 55 Nr. 1179), tritt er als Dirigent doch mehrfach in den Akten in Erscheinung. Gastverträge und Korrespondenzen ermöglichen einen guten Einblick in diese Tätigkeit, die auch in den Augen der breiten Öffentlichkeit deutlich präsenter gewesen sein dürfte als sein Schaffen als Komponist. Das Programm, das er als ständiger Gastdirigent des Landestheaters wahrnahm, war dabei sehr heterogen. Milhauds „Oper 6“ (1962), „Esther von Carpentas“ (1967), Ligetis „Nouvelles Aventurs“ (1970) oder Weils „Die sieben Todsünden“ und „Das kleine Mahagonny“ (1969) passen noch gut in das Profil eines zeitgenössischen Musikschaffenden. Johann Strauß` Operette „Die Fledermaus“, die er 1967/1968 am Landestheater leitete, überrascht dann aber doch (HStAD Best. G 55 Nr. 778).

Programmheft der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, 1959 (HStAD, G 55, 1179)
In den "Internationalen Ferienkursen" 1959 gab Bruno Maderna Konzerte zusammen mit Pieere Boulez, Luigi Nono und Karl Stockhausen (HStAD, G 55, 1179).

Einen besonderen Einblick in sein Wirken als Dirigent gibt ein Schreiben des Orchestervorstands anlässlich seines Dirigats von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Am 15. Februar 1971 wandte sich dieser an den Intendanten Gerhard F. Hering, weil er sich gezwungen sah, Beschwerde zu führen: „In den vielen Jahren unserer Tätigkeit als Musiker am Landestheater Darmstadt“, heißt es da, „haben wir es noch nicht erlebt, daß ein Kapellmeister so unvorbereitet an die Einstudierung einer Oper ging, wie dies bei Herrn Maderna der Fall ist. Die heutige (siebente!) Probe verlief musikalisch genau so schlecht wie die erste, was uns für die Premiere das Schlimmste befürchten läßt.“ Das Orchester weise daher jegliche Verantwortung für einen möglichen Misserfolg von sich. „In der Art und Weise des Herrn Maderna eine Oper bei uns zu leiten, sehen wir eine Mißachtung des Niveaus des Landestheaters Darmstadt und unser Verzicht, ihn als Dirigenten von ‚Hoffmanns Erzählungen‘ abzulehnen, beruht nur darauf, die Premiere am Mittwoch zu retten und einen Eklat zu vermeiden.“ (HStAD Best. G 55 Nr. 1163). Die Antwort des Intendanten ist leider nicht überliefert.

Telegramm mit Krankmeldung von Bruno Maderna, 1971 (HStAD, G 55, 778)
Ob der Produktionsstress von "Hoffmanns Erzählungen" die Ursache für die Erkrankung von Bruno Maderna waren? Telegramm, 1971 (HStAD, G 55, 778)

In der Rezension des „Darmstädter Tagblatts“ vom 19. Februar 1971 hingegen war von diesen Bedenken nichts zu spüren: „Erstaunlich blieb, was bei solchen musikalischen Maßen an einigen Stellen zu vernehmen war – an intensiver Klang-Präsenz, an scharfer Modellierung der rhythmischen Momente, an eindringlicher Zeichnung der kostbaren Offenbach-Melodik. Indem Maderna das Vordergründige mied, Sentimentalitäten nicht aufkommen lassen wollte, Transparenz suchte und harte Präzision an die Stelle Schmeichel-Charme setze, entsprach er wohl dem wahren Bild Offenbachs im Gegensatz zu landläufigen Einstudierungen.“ Und doch: „Das Orchester verhielt sich […] außerordentlich diszipliniert und spielte die heiklen Passagen zumeist mit einer überraschenden Genauigkeit. Aber der Klang zeigt an, daß sich Dirigent und Orchester offenkundig nicht immer einig waren.“ Wofür das Hessische Staatsarchiv Darmstadt heute noch den Beweis bereithält …
Rouven Pons, Darmstadt

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