Kirschenmarkt in Gladenbach

Wahl der Kirschenkönigin

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Entwurf für den Wagen der Kirschenkönigin
Entwurf für den Wagen der Kirschenkönigin

Nicht nur Witzenhausen ist für seine Kirschen bekannt. Auch in Gladenbach bei Marburg gibt es seit 1837 den Kirschenmarktsonntag, aus dem sich in den 1950er Jahren der heute über drei Tage Anfang Juli stattfindende Kirschenmarkt mit der Wahl der Kirschenkönigin entwickelt hat. Aufgrund der Corona-Pandemie muss das traditionelle Festwochenende in diesem Jahr allerdings leider ausfallen.

Zum Ausgleich soll hier auf eine Akte des Gladenbacher Stadtarchivs eingegangen werden, in der die Neuanfänge nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nachvollziehbar sind. Die im Staatsarchiv Marburg lagernde Akte HStAM 330 Gladenbach Nr. B 467 mit dem Titel „Märkte“ hat eine Laufzeit von 1948 bis 1953. Schnell zeigt sich, dass es sich vor allem um die Organisation des Kirschenmarktes handelt und weniger um die sonst noch genannten Jahrmärkte und Kirchweihfeste. Zwischen der Korrespondenz mit Jahrmarktbeschickern und Anbietern von Fahrgeschäften und „Fressbuden“ finden sich drei unkommentierte Bleistiftskizzen, die mit Buntstift koloriert wurden. Die einfachen Skizzen sind farbenfroh und detailreich: Ritter auf prachtvoll geschmückten Pferden begleiten die Kirschenkönigin. Sie führen die von Trägern auf einem Podest getragene Krone der Kirschenkönigin mit sich, welches mit einem Überwurf geziert ist, der „K“ und „K“ – für Kirschenkönigin – und die Jahreszahl 1952 zeigt. Bei genauem Hinsehen lassen sich in allen Skizzen auch eine Vielzahl von Kirschen ausmachen.

Entwurf für den Festzug und das Gefolge der Kirschenkönigin
Entwurf für den Festzug und das Gefolge der Kirschenkönigin

Unklar blieb zunächst, um welchen Umzug es sich hier handelt. Nahe läge der traditionelle Umzug zu Beginn des Festes. Die Akte gibt mit einem Schreiben des Bürgermeisters Waldschmidt am 2. Juli 1952 an die Gladenbacher die Antwort: „Am Sonntag treffen wir uns um 12.30 Uhr auf dem Marktplatz und marschieren nach Lohra, um unsere Nachbargemeinde anlässlich ihrer 1200-Jahrfeier einen Besuch abzustatten“. So gab es zwei Festzüge: der Umzug am Samstag durch Gladenbach, in dem sich auch die Kandidatinnen für die Wahl zur Kirschenkönigin präsentierten, und einen nach Lohra, wo sich die Gladenbacher Gäste in den dortigen Umzug einreihten. Über den Lohraer Umzug berichtete am nächsten Tag, am Montag, 7. Juli 1952, die Oberhessische Presse: „Aus den malerischen Berufsgruppen (Bäcker und Handwerker aus dem 16. und 18. Jahrhundert) hob sich der prunkvolle Krönungswagen der Gladenbacher Kirschenkönigin besonders abwechselnd ab.“ So scheinen die Skizzen Entwürfe für die Umzugselemente 1952 gewesen zu sein.

Entwurf für den Festwagen der Kirschenkönigin
Entwurf für den Festwagen der Kirschenkönigin

Im Vorfeld der Organisation regte sich aber auch Kritik an der Wahl zur Kirschenkönigin. Es hat sich eine Eingabe der im Stadtjugendring vertretenen Gruppen und ihrer Leiter erhalten: „Es gehört nicht zu echter Mädchenart, sich öffentlich zur Schau zu stellen und sich nach äußerem Schmuck beurteilen zu lassen. Das hat zur Folge eine weitere Verflachung unseres Lebens, die aber ein zu hoher Preis ist für die ‚Würde‘ einer Kirschenkönigin. Es bedeutet auch keine Förderung echter Jugendarbeit, wenn die jungen Menschen von amtlicher Seite an dieser zweifelhaften Veranstaltung zur Teilnahme aufgefordert werden.“

Vielleicht erinnert sich noch jemand an das Fest und kann uns bei der Zuordnung der Abbildungen helfen. Schön wäre es, auch den Namen der Kirschenkönigin 1952 zu erfahren, denn die Namen der Kandidatinnen sind überliefert, die Siegerin, die mit einem von elf Preisen – etwa einer Wäschegarnitur, einem Kaffeeservice, einem Gutschein für Dauerwellen sowie Parfüm und Pralinen – zur Teilnahme gelockt wurde, ist nicht genannt.
Eva Bender, Marburg

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