Abt. 2001 Handwerkskammer Wiesbaden und Abt. 2002 Handwerkskammer Koblenz (Abteilung Wetzlar) online recherchierbar

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Firmenbriefkopf 1908

Im Rahmen der Retrokonversion älterer Findmittel wurden die Bestände der Handwerkskammer Wiesbaden und Koblenz (Abteilung Wetzlar) im Archivinformationssystem Arcinsys online zugänglich gemacht (HHStAW Abt. 2001und Abt. 2002). Was zunächst wenig spannend klingen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen als interessante Quelle für die Wirtschaftsgeschichte der Region im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Als Interessenvertretung des Handwerks waren die Handwerkskammern in vielen Bereichen tätig, etwa bei der Qualitätskontrolle des Ausbildungs- und Prüfungswesens oder bei der Einrichtung von Krankenkassen und Versicherungen und bei der Vergabe von Aufträgen. Einen guten Einblick über das in der Region ansässige Handwerk bieten die Akten der Gewerbezweige und der Handwerklichen Verbände und Vereinigungen und belegen zugleich den wirtschaftlichen Wandel. Während Installateure und Bauhandwerker oder auch Optiker auch heutzutage noch zahlreich vertreten sind, gehören die „Putzmacherinnen und Putzmacher“ und die „Schäftemacher“ ebenso wie die „Bürsten- und Pinselmacher“ hierzulande inzwischen fast ausgestorbenen Berufen an. Gewisse Probleme bestehen allerdings fort: Schon vor einhundert Jahren versuchten die Kammern vergeblich, die Schwarzarbeit zu bekämpfen, und die Einhaltung der Sonntagsruhe war schon damals ein heiß disktuiertes Thema (HHStAW Abt. 2001 Nr. 196). Auch wenn der Schwerpunkt der Bestände vor 1930 liegt, gibt es doch einige Überlieferung zur Position bzw. Gleichschaltung der Handwerkskammern im NS-Regime. Beispiele hierfür bieten etwa die Akten zur „Bevorzugten Stellenvermittlung für Vorkämpfer des Nationalsozialismus ("Vorkämpferdank")“ oder die Beteiligung des Handwerks am „Winterhilfswerk“, aber auch die „Beschaffung der Bekleidung und Ausrüstung für NS-Jugendorganisationen wie Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM)“ (Gliederungspunkte Öffentliches Wirtschaftswesen und Vergabe von Aufträgen).

Zeitung der Wiesbadener Gewerbeausstellung
Zeitung der Wiesbadener Gewerbeausstellung (HHStAW Abt. 2001 Nr. 276)

Besonders umfangreich ist die Überlieferung zur Gewerbeausstellung in Wiesbaden 1909, die von der Handwerkskammer organisiert wurde. Die Akten befassen sich unter anderem mit den ersten Vorplanungen und der Organisation, dem Geländeerwerb, der Öffentlichkeitsarbeit - einschließlich einer „Tonbildschau“ und einer eigenen Festzeitung - und den durchgeführten Prämierungen sowie natürlich den Kosten. Dabei enthalten die Akten keineswegs nur trockenen Schriftverkehr oder beängstigende Zahlenkolonnen: Die Briefköpfe der korrespondierenden Firmen zeigen anschaulich das Selbstbild von Handwerk und Fabriken zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dorothee A.E. Sattler

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