Teil 3: Von 1939 bis 1945

Auslagerungen und Zerstörungen

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Kriegszerstörtes Schloss in Darmstadt
Das kriegszerstörte Darmstädter Schloss (Ausschnitt). Blick vom Südflügel über den weißen Saal und Paukergang zur Ruine des Landestheaters, in dem heutzutage das Staatsarchiv untergebracht ist (HStAD R 4 Nr. 7529/1)

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stellte auch die Archive vor neue Herausforderungen.

Laut Archivdirektor Ludwig Clemm waren Vorbereitungen zur Sicherung der Archivbestände im Kriegsfall von den vorgesetzten Behörden weder vorgesehen, noch wurden bei Kriegsausbruch Maßnahmen angeordnet. Da Nachfragen von Clemm im Ministerium ungehört verhallten, ließ er aus eigener Initiative die wertvollsten Archivalien - Urkunden, Handschriften, Salbücher, wichtige Akten- in den leeren, hintersten Keller packen. Durch den für Deutschland zunächst günstigen Kriegsverlauf rückte die Sorge um die Bestände in den Hintergrund. Zunächst waren die kriegsbedingten Personalausfälle im Staatsarchiv gering, nur zwei Mitarbeiter waren eingezogen. Nach und nach veränderte sich die Personallage, auch Dr. Gunzert rückte 1940 zur Feldartillerie ein, konnte dann aber für den Archivstab in Frankreich in Metz freigemacht werden, kam 1941 nach Russland, und mit krankheitsbedingter Unterbrechung 1944 wieder ins Feld. Anfang September 1944 war Dr. Clemm mit einer Kanzleigehilfin allein im Archiv.

 

Zu Beginn des Krieges war im Punkte Luftschutz nichts vorgesehen, was sich erst nach einigen Bombeneinschlägen in Darmstadt im Juli 1941 änderte. Zusammen mit der benachbarten Landesbibliothek wurde ein nächtlicher Wachdienst eingerichtet, der aus einem Nachtposten bestand, der im Alarmfall zwei im Glockenbau wohnende Amtsgehilfen herbeirufen konnte. Seit Sommer 1943 wurde der nächtliche wie bereits der tägliche Luftschutzdienst für beide Behörden getrennt durchgeführt. Einen zweiten Posten stellte die Landeshauptkasse; außerdem wurde ein militärisches Kommando von 15 Mann für den ganzen Schlossbau zur Verfügung gestellt. Die Belastung des Archivpersonals durch den Luftschutzdienst war sehr groß und wurde nach dem Einsetzen der schweren Luftangriffe im Herbst 1943 noch größer. Dr. Clemm selbst war durch die Ernennung zum Luftschutzbevollmächtigten für alle staatlichen und nichtstaatlichen Archive in Hessen im Sommer 1943 und die damit verbundenen Dienstreisen bei schlechter Ernährungslage stark belastet. Als Maßnahme zur Sicherung der Bestände des Staatsarchivs Darmstadt wurde im Frühjahr 1942 ihre Auslagerung in Bunker oder ihre Dezentralisation in auswärtige Ausweichstellen durch Clemm vorbereitet. Die Landesregierung stellte für das Staatsarchiv Darmstadt geeignete Kellerräume in den Landesheilanstalten Goddelau und Heppenheim zur Verfügung. In sieben Fahrten mit Möbelwagen wurden rund 1000 Meter Archivalien dorthin verfrachtet. Anfang 1945 sollten diese Archivalien aus den Ausweichstellen in ein Salzbergwerk bei Eisenach verbracht werden, doch der schnelle Vormarsch der Amerikaner überholte die Vorbereitungen.

Auch im Archivgebäude selbst wurden Sicherungsmaßnahmen ergriffen, wie die Zumauerung von Kellerfenstern und der Fenster von zwei Magazinsälen im Erdgeschoss. Der schwere Luftangriff auf Darmstadt im September 1943 legte neue Auslagerungen nahe. Ausgewählt wurde das Steinsalzbergwerk in Bad Friedrichshall-Kochendorf. Durch Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Fahrerlaubnis und geeigneter Transportkisten verzögerte sich der Transport bis zum Februar 1944. Ausgelagert wurden die Urkundensammlung, Staatsverträge, die Handschriftenabteilung, Salbücher, Gerichtsbücher, das Familien- und Hausarchiv und fast alle Repertorien. Trotz schriftlicher und mündlicher Anfragen gelang es nicht, eine Treibstoffzuteilung für zwei weitere Fahrten nach Kochendorf zu erhalten, die für die Auslagerung des Erbachischen Gesamthausarchivs notwendig gewesen wären. Die freigewordenen Keller im Schloss wurden mit der wertvollen Archivbibliothek mit rund 25000 Bänden und Aktenbeständen belegt, und so hielt man die Maßnahmen in den Kellern und dem Erdgeschoss für ausreichend. Der Angriff vom 23. September 1943 verschonte zwar das Schloss, traf aber den Glockenbau und vernichtete damit einen Großteil der Karteien der Verzettelungsstelle der Kirchenbücher.

 

Bei dem verheerenden Luftangriff vom 11. September 1944 wurde neben der kompletten Altstadt auch das Schloss zerbombt. In Ludwig Clemms „Aus meinem Leben“ gibt es erschütternde Beschreibungen der Leichenreihen der 11 500 Toten und das Flammenmeer. In seinem Bericht an die hessische Landesregierung vom 9. Oktober 1944 führt er Folgendes aus: „„Der Terrorangriff vom 11. September 1944 hat leider auch das hessische Staatsarchiv schwer in Mitleidenschaft gezogen. Über die Verluste an Archivalien kann ich […] keine genauen Angaben machen […]. Im Ganzen kann ich jedoch sagen, daß räumlich rund 1/3 der Bestände gerettet ist; sie lagern zum größten Teil in 4 Ausweichestellen […]. Dagegen sind dem Brand des Schlosses umfangreiche Serien von Rechnungen, darunter auch viele weniger wertvolle Urkundenbände, und Aktenserien des 19. Jahrhunderts zum Opfer gefallen, z. B. die Ministerialakten […] und die zurückgesetzten Registraturen der Landratsämter. An wertvollen verlorenen Beständen wären ferner die sehr grosse Handbücherei und leider auch das Archiv der Grafschaft Erbach zu nennen. Sehr fühlbar ist der völlige Verlust der gesamten Registratur […]. Die Sicherungsmassnahmen waren an sich sehr umfangreich gewesen. Seit Herbst 1942 waren rund 2000 Meter Urkunden und Akten in 4 Ausweichestellen verbracht worden […]. In diesem Zusammenhang (Auslagerungen) muss ich erwähnen, mit welchen Schwierigkeiten die Transporte und die Materialbeschaffung für den Versand im Frühjahr dieses Jahres verbunden gewesen sind; so hätte das Archiv der Grafschaft Erbach vollständig gerettet werden können […]. Der Luftschutzdienst litt von vorneherein […] unter der geringen Zahl des Personals […]. Nach den Angaben, die die Kanzleiangestellte Frau Haun und der Amtsobergehilfe Schnellbacher gemacht haben, sind alle Gebäudeteile und Geschosse des ganzen Schlosskomplexes sehr schnell und unter schweren Detonationen in Brand geraten. Im Keller entstand zunächst nur geringfügiger Schaden und zwar durch Funkenflug durch die […] drei kleinen Kellerluken nach dem Glockenhof zu; diese Luken waren übrigens trotz meines mündlichen und schriftlichen Antrages wegen Material- und Personenmangels nicht zugemauert […]. Trotzdem hätten die Brandschaden bekämpft werden können […], wenn nicht erhebliche Rauch und Qualmmassen in den Keller gedrungen wären […]. Die Polizei musste daher nachts zwischen 12 und 1 ½ Uhr den Befehl geben, den Keller wegen Rauchgefahr völlig zu räumen: erst dann haben die Luftschutzwache und der Amtsobergehilfe Schnellbacher mit seiner Familie das Gebäude verlassen und zwar in letzter Minute und unter grösster Lebensgefahr […]. Die seit dem 12. durch die Feuerlöschpolizei unternommenen Löschversuche konnten das Schicksal der Kellerbestände nicht mehr abwenden.“

 

Teil 1: Vom 19. Jahrhundert bis 1933

Teil 2: Von 1933 bis zum Zweiten Weltkrieg

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