Der Halseisenkrieg

Frühneuzeitlicher Streit um Gerichtsbarkeit in Wehrda (Haunetal)

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Abbildung des Situationsplans des Halseisenstocks in Wehrda (Haunetal)
Situationsplan des Halseisenstocks in Wehrda (Haunetal) (HStAM Best. 255 Nr. T 62)

In ganz Hessen gibt es zahlreiche Ortschaften in denen noch heute sichtbar ist, an welchen öffentlichen Plätzen jahrhundertelang unter freiem Himmel Gericht gehalten wurde. Dies gilt auch für den Ort Wehrda (Haunetal). Wer dort den sogenannten Lindenplatz besucht, stößt in prominenter Lage inmitten des Gebäudesamples auf einen „Halseisenstock“ mit folgender Aufschrift: „aufgestellt im Jahre 1999 anlässlich der Aufführung des Historienspiels ‚Der Kampf um einen Halseisenstock‘ von Helmut Müller nach einem Ereignis aus dem Jahre 1746 in Wehrda“. Auch die Bezeichnung „Halseisenkrieg“ findet sich in gegenwärtigen Beschreibungen des historischen Ereignisses, welches auf eine Auseinandersetzung um die Gerichtsbarkeit zwischen dem damaligen Stift Fulda und dem ortsansässigen Adel zurückgeht.

Doch was war genau passiert? Den Anlass bildete die Errichtung eines ‚Halseisenstocks‘, d.h. einer Vorrichtung – bestehend aus zwei Eisenteilen und einer Kette –, die den Gefangenen angelegt wurde, und unter Umständen auch als Pranger fungierte. Im Fall des Wehrdaer Gerichtsplatzes war die Eisenkette mit einer Holzstele verbunden, die im Jahr 1746 „wegen Altersschwäche“ erneuerungsbedürftig gewesen sein soll. Dies veranlasste den ortsansässigen Adel – die Herren von Trümbach – dazu, am 7. Mai 1746 ein neues Halseisen aufzustellen. Mag dieser Vorgang sich zunächst wie eine Bagatelle lesen, wurde er von den damaligen Beamten des Stifts Fulda als Provokation und unrechtmäßige Anmaßung der Gerichtsbarkeit empfunden. Da zunächst vor Ort geführte Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, sah sich das Stift Fulda gezwungen bäuerliche Truppen aus der Region zu entsenden, um den Halseisenstock wieder zu entfernen. Den von Trümbachs gelang es jedoch ihrerseits die Wehrdaer Bauern zu mobilisieren, die mit einem Ring um den Halseisenstock das Entfernen verhinderten. Dabei handelte es sich keineswegs nur um einen symbolischen Griff zu den Waffen, da während der Auseinandersetzung sechs Menschen starben.

Nachbildung eines Halseinstocks
Nachbildung eines Halseinstocks in Wehrda, aus: Modul "Gerichtsstätten in Hessen" (https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gst/id/238)

Erscheint diese Auseinandersetzung aus heutiger Perspektive auch als Überreaktion so manifestierten sich in diesem Eklat Herrschaftsansprüche und Autonomiebestrebungen des ortsansässigen Adels gegenüber dem Stift Fulda. Die von Trümbachs gehörten zur fuldischen Ritterschaft, die danach strebte lediglich dem Kaiser unterstellt zu sein. Die volle Reichsunmittelbarkeit konnte dabei – trotz einiger Zugeständnisse – nie erreicht werden. Die Aufstellung des Halseisens beinhaltete damit den Versuch der von Trümbachs, durch den Anspruch auf die oberste Gerichtsbarkeit die Kompetenzen gegenüber Fulda zu erweitern. Diesen Versuch bezahlten die Bauern Wehrdas mit dem Leben.
Die Auseinandersetzung mit dem Stift Fulda bliebt dabei nicht auf den ‚Halseisenkrieg‘ beschränkt, sondern dauerte noch viele Jahrzehnte an, da in der Folge ein Prozess vor dem Reichskammergericht in Wetzlar begonnen wurde, indem über den Vorfall selbst und die zuständige Gerichtsbarkeit gestritten wurde. Aus diesem Grund sind wir auch heute noch sehr gut über die Vorgänge des 7. Mai 1746 informiert, da die Vorfälle im Gerichtsverfahren, welches 1786 mit einem Rezess endete, detailliert aufgearbeitet wurden.

Vertrag der von Trümbach mit der Anwaltschaft über die juristische Vertretung
Vertrag der von Trümbach mit der Anwaltschaft; Innenseite mit Siegeln und Unterschriften (HStAM Best. 255 Nr. T 62)

Dieses Verfahren kann anhand der im Staatsarchiv Marburg liegenden Akten sehr gut nachverfolgt werden: HStAM Best. 255 Nr. T 62 sowie: HStaM Best. 340 von Trümbach Nr. 250. Neben dem hier abgebildeten Situationsplan bieten zahlreiche Zeugenaussagen und herangeführte Rechtsdokumente vielfältige Auswertungsmöglichkeiten. Dass Kläger und Anwälte bereits auf einen jahrzehntelangen Prozess eingestellt waren, belegt zudem die der Akte vorangestellte Verpflichtung der von Trümbachs gegenüber dem Advokaten Johann Paul Besserer. Sollte der auf Lebenszeit verpflichtete Anwalt sterben, wurde zugleich sein Nachfolger auch auf Lebenszeit benannt.
Constanze Sieger, Marburg

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