Frühling ist gekommen…

Gedichtete Anleitung für ein unbeschwertes Leben

Blüten 2.jpg

Blühende Bäume vor dem Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Blühende Bäume vor dem Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

„Frühling ist gekommen...“ Mit dieser Zeile beginnt ein Gedicht, das Fritz von Haxthausen (1778–1845) seiner Schwester Anna (1801–1877), die ab 1830 mit August von Arnswaldt (1798–1855) verheiratet war, zum Geburtstag widmete. Es ist im Nachlass der Familie von Arnswaldt im Staatsarchiv Marburg überliefert (HStAM 340 von Arnswaldt Nr. 133).

Brief an Anna von Haxthausen
Brief an Anna von Haxthausen (HStAM Best. 340 von Arnswaldt Nr. 133)

Das undatierte Gedicht zeichnet eine frühromantische Aufbruchstimmung in das anbrechende Frühjahr aus - gepaart mit einer Aufforderung, sich von den positiven Hochgefühlen mitreißen zu lassen. Die winterliche Arbeit am Spinnrad soll stehen gelassen und stattdessen den Bienen beim Honigsammeln zugeschaut werden. Achtsam soll mit allen Sinnen die Natur genossen werden. Denn auch wenn nun alles hell, golden und positiv erscheint, ist dem Verfasser des Gedichtes doch klar, dass es auch wieder schlechtere Zeiten geben wird:

„Samle Tochter! Früh im Leben
Blumendüfte für das Herz
Aehren für das Erdenleben
Trauben für zukünft’gen Schmerz.“

Bei der Betrachtung des ganzen Gedichtes wird jedoch schnell deutlich, dass es sich nicht um ein reines Frühlingsgedicht handelt, sondern um die Beschreibung des Jahresverlaufs – aus dem Frühling geht es über die Ernte im Sommer zur Weinlese im Herbst und schließlich in den nahenden Winter: gleichzeitig eine Allegorie für das Leben. Die unterschiedlichen Aktivitäten sind eine Anleitung für ein unbeschwertes, sorgenfreies Leben, das ja jeder anstrebt.

Gedicht von Fritz von Haxthausen für seine Schwester Anna
Anfang des Anna von Haxthausen gewidmeten Gedichts (HStAM Best. 340 von Arnswaldt Nr. 133)

Auch wenn Fritz von Arnswaldt die Zeilen seiner Schwester widmete, ist nicht klar, ob es sich um ein eigenes Gedicht oder ein bereits vorhandenes handelt. Es beginnt zwar mit „Frühling ist gekommen Mädchen, Mutter sprichts zum Töchterlein“, und die Mutter erscheint in der Mitte und am Ende der Verse, es handelt sich aber hierbei um ein stilistisches Element der damaligen Poesie. So findet sich im gleichen Bestand ein weiteres Gedicht, das analog beginnt: „Mutter spricht: Hier sitz ich und laure auf Kanonenschüß...“ (HStAM 340 von Arnswaldt, Nr. 337). Weitere Motive wie die Blumen, die Trauben und Täler tauchen in weiteren Reimen des umfangreichen von Arnswaldt-Nachlasses auf. Das ist keine große Überraschung, gehörte doch Anna von Haxthausen mit ihren Brüdern zum Bökendorfer Kreis, einem Dichterzirkel, der auch mit den Brüdern Grimm und Annette von Droste-Hülshoff verbunden ist. Auch wenn für letztere die Beziehung zu diesem Kreis nicht glücklich ausging, handelte es sich doch um ein für die hessische Kulturgeschichte recht spannende Gemeinschaft, da hier auch Bande zu weiteren prägenden Persönlichkeiten der hessischen Geschichte geknüpft sind. So war Anna von Arnswaldt mit Amalie von Hassenpflug, der jüngsten Schwester des kurhessischen Ministers Ludwig von Hassenpflug, eng befreundet, der durch seine konservative und radikale Politik für Aufsehen sorgte. Kein Wunder, dass Anna von Arnswaldt lediglich als Briefpartnerin von Amalie von Hassenpflug in der Literatur Erwähnung findet, in der die Freundinnen sich über die Politik austauschen. Die vielen Gedichte und literarischen Hinterlassenschaften des Bökendorfer Kreises im Staatsarchiv Marburg zeigen jedoch, dass hier noch viel für die germanistische wie auch historische Forschung auf die Entdeckung wartet.

Zum Neuen Jahr für Anna.
Lese-Blumen-Aehren-Wein

Frühling ist gekommen Mädchen,
Mutter sprichts zum Töchterlein.
Laß es stehen jetz die Rädchen,
Geh nun Früroths Morgenschein.

Hast Du nicht gesehn die Binchen
Wie sie Honigsammelnd ziehn?
Sammle, Sammle, schöne Blümchen
Die im Herzen laß sie blühn.

Nach den Felde eilen alle
Aehren-Leserinnen fort
bey des Liedes frohen Schalle
rückt die Arbeit schneller fort

Emsig Täubchen suchen Futter,
Picken jedes Körnchen auf.
Sorgsam fegt die gute Mutter
jedes Körnchen sparsam auf.

Auf den Bergen klingen Lieder
Bey der Traube gold’nem Schein,
aus dem Tähler hallt es wieder,
Lust und Freude thönt hinein.

In den Fässern wird verschlossen
gold’ne Trauben, gold’ner Saft,
daß entfesselt, er genossen,
Himmel uns auf Erden schaft.

Samle Tochter! Früh im Leben
Blumendüfte für das Herz
Aehren für das Erdenleben
Traube für zukünft’gen Schmerz.

Eva Bender, Marburg