Glücksspiel in der Fastenzeit?

Ein Bericht aus Hanau-Wilhelmsbad

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Kurhausgebäude von Wilhelmsbad (Ausschnitt)
Kurhausgebäude von Wilhelmsbad um 1790 (Ausschnitt, HStAM Best. Karten Nr. P III 469)

Im Januar 1791 schrieb Graf von Orlandini an den Landgrafen von Hessen-Kassel und bat um die Erlaubnis, während der Fastenzeit einmal wöchentlich in Wilhelmsbad bei Hanau einen „Bal en Masque“ veranstalten zu dürfen, wobei der Eintritt frei und die Beleuchtung durch Orlandini organisiert werden sollte. Dies sollte geschehen „zum Vergnügen der Franckfurter, und der Gesellschaft der Franzosen, welche sich jezzo am Wilhelmsbade aufhalten“, und die sich deswegen an den Grafen gewandt hatten (HStAM Best. 80 Nr. 461).
Sein Schreiben ging an die Regierung in Hanau, die dieses nach Kassel schickte. Während Orlandinis Schreiben recht kurz seinen Plan für einen wöchentlichen Maskenball darlegte, kommentierte die Regierung in Hanau das Vorhaben, da sie durchschaute, worum es eigentlich ging: Der Ball sollte dazu genutzt werden, um das Würfelspiel Hazard zu spielen. Dies würde dem Ruf des Bades schaden und zudem noch sich nachteilig auswirken, da das verbotene Spiel die Diener und Bürger der Städte dazu verleite, „sich gänzlich in Armuth zu stürzen, besonders, weil dadurch auch Kinder, welche zwarn erwachsen, aber noch nicht außer dem brod der Eltern sind, der Verführung zum Schuldenmachen ausgesetzt werden, woraus auf ihre ganze Lebenszeit die nachtheiligste Folge entspringen könne.“

Gesuch von Graf Orlandini (Seite 2)
Gesuch von Graf Orlandini (Seite 2)

Die Hanauer Regierung erachtete daher notwendig, nicht nur Orlandinis Vorhaben abschlägig zu bescheiden, sondern forderte, dass es dem Landgrafen: „nach dem Beispiel andere Länder, gnädigst gefällig seyn möge, der sämtlichen dienerschaft ohne Unterschied des Standes und der Würde, sie wie auch den sämtlichen hiesigen Einwohnern, jedoch mit Ausschließung der dahier wohnenden fremden, welche blos von ihrem Gelde leben, das große und kleine Hazardspielen an dem Wilhelmsbad, sowie besonders das sehr anziehende so genannte Biribi-Spiel […] bei namhafter Strafe zu verbieten“. Bei Hazard handelte es sich um ein Würfelspiel, das in zwei Varianten – Groß und Klein – mit recht komplizierten Regeln gespielt wurde sowie bei Biribi um ein sehr beliebtes Lotterie-Spiel, das Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich verboten wurde.

Ablehnung des Gesuchs von Graf Orlandini
Die Entscheidung der Regierung in Kassel war eindeutig: "ad 21) Ist der Graf Orlandini abschläglich zu bescheiden..."

Beachtlich ist der profane Charakter, der sich in diesem Vorfall bemerkbar machte. Während Orlandini sich durchaus des gegen religiöse Sitten verstoßenden Charakters seines Planes bewusst war und er daher um die Erlaubnis für einen Maskenball während der Fastenzeit bat, argumentierte die Hanauer Regierung überhaupt nicht religiös motiviert, sondern rein ökonomisch. Die Sorge der möglicherweise aus dem Glücksspiel resultierenden Verschuldung der Einwohner, für die im Zweifelsfall die obrigkeitlichen Behörden aufkommen musste, überwog den gegen religiösen Sitten verstoßenden Antrag des Maskenballes derart, dass dieses von der Hanauer Regierung argumentativ nicht aufgegriffen wurde. Zudem konnte ein Bürger, der verschuldet war, auch keinen Beitrag zum Staatshaushalt liefern.
In Kassel wurde die Situation jedoch anders bewertet. Während dem Grafen die Erlaubnis für den wöchentlichen Maskenball, wie zu erwarten war, nicht erteilt wurde, wurde der Antrag der Hanauer Regierung „als eine nicht gut statt findende Einschränkung“ abgelehnt.
Eva Bender, Marburg

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