Glockenklang bei Tag und Nacht…

Das „herrschaftliche Instrument“ bestimmt die Uhrzeit von ganz Darmstadt!

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Mechanik des Glockenspiels im Darmstädter Schloss (HStAD Best. P 11 Nr. 139)
Ansicht des Uhrwerks mit Spielwalze des Glockenspiels zu Darmstadt, 1670; Uhrmacher Pieter van Call, Nijmegen (HStAD Best. P 11 Nr. 139)

Ende August dieses Jahres jährte sich die Einweihung des Glockenspiels im Darmstädter Schloss zum 350sten Mal. Landgraf Ludwig VI. hatte sich wahrscheinlich aus der Literatur anregen lassen, sein Schloss mit einem Glockenspiel auszustatten wie es nur wenige im deutschsprachigen Raum gab. In den Niederlanden war die Tradition dagegen sehr ausgeprägt. So wurden auch niederländische Glockengießer und Uhrmacher mit der Planung und Ausführung betraut.

1671 war der Bau fertiggestellt, und die Melodien des Glockenspiels bestimmten den Rhythmus der Stadt. Alle halbe Stunde erklangen Kirchenlieder, und zwar Tag und Nacht. Leider wurden die Melodien durch das Schlagwerk anderer Uhren umgebender Gebäude und der Stadttore empfindlich gestört. Diesen Zustand wollte der Landgraf beenden, nachdem er ihn nahezu vier Monate ertragen hatte. Und so verordnete er am 30. Dezember 1671 folgendes:
„Wir Ludwig, Landgraf zu Hessen […] verordnen und befehlen hiermit gnädigst, daß hinführo von denjenig[en] so über unsere alte Uhren im Schloß allhier wie auch auf dem Stattkirchenthurm und auf dem Rathhaus, auch Sprintzen- und Sporerthore bestellt sind, […] allerdings und alleinig nach Unserer neu angeordneten Schloß- oder Glockenspieluhr sich gerichtet werden wolle. […] Auch sollen sich diejenige, so zu den Glocken und Wachten bestellt seind, bey Vermeidung gewisser Straf dahin richten, daß sie under wehrendem Glockenspiel oder Überschlagen, nicht zu leuten noch die Uhr anzublasen oder außzuruffen anfangen. (HStAD E 14 A Nr. 85/10)

Anordnung des Darmstädter Glockenspiels als Normzeit der Uhren und Glocken in Darmstadt, 1671
"daß...nach Unserer neu angeordneten Schloß- oder Glockenspieluhr sich gerichtet werden wolle." Anordnung des Darmstädter Glockenspiels als Normzeit, 1671 (HStAD Best. E 14 A Nr. 85/10)

Dieser komplizierte Text bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass sich alle öffentlichen Uhren in Darmstadt künftig nach der mit dem neuen Glockenspiel verbundenen Sonnenuhr des Schlosses zu richten hatten. Alle Lautäußerungen wie Turmblasen, Wachablösung oder Ausrufung der Uhrzeit hatten zu unterbleiben bis das Glockenspiel fertiggespielt hatte. Zuwiderhandlungen wurden mit Strafe belegt!
Die so verordnete „Gleichschaltung“ der Uhren der Stadt hatte auch einen gewissen Symbolwert. Die landgräfliche Zeitmessung wurde maßgeblich auch für die städtischen Uhren, und die städtischen Glöckner und Türmer hatten sich danach zu richten.
Barbara Tuczek, Darmstadt

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