Teil 1: Vom 19. Jahrhundert bis 1933

Platzprobleme und Personalmangel

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Magazin im Darmstädter Schloss
Archivmagazin im Darmstädter Schloss um 1725 (HStAD R 4 Nr. 31028

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert standen im Staatsarchiv Darmstadt und im Historischen Verein - wie in vielen anderen Archiven und Geschichtsvereinen - das historisch-antiquarische Interesse und der Sammeleifer im Vordergrund. Der Gedanke der methodischen Geschichtsforschung war hingegen sekundär. Dies prägte auch auch die Amtszeit des Archivdirektors Dr. Ludwig Baur (1811-1877). Alte Urkunden und die Archivalien des 15. und 16. Jahrhunderts genossen lange Jahre fast ausschließliches Interesse, was sich auf Aktenaussonderungen jüngerer Akten nachteilig auswirkte. Auch die Jahrzehnte der großen politischen Umwälzungen 1802 bis 1816 der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und des Großherzogtums mit den erheblichen Gebietszuwächsen wurde nur unvollkommen dokumentiert; meist begnügte man sich mit der Einziehung von Hoheitsakten, was jedoch auch dem latenten Raummangel geschuldet war. Mit Raumnot und Personalmangel wurden dann auch umfangreiche Kassationen begründet. Durch die Gründung des Kabinettsarchivs im Jahr 1852 durch Ludwig Baur kam es zu umfangreichen Verschiebungen staatlichen Archivguts in den Privatbesitz von Großherzog Ludwig III. von Hessen und bei Rhein, das erst nach Baurs Tod, z.T. auch erst 1934 wieder zurück ins Archiv kam. In der Dienstzeit Dr. Baurs war es auch zu einer Umstrukturierung der Tektonik der Bestände gekommen: Von den Einzelarchiven der Territorien gab es eine neue Gliederung nach Orts- und Sachprinzip in Anlehnung an die Registraturpläne der Ministerien, womit das Provenienzprinzip (Herkunftsprinzip) außer Kraft gesetzt war.

 

Nachfolger Baurs wurde Dr. Gustav Freiherr v. Schenck zu Schweinsberg (1842–1922), der von Clemm als „sehr decidierte“ Persönlichkeit beschrieben wird. Sein Hauptinteresse galt der wissenschaftlichen Forschung, bei der er möglichst wenig vom Alltagsgeschäft gestört werden wollte, so dass er weder die Raum-, noch die Personalprobleme beheben konnte. Aktenzugänge waren eher unerheblich und die Benutzerzahlen minimal.

Im Jahr 1911 bis 1929 war Dr. Julius Reinhard Dieterich (1864–1952) Direktor des Staatsarchivs Darmstadt, der sich um die hessische Geschichtsforschung verdient machte. Auf ihn gehen u.a. die Gründung der Reihe „Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte“  und die Heimatzeitschrift „Volk und Scholle“  zurück. Unter der Leitung Dieterichs trat neben die Verwaltungsarbeit gleichberechtigt die systematische Förderung der Geschichtsforschung. Die Öffnungszeiten des Archivs wurden erweitert.

Die dringlichsten Probleme des Staatsarchivs waren 1911 die Raumfrage, denn der Platzmangel war seit hundert Jahren chronisch und hatte zu unsinnigen Aktenkassationen geführt, sowie die personelle Unterbesetzung. Dieterich suchte letzterer durch die Anwerbung von freiwilligen Hilfsarbeiten entgegenzuwirken und konnte auch den regulären Personaletat von bisher drei bis vier Mitarbeitern erhöhen, der auch in den Krisenjahren 1919 und dem Sparjahr 1924 erhalten blieb. Das hatte zur Folge, dass die dringend nötigen Arbeiten an den vernachlässigten Beständen in Gang kamen sowie die Repertorisierung in Angriff genommen und eine Generalübersicht über die Findmittel angelegt wurden. Zudem ermöglichte Dieterich erstmals die systematische und regelmäßige Aussonderungstätigkeit bei den Behörden und nutzte die Landesurkundenpflege zur Erhöhung des Bekanntheitsgrads des Staatsarchivs. Im Gegensatz zu später kommentierte Dieterich den Putschversuch Hitlers 1923 noch mit der Bemerkung: „es wäre besser, wenn ihn eine Kugel getroffen hätte“. Nach der Machtergreifung änderte sich allerdings diese Einstellung bis hin zur völligen Identifizierung mit „Vaterland und Führer“.

 

Dieterichs Amtszeit endete im Jahr 1929. Sein Nachfolger wurde der bereits seit 1911 als Archivrat im Staatsarchiv Darmstadt tätige Prof. Dr. theol. Fritz Herrmann (1871–1938), der erste Theologe im Darmstädter Archivdienst und ein guter Freund von Prälat Wilhelm Diehl (1871–1944), der dem Nationalsozialismus sehr kritisch gegenüberstand. Er spielte eine große Rolle als 2. Vorsitzender des Historischen Vereins und auch als Redakteur des „Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde“. Sein wissenschaftliches Interesse galt der Kirchengeschichte, insbesondere der Reformation, und der Familienkunde. In Herrmanns Amtszeit fiel die Ablösung der parlamentarischen Republik durch den Nationalsozialismus. Obwohl Herrmanns Einstellung zur NSDAP kritisch blieb, hatte das Staatsarchiv im Dritten Reich durchaus eine Verbesserung seiner Lage zu verzeichnen.

 

Teil 2: Von 1933 bis zum Zweiten Weltkrieg

Teil 3: Von 1939 bis 1945

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