„… so stören sie doch die Ruhe und Sicherheit in den Straßen.“

Vor 200 Jahren: Antisemitische "Hepp-Hepp-Unruhen"

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Bericht des Oberpolizeidirektors an den kurfürstlichen Oberschulrat in Kassel, 1819 (Ausschnitt)

Im Spätsommer jähren sich die antijüdischen Ausschreitungen, die unter dem Namen Hepp-Hepp-Unruhen bekannt wurden, zum 200. Mal. Auch in Kurhessen kam es 1819 zu Übergriffen.

Antisemitisches Flugblatt der Hepp-Hepp-Unruhen
"Den 18ten October wird hep, hep! gegeben, der Schauplatz ist in allen Strassen." Flugblatt vom 18. Oktober 1819, vermutlich von dem Marburger Studenten Valentin Heyn verfasst. (HStAM Best. 24 a Nr. 28)

Kassel an einem Septembertag 1819: Schüler des örtlichen Lyzeums stellen ihren jüdischen Mitschülern und deren Eltern nach, schmähen und zwingen sie, die Parole der überall grassierenden Ausschreitungen, das „jetzt so berüchtigte Hepp-Hepp“, zu skandieren. So berichtet es der Oberpolizeidirektor an den kurfürstlichen Oberschulrat in Kassel.

Ihren Ausgang hatten die Unruhen am 2. August in Würzburg genommen, um sich bald im gesamten Gebiet des Deutschen Bundes zu verbreiten. Steine wurden geschleudert, Männer und Frauen wurden auf offener Straße beschimpft, bedroht und attackiert. Mancherorts kam es zu regelrechten Straßenschlachten. Mit Flugblättern wurde die örtliche Bevölkerung, wie beispielsweise in Marburg und Fulda, aufgerufen, sich an den Hetzjagden zu beteiligen. Die kurfürstliche Residenzstadt erreichten die Unruhen verhältnismäßig spät.

Übersicht über die Ausschreitungen gegen Juden, 1819
Übersicht über Ort und Zeit der tumultarischen Auftritte gegen die Juden in Deutschland 1819 mit dem Losungswort Hep-Hep (HStAM Best. 6 a Nr. 2548)

Historiker sehen in ihnen aufgrund ihrer raschen überregionalen Verbreitung und großen Heftigkeit ebenso Endpunkt der alten wie Beginn einer modernen Judenfeindschaft: ein Gemisch aus erwachtem nationalen Selbstbewusstsein, Angst vor drohender Konkurrenz im Falle einer vollständigen bürgerlichen Gleichstellung der Juden – und schließlich ein tief sitzendes Unbehagen an den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen überhaupt, das einen Kristallisationspunkt suchte und ihn in der jüdischen Emanzipation fand.

Die Obrigkeit reagierte in Kurhessen im Jahr der Karlsbader Beschlüsse ebenso besorgt wie kompromisslos. Nächtliche Versammlungen wurden aufgelöst, Unruhestifter in Haft genommen, oder wie im Fall des Kasseler Lyzeums die Lehrer angewiesen, die Schüler schon für das Rufen der Parole, die der Bericht als „Losungswort zur Unordnung“ bezeichnet, körperlich zu züchtigen. Im Vordergrund stand vor allem die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit, nicht der Schutz der bedrohten Minderheit. Strafrechtlich verfolgt wurden Täter nur, wenn sie unmittelbar gestellt werden konnten.

Bericht des Oberpolizeidirektors an den kurfürstlichen Oberschulrat in Kassel, 1819
Bericht des Oberpolizeidirektors an den kurfürstlichen Oberschulrat in Kassel vom 16.09.1819 (HStAM Best. 17 h Nr. 170)

Auch die Zeitungen taten das Geschehen als Gewaltexzess einer frustrierten und ökonomisch abgehängten Unterschicht ab, um ihm so seine gesamtgesellschaftliche Relevanz abzusprechen. Ein Pressecoup, der so gut gelang, dass die Geschichtsschreibung dieser Darstellung der Ereignisse bis ins 20 Jahrhundert folgte.

Erst in den 1980er und verstärkt in den 1990er Jahren begann die historische Forschung in der politischen Kontroverse um die jüdische Emanzipation den Nährboden der Unruhen zu entdecken und die Deutungen der Amtsleute und der zeitgenössischen Presse auch in Hinblick auf die soziale Zusammensetzung der Proteste zu hinterfragen. Eine umfassende Aufarbeitung im Lichte der neuen Erkenntnisse bleibt ein Forschungsdesiderat.
Janine Aures, Marburg

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