Teil 2: Von 1933 bis zum Zweiten Weltkrieg

Umzug, Verzeichnungsarbeiten und Archivalientausch

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Personal des Staatsarchivs Darmstadt, 1936
Personal des Staatsarchivs Darmstadt, 1936. Der damalige Archivrat Dr. Ludwig Clemm steht in der unteren Reihe (zweiter von links); Archivdirektor Dr. Fritz Herrmann links neben ihm (HStAD R 4 Nr. 25644).

Die Bemühungen von Archivdirektors Dieterich, die Versäumnisse von 120 Jahren nachzuholen, hatten natürlich in seiner achtzehnjährigen Amtszeit nur Teilerfolge zeitigen können, zumal sie durch den Ersten Weltkrieg stark gebremst worden waren. Auch die Beziehungen zum Archivreferenten und zum Finanzministerium waren schlecht. Deshalb harrte 1933 die Raumfrage noch immer ihrer endgültigen Lösung, und für die neuen Aufgaben reichte das Personal noch immer nicht.

 

Das Hauptereignis in der Amtszeit Herrmanns war die Vollendung der noch vom Vorgänger Dieterich geplanten neuen Archivräume im Flügel des ehemaligen Residenzschlosses am Schillerplatz, das zwischen Staatsarchiv und Landesbibliothek aufgeteilt wurde. Entgegen den Wünschen des Staatsarchivs, das die Markt- und Rheinfront des Schlosses für sich beansprucht hatte, verlor es auch die beiden seit 1725 als Archivmagazine genutzten Barocksäle im Parterre der Marktfront an das Denkmalarchiv und erhielt von dem eigentlich als Lesesaal vorgesehenen Saal nur die mit einem Wappenfries verzierte Galerie für die Bibliothek. Ende Oktober 1935 war der Umzug erfolgt und das Archiv mit einer Ausstellung von familienkundlichem Material eingeweiht. In der Amtszeit von Fritz Herrmann entstand auch ein neuer Ausbildungsgang des gehobenen Archivdienstes zur Entlastung des höheren Archivdienstes. Erstmals wurden in Darmstadt  1936/37 zwei Anwärter für die vierjährige Ausbildung eingestellt. Die Ausbildung bestand aus zweieinhalb Jahren praktischer Archivarbeit in Darmstadt, einem halben Jahr bei der Landeshauptkasse und einem Jahr im Archivinstitut in Berlin. Tatsächlich war Entlastung nötig, da die Verzettelungsstelle für die Kirchenbücher und das zunehmende Interesse an Familienkunde (sog. „Ariernachweis“) viel Zeit in Anspruch nahm. Schon damals wurden freiwillige Helfer und Helferinnen angeworben und Arbeitskreise gebildet, um die zusätzliche Arbeit zu bewältigen. Die Darmstädter Kartei, deren Bestand sich zuletzt auf Millionen von Karten belief, gehörte zu einem wichtigen Faktor in der „Sippenforschung“ Deutschlands, so dass Herrmann 1935 den Entschluss fasste, die ganze Kirchenbuchverzettelungsstelle auf das Staatsarchiv arbeits- und haushaltsmäßig als Außenstelle zu übernehmen. Zuletzt waren diese Karteien im Glockenbau des Schlosses untergebracht, wo sie leider bei der Bombardierung Darmstadts bis auf wenige Reste verbrannten.

Mit Energie wurden die Arbeit an den Beständen, auch die Aussonderungen bei den Ämtern, insbesondere Kreisämtern, weiter vorangetrieben und viele Bestände ins Haus geholt, z.B. das Ilbenstädter Aktenarchiv, das Hausarchiv, die alte Abteilung V (Kirche), das gräflich Erbachische Gesamthausarchiv und andere. Auch die Urkundenpflege und die Archivaufnahmen wurden ausgebaut und fanden in den beiden Bänden „Inventare der nichtstaatlichen Archive in Hessen“ ihren Niederschlag. Nach der Pensionierung Fritz Hermanns im Jahr 1937 übernahm er bis zu seinem Tod die Verwaltung des Familienarchivs im Dienstzimmer des Familienarchivars.

 

Nachfolger von Fritz Hermann wurde Ludwig Clemm, der bereits seit 1921 im Staatsarchiv Darmstadt tätig war und 1937 zum Archivdirektor ernannt wurde. Zunächst beschäftigte er sich neben dem Alltagsgeschäft und der Aktenerschließung mit Ortswappen, der Ordenssammlung und dem Aufbau einer Siegelsammlung. Auch sie wurde später bei der Bombardierung Darmstadts komplett vernichtet. Zu Clemms Aufgaben gehörte auch die Sicherung der standesherrlichen Archive nach Auflösung der Fideikommisse. Das nationalsozialistische Deutsche Reich zeigte lebhaftes Interesse an Ordenssachen – eine Kollektion hessischer Orden ging an die Kanzlei des Führers –; allerdings wurden später zurückgegebene Orden und alte Staatsmedaillen wegen Edelmetallknappheit eingeschmolzen. Auch die Ordenssammlung ist nicht mehr erhalten.

 

In seinem Typoskript „Aus meinem Leben. Teil B. Darmstadt und das Amt“ beginnt Clemm mit der amüsanten Schilderung des Verlaufs der „deutschen Archivtage“, die wie heute noch bzw. wieder vier Tage dauerten und am fünften Tag mit einer Studienfahrt abgeschlossen wurden. Die westdeutschen Archivtage, mit denen er sich ebenfalls befasst, waren jedoch „vorzugsweise geselliger Art“. Aus seiner Arbeit an Beständen berichtet Clemm u.a. über aus Akten der Bundestagsgesandtschaft entnommene Bismarck-Briefe, die später in einer Panzerkiste verkohlten (Abschriften erhalten) und über Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten am Erbacher Samtarchiv. Es zählt ebenso zu den Kriegsverlusten wie einige druckfertige Manuskripte Clemms über Erbachische Beamte und ein familiengeschichtliches Urkundenbuch für die Grafschaft Erbach. Wie schon seine Vorgänger versuchte Clemm eine Anlehnung an größere preußische Archivverwaltungen und fand in Dr. Zipfel, dem Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, einen Verbündeten, der großen Einfluss auf das gesamte deutsche Archivwesen hatte. Durch Zipfels Hilfe konnte 1938 auch die lange geforderte vierte akademische Stelle durchgesetzt werden, die mit Dr. Walter Gunzert besetzt werde. Neu in der Archivpolitik des Staatsarchivs war Dr. Clemms Einsatz für den großzügigen Archivalien-Austausch mit anderen Archiven. So gab er z.B. Bestände nach Marburg ab, um im Gegenzug von dort Akten des Amtes Babenhausen zu erhalten.

 

Teil 1: Vom 19. Jahrhundert bis 1933

Teil 3: Von 1939 bis 1945

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