„Dies ist mein dausenste Kind...“

Zum Internationalen Hebammentag am 5. Mai

Tagebuch Hebamme

Tagebuch der Hebamme Witwe Scheidler in Helmarshausen
Tagebuch der Hebamme Witwe Scheidler in Helmarshausen (HStAM Best. 339 Helmarshausen Nr. B 90)

Der Hebammenberuf gehört zu den ältesten und wichtigsten Frauenberufen der Welt. Wie zu erwarten, findet sich eine ansehnliche Menge an Akten zu Hebammen – von ihnen oder über sie verfasst – auch in den Beständen des Hessischen Staatsarchivs Marburg.

Aus soziologischer Perspektive sehr spannend sind die Tagebücher von Hebammen, die meist in der städtischen Überlieferung zu finden sind. Darin dokumentierten die Hebammen die von ihnen begleiteten Geburten. Das von 1873 bis 1879 geführte Tagebuch der Hebamme von Helmarshausen, Witwe Scheidler, zeigt, welche Informationen festgehalten wurden (HStAM Best. 330 Helmarshausen Nr. B 90): Neben den zu erwartenden Angaben wie einer laufenden Nummer, dem Geburtstag, Name, Stand und Wohnort der Gebärenden folgen die speziell auf die Geburt bezogenen Mitteilungen wie das Geschlecht des Kindes, ob das Kind zur rechten Zeit auf die Welt kam, in welcher Lage es zuvor im Bauch der Mutter lag, ob es besondere Ereignisse während der Geburt gab, ob Hilfe benötigt wurde, wie die Geburt für Mutter und Kind in der Folgezeit sich auswirkten und um die wievielte Niederkunft der Gebärenden es sich handelt. Im vorliegenden Tagebuch hat die Hebamme am 17. Juli 1874 mit Johann Heinrich Bungenthal aus Helmarshausen, dessen Geburt zeitig und ohne Probleme für Mutter und Kind verlaufen ist, unter „besondere Bemerkung“ notiert: „Dies ist mein dausenste Kind was ich mit Got gebracht habe.“ Ein beachtenswerter Beleg für eine wichtige Arbeit, und es war nicht die letzte Geburt, die sie begleitete.

Doppelseite aus dem Tagebuch der Hebamme Scheidler in Helmarshausen
Doppelseite aus dem Tagebuch der Hebamme Scheidler in Helmarshausen (HStAM Best. 330 Helmarshausen Nr. B 90)

Neben diesen jüngeren Nachweisen zu Hebammen und ihrer Arbeit finden sich auch ältere Informationen. Aus der Präfektur in Hanau ist ein kurioser Fall aus dem Jahr 1811 überliefert, in dem in Bruchköbel die Hebamme Vetter der Hexerei beschuldigt wurde (HStAM Best. 86 Nr. 10318). Bemerkenswert ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch eine Hebamme der Hexerei bezichtigt wurde, obwohl die Hexenprozesse bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts ihr Ende gefunden hatten. Entsprechend wurde auch am Rand der Eingabe notiert: „1. daß in Bruchköbel ein Aberglaube herrsche, 2. daß durch diesen Unglauben der Vetterin unrechtmäßiger Verdienst entzogen wurde.“ Dies, also der Verdienstausfall für die Hebamme, war neben anderen auch das Hauptargument, das sie selbst vorbrachte, um Ansprüche auf Schadenersatz geltend zu machen. Es ist davon auszugehen, dass neben der Aussage einer Zeugin, die jedoch den Hexereivorwurf in keiner Weise bestätigte, der Mentalitätswandel in der Gesellschaft dazu führte, dass das Verfahren nicht weiterverfolgt wurde. Hebammen wurden aber folglich wegen ihrer medizinischen Kenntnisse immer noch skeptisch betrachtet.

Aus dem 17. Jahrhundert ist der Brief der Hebamme Maria Hübschenberger aus Emmendingen überliefert, den sie im Dezember 1620 an Gräfin Anna von Waldeck, geborene von Baden-Hachenberg, geschrieben hat (HStAM Best. 115/01 Nr. 1280). Aus dem Ton des Briefes geht hervor, dass die Hebamme und die Waldecker Gräfin miteinander bekannt waren: „… deroselben zu schreiben, freundtlich zu grüßen, meinen Zustand zu entdecken, auch wie es Ew. Fl. Gnd. ergehet weiterer zu erfahren. Undt zwar mich anlangent undt meinen Hauswirth gehets uns wie armen leuthe zu gehen pflegt,“. Sie wünscht sich, dass sie Gräfin Anna wiedersehen möge, aber kein Geld habe, um von Emmendingen nach Waldeck zu reisen. Zudem sei ihr die Reise zu beschwerlich. Möglicherweise bat sie indirekt um Geld, denn sie erinnert die Gräfin daran, dass sie ihr einst zwei Reichstaler geschenkt habe, äußerte die Bitte aber nicht direkt. Es stellt sich die Frage, woher die Hebamme Maria Hübschenberger die Waldecker Gräfin kannte. Die Gräfin stammte aus Emmendingen, das zu Baden-Hachenberg gehörte. Alle ihrer zehn Kinder mit Graf Wolrad IV. von Waldeck-Eisenberg sind in Waldeck geboren bis auf das erste Kind, Marie Elisabeth. Es wäre daher denkbar, dass dieses Kind bei einem Besuch in der Heimat der Waldecker Gräfin auf die Welt kam, möglicherweise, weil dort eine bewährte Hebamme vorhanden war. Leider lässt sich dies nicht endgültig klären.

Verleihung einer Brosche an die Hebamme Elisabeth Eiffert
Verleihung einer Brosche an die Hebamme Elisabeth Eiffert, 1906 (HStAM Best. 330 Neukirchen Nr. B 1160)

Auch der Umstand der Verleihung einer Brosche an die Hebamme Elisabeth Eiffert in Neukirchen im Januar 1906 im Namen der Kaiserin Auguste Viktoria („Ihre Majestät die Kaiserin und Königin“) durch den Landrat des Kreises Ziegenhain (HStAM Best. 330 Neukirchen Nr. B 1160) ist in ihrer Ursache aus den Akten nicht endgültig zu erklären. Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag, eine sicherlich verdienstvolle Leistung mag dahintergestanden haben. Sie soll stellvertretend für die als Hebammen über die Jahrhunderte hinweg tätigen Frauen stehen, die alle viel mehr als nur eine Brosche verdient hätten.
Eva Bender, Marburg

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